Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich bin stolz auf meinen Sohn. Er erinnert mich an eine berühmte historische Persönlichkeit, an Helmuth Graf von Moltke, den Chef des preußischen Generalstabes im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Moltke trug den Spitznamen »der große Schweiger«. Er sprach nicht gerne. In einer Besprechung des Generalstabes konnte es passieren, dass er zwei Stunden schweigend dabeisaß. Irgendwann stand Moltke auf, öffnete den Mund und sagte einen Satz, der in die Geschichte einging, zum Beispiel: »Getrennt marschieren, vereint schlagen.« Anschließend setzte er sich wieder und fuhr fort zu schweigen. Der Krieg war ja jetzt praktisch gewonnen. Man musste getrennt marschieren und vereint schlagen, mehr war es im Grunde nicht. Einmal sollte Moltke vor dem erwartungsfroh angetretenen Offizierskorps eine Grundsatzrede über die Monarchie halten. Diese Rede war genial und kann hier vollständig abgedruckt werden, sie lautete: »Meine Herren, der Kaiser – hurra, hurra, hurra!« Besser konnte das Denken des Offizierskorps nicht ausgedrückt werden. Mein Sohn ist aus exakt dem gleichen Holz geschnitzt. Die Bundeswehr wird von seinem militärischen Genie aber nicht profitieren, denn er gehört zu den ersten Jungs, die nicht mehr zur Bundeswehr müssen.

In der Schule hat mein Sohn aufgrund seines Wesens jahrelang schlechtere Noten bekommen, als er verdiente. Er schrieb in einem Fach zum Beispiel lauter Zweien und bekam am Ende eine Drei minus. Die sogenannte »mündliche Mitarbeit« wird nämlich seit einiger Zeit in der Notengebung mit 50 Prozent bewertet. Zu meiner Zeit spielte die »mündliche Mitarbeit« eine Rolle, wenn man zwischen zwei Noten auf der Kippe stand, man konnte sich von einer Drei bis Vier auf eine glatte Drei hochlabern, mehr nicht. Es gab in der Klasse ein schüchternes Mädchen, das in meiner gesamten Schulzeit nie auch nur ein einziges Wort gesagt hat, sie schrieb aber lauter Einsen und ist, glaube ich, heute eine erfolgreiche Anwältin. Die von unserem System diskriminierten schüchternen, zurückhaltenden oder zur Selbstdarstellung unbegabten Menschen können durchaus etwas leisten, sie sind oft recht intelligent. Sie sind nachdenklich. Bevor sie sprechen, denken sie nach, und wenn sie mit dem Denken fertig sind, ist es zu spät. Das ist ihr Problem.

Ich halte die »mündliche Mitarbeit« für einen Mythos, ihren Stellenwert für ein Zeitsymptom. Ob jemand den Stoff begriffen hat und anwenden kann, lässt sich in den Klassenarbeiten, und nur dort, halbwegs objektiv überprüfen. Mündlich meldet man sich, falls man etwas weiß; wenn man nichts weiß, meldet man sich nicht. Was man nicht weiß, kommt nur bei der Klassenarbeit heraus. Bei der »mündlichen Mitarbeit« kann man viel besser mogeln, etwa kurz den Nachbarn fragen oder ins Buch gucken, man kann auch bluffen – ich weiß, wovon ich rede. Man erzieht die Leute zu Dauerlaberern, zu Nervensägen und Ichdarstellern, die sollen alle ins Dschungelcamp.

Ich habe aber einen Ausweg gefunden. Mir ist aufgefallen, dass man zwar nachdenkliche Menschen problemlos diskriminieren darf, nicht aber Behinderte. Behinderte zu diskriminieren ist erfreulicherweise tabu. Man müsste also mit einem Musterprozess erreichen, dass ein nachdenkliches Wesen als Behinderung anerkannt wird, vielleicht kann das stille Mädchen aus meiner Schule den Fall durchfechten. Ihr Plädoyer wird lauten: »Nicht immer reden müssen, hurra, hurra, hurra!« Am Ende gibt es womöglich sogar Extraparkplätze für Nachdenkliche, genau wie für Frauen und Behinderte.

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