Wer ein Gefühl dafür bekommen will, was die jetzt vollendete Kölner Ausgabe der Werke von Heinrich Böll bedeutet, kann ihren letzten, den 27. Band aufschlagen. Er enthält ein Register der Personen (168 Seiten), der Böll-Titel (34), der Institutionen (80), der Periodika (21), der Orte (82) sowie der Bibelstellen (22 Seiten); außerdem ein Verzeichnis der von Böll rezensierten Autoren, seiner Beiträge in Hörfunk und Fernsehen, in Zeitungen und Zeitschriften – und leider auch eine Liste der Errata. Und wer sich in die mehr als 20.000 Seiten der Romane und Erzählungen, der Essays und politischen Interventionen vertieft, findet nicht allein hilfreiche Kommentare, sondern auch die ausführliche Dokumentation der Rezeptionsgeschichte. Sie wirft ein helles Licht auf die geistige Verfassung der alten BRD, und wer alt genug ist, wird sich aufs Neue darüber freuen, dieser dumpfmeisterlichen Epoche entronnen zu sein.

Nicht selten jedoch gleichen Gesamtausgaben in Leinen und Schuber prächtigen Särgen, in denen berühmte Autoren ihre verdiente Ruhe finden. Ist der Abschluss der Kölner Ausgabe ein Begräbnis erster Klasse? Aus Anlass von Bölls 25. Todestag hat Marcel Reich-Ranicki in einem Interview gesagt, Böll sei weitgehend vergessen . Damals, auf dem Höhepunkt seines Ansehens, habe er eine Nase für jene Themen gehabt, die den Deutschen auf den Fingern gebrannt hätten. Heute aber seien andere Themen aktuell. Abgesehen von ein paar schönen Kurzgeschichten habe uns Böll nicht mehr viel zu sagen.

Wer jedoch sein Werk unvoreingenommen liest, der muss Reich-Ranicki widersprechen, und er wird das herrschende Verdikt, Böll habe es zwar gut gemeint, sei aber formal und sprachlich minderbemittelt gewesen, absurd finden. Man muss sich vor Augen führen, was in den vergangenen Dezennien an deutscher Literatur gelobt und ausgezeichnet worden ist, um festzustellen, dass dort ein rechtschaffen gradliniges Erzählen vorherrschend ist, ein wackerer, erfahrungsarmer Naturalismus. Verglichen damit ist Böll eine Riese an formalem und sprachlichem Können.

Nehmen wir zum Beispiel die Ansichten eines Clowns (1963), jenen Roman, der ja bei nicht wenigen unter Kitschverdacht steht. Böll hat hier die Form der Icherzählung gewählt, aber er hat die ambivalenten Möglichkeiten dieser Konvention meisterhaft ausgeschöpft. Denn Hans Schnier ist nicht Böll. Natürlich denkt man an Bölls satirische Begabung, wenn Schnier von seiner Mutter, der Millionärsgattin, erzählt, dass sie einst glühende Nationalsozialistin und Antisemitin war. Und nach dem Krieg war sie »Präsidentin des Zentralkomitees zur Versöhnung rassischer Gegensätze«. Solche Koinzidenzen hat Böll ja immer aufgespießt, aber das sollte uns nicht dazu verleiten, den Clown mit ihm zu verwechseln. Denn Hans Schnier ist vor allem von Selbstmitleid und Solipsismus geprägt, und Böll treibt diesen Erzähler an den Rand des Erträglichen, um ebendies deutlich zu machen: das Selbstbezogen-Genießerische in seinem Leiden. Wenn ein Prälat zu Hans Schnier sagt: »Das Schreckliche an Ihnen ist, dass Sie ein unschuldiger, fast möchte ich sagen, reiner Mensch sind«, dann entlarvt das den Prälaten, aber es trifft auch zu. Denn Schniers Einfalt ist ja nicht nur rein, sondern auch dumm. Wer derart selbstverliebt mit seiner geliebten Marie umgeht, hat diese Liebe nicht verdient.

Es gibt aber in diesem Roman eine bemerkenswerte philosophische Passage. Hans erinnert sich an eine Szene mit seinem jüngeren Bruder Leo, als dieser ihn darum bat, gemeinsam mit ihm ein Stück Holz durchzusägen, und auf die Frage, warum, keinen Grund angeben konnte. »Er wollte einfach nur sägen.« Hans, der Ältere, aber hat keine Lust, und Leo weint. Jahre später jedoch begreift Hans auf einmal, was der junge Bruder wollte, er erlebt die Szene noch einmal: »Ich erlebte seine Freude, seine Spannung, seine Erregung so intensiv, dass ich mitten im Unterricht anfing, Sägebewegungen zu machen, bis Pater Wunibald mich an den Haaren zupfte und zur Besinnung brachte. Seitdem habe ich wirklich mit Leo das Holz durchgesägt.« Und der Clown kommt zu dem Schluss, dass manches von dem, woran er sich mit Bestimmtheit erinnere, vielleicht gar nicht so gewesen sei und umgekehrt: dass ihm vieles, was er wirklich erlebt habe, als unwahr, als nicht real erscheine.

Hier haben wir ein Thema der Böllschen Poetik, auf das er immer wieder zurückkommt: Literatur ist nicht dann triftig, wenn sie auf Faktizität beruht, sondern wenn sie einer höheren, anders gearteten Wahrheit entspricht. Natürlich muss diese Wahrheit geerdet sein, und deshalb hat Böll immer sehr genau recherchiert. Aber er ist nie so buchhälterisch gewesen, dass die Ergebnisse der Recherche seine poetische Fantasie, also die Suche nach Wahrheit eingeengt hätten. In diesem Sinn war Böll eben kein Realist.