Martenstein: "Man erzieht die Leute zu Dauerlaberern"
Harald Martenstein über eine überschätzte Kulturtechnik
Ich bin stolz auf meinen Sohn. Er erinnert mich an eine berühmte historische Persönlichkeit, an Helmuth Graf von Moltke, den Chef des preußischen Generalstabes im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Moltke trug den Spitznamen »der große Schweiger«. Er sprach nicht gerne. In einer Besprechung des Generalstabes konnte es passieren, dass er zwei Stunden schweigend dabeisaß. Irgendwann stand Moltke auf, öffnete den Mund und sagte einen Satz, der in die Geschichte einging, zum Beispiel: »Getrennt marschieren, vereint schlagen.« Anschließend setzte er sich wieder und fuhr fort zu schweigen. Der Krieg war ja jetzt praktisch gewonnen. Man musste getrennt marschieren und vereint schlagen, mehr war es im Grunde nicht. Einmal sollte Moltke vor dem erwartungsfroh angetretenen Offizierskorps eine Grundsatzrede über die Monarchie halten. Diese Rede war genial und kann hier vollständig abgedruckt werden, sie lautete: »Meine Herren, der Kaiser – hurra, hurra, hurra!« Besser konnte das Denken des Offizierskorps nicht ausgedrückt werden. Mein Sohn ist aus exakt dem gleichen Holz geschnitzt. Die Bundeswehr wird von seinem militärischen Genie aber nicht profitieren, denn er gehört zu den ersten Jungs, die nicht mehr zur Bundeswehr müssen.
In der Schule hat mein Sohn aufgrund seines Wesens jahrelang schlechtere Noten bekommen, als er verdiente. Er schrieb in einem Fach zum Beispiel lauter Zweien und bekam am Ende eine Drei minus. Die sogenannte »mündliche Mitarbeit« wird nämlich seit einiger Zeit in der Notengebung mit 50 Prozent bewertet. Zu meiner Zeit spielte die »mündliche Mitarbeit« eine Rolle, wenn man zwischen zwei Noten auf der Kippe stand, man konnte sich von einer Drei bis Vier auf eine glatte Drei hochlabern, mehr nicht. Es gab in der Klasse ein schüchternes Mädchen, das in meiner gesamten Schulzeit nie auch nur ein einziges Wort gesagt hat, sie schrieb aber lauter Einsen und ist, glaube ich, heute eine erfolgreiche Anwältin. Die von unserem System diskriminierten schüchternen, zurückhaltenden oder zur Selbstdarstellung unbegabten Menschen können durchaus etwas leisten, sie sind oft recht intelligent. Sie sind nachdenklich. Bevor sie sprechen, denken sie nach, und wenn sie mit dem Denken fertig sind, ist es zu spät. Das ist ihr Problem.
Ich halte die »mündliche Mitarbeit« für einen Mythos, ihren Stellenwert für ein Zeitsymptom. Ob jemand den Stoff begriffen hat und anwenden kann, lässt sich in den Klassenarbeiten, und nur dort, halbwegs objektiv überprüfen. Mündlich meldet man sich, falls man etwas weiß; wenn man nichts weiß, meldet man sich nicht. Was man nicht weiß, kommt nur bei der Klassenarbeit heraus. Bei der »mündlichen Mitarbeit« kann man viel besser mogeln, etwa kurz den Nachbarn fragen oder ins Buch gucken, man kann auch bluffen – ich weiß, wovon ich rede. Man erzieht die Leute zu Dauerlaberern, zu Nervensägen und Ichdarstellern, die sollen alle ins Dschungelcamp.
Ich habe aber einen Ausweg gefunden. Mir ist aufgefallen, dass man zwar nachdenkliche Menschen problemlos diskriminieren darf, nicht aber Behinderte. Behinderte zu diskriminieren ist erfreulicherweise tabu. Man müsste also mit einem Musterprozess erreichen, dass ein nachdenkliches Wesen als Behinderung anerkannt wird, vielleicht kann das stille Mädchen aus meiner Schule den Fall durchfechten. Ihr Plädoyer wird lauten: »Nicht immer reden müssen, hurra, hurra, hurra!« Am Ende gibt es womöglich sogar Extraparkplätze für Nachdenkliche, genau wie für Frauen und Behinderte.
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... die den Mund nie aufbekommen haben und neidisch waren auf die, denen das leichter viel. Um Ihr angekratztes Ego über Wasser zu halten haben Sie dann jeglichen Wortbeitrag zu "Gelaber" erklärt.
Im Übrigen verweise ich auf meinen und andere frühere Kommentare zum Thema "mündlich" bezogen auf Schulnoten (in die sogenannte "mündliche" Note fließen alle Leistungen außer den in Klausuren erbrachten ein also etwa Referate, Vokabeltests u.ä.).
Sie haben somit bewiesen: Die Weitschweifigkeit -- und daß jeder seinen Senf dazugeben muß, ist eine Tugend, die keiner weiteren Förderung bedarf.
Leidenschaftliche Zustimmung zum Lob der Stillen! Stille Wasser sind tief -- das war eine Feststellung, die noch fehlte.
In diesem Sinne: Vereint schweigen, getrennt nachdenken. Das bringt die besten Ergebnisse. Ich danke Ihnen, Herr Martenstein.
Zumüllen ist eine beliebte Strategie, um zu ...???. Der Politiker tut's, der Chef tut's, die/der Geliebte tut's, ich tus. Manche nutzen dazu das gesprochene Wort, manche dagegen das geschriebene. Manche tun's mit Arbeitsanweisungen, andere mit Statistiken......der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Wer des schwäbischen mächtig ist kennt aber auch Gegenstrategien - ein/zeideutige Handlungsweisen, deftige Worte ggf. Gedanken u.v.a.m.
@JanGoldbeck: Sie sind vermutlich Lehrer - anders kann ich Ihren Beitrag nicht erklären :-) Beim Lesen habe ich mich mehrfach gefreut, lange der Schule entkommen zu sein und meine eigenen Kinder umso mehr bedauert.
Nein, Noten sollten sicherlich nicht ausschließlich aus dem Durchschnitt der Klassenarbeiten errechnet werden, aber ich habe das Gefühl, daß "Mitarbeit" auch vorgeschützt wird, um den Schülern eine schlechte Note reinzuwürgen. Das Argument "Mitarbeit" kann ja auch nie objektiviert werden: 1:0 für den Lehrer.
Also soll die Mitarbeit keine Rolle spielen, nur weil man sie nicht präzise messen kann? Dann bekommen wir bei "Leistung" aber generell ein Problem. Und die Beteiligung am Unterricht soll keine Leistung sein?
Falls Sie "nur" auf die Missbrauchsgefahr dieses Kriteriums hinaus wollten: da gebe ich Ihnen allerdings recht, aber vollständig abstellen lässt sich das sicherlich nicht - nicht, ohne die oben genannte größere Ungerechtigkeit einzuführen.
"@JanGoldbeck: Sie sind vermutlich Lehrer - anders kann ich Ihren Beitrag nicht erklären :-) Beim Lesen habe ich mich mehrfach gefreut, lange der Schule entkommen zu sein und meine eigenen Kinder umso mehr bedauert."
Und warum?
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Nein, Noten sollten sicherlich nicht ausschließlich aus dem Durchschnitt der Klassenarbeiten errechnet werden, aber ich habe das Gefühl, daß "Mitarbeit" auch vorgeschützt wird, um den Schülern eine schlechte Note reinzuwürgen. Das Argument "Mitarbeit" kann ja auch nie objektiviert werden: 1:0 für den Lehrer."
Ich verstehe sie nicht, ganz ehrlich nicht. Glauben sie tatsächlich, die Lehrer hätten einen Vorteil davon SuS "schlechte Noten reinzuwürgen"? Ich wüsste wirklich nicht welche.
Sonstige Mitarbeit kann genauso gut bewertet werden wie die schriftliche. HÄUFIGKEIT/LÄNGE einer Antwort ist nicht gleichzusetzen mit einer guten Note, eher das Gegenteil.
Kurz und bündig das Problem erkennen und Lösen müssen gelernt werden, im Schriftlichen wie im Mündlichen. Objektivität ist auch dann gegeben, wenn alle SuS die gleichen Aufgaben haben. Ihre Vorstellung vom Lehrer-Schüler gespräch ist veraltet. Ich arbeite mit Sozialformwechseln am laufenden Band.
1. Think: SuS haben kurz Zeit sich im Stillen Gedanken zu machen und diese Aufzuschreiben
2. Pair: Mit einem Partner werder die Ergebnisse verglichen und die Schnittmenge gesichert
3. Share: In Kleingruppen werden argumentativ und demokratisch die Resultate gefiltert und dem Plenum mitgeteilt.
Das ist fair.
Also soll die Mitarbeit keine Rolle spielen, nur weil man sie nicht präzise messen kann? Dann bekommen wir bei "Leistung" aber generell ein Problem. Und die Beteiligung am Unterricht soll keine Leistung sein?
Falls Sie "nur" auf die Missbrauchsgefahr dieses Kriteriums hinaus wollten: da gebe ich Ihnen allerdings recht, aber vollständig abstellen lässt sich das sicherlich nicht - nicht, ohne die oben genannte größere Ungerechtigkeit einzuführen.
"@JanGoldbeck: Sie sind vermutlich Lehrer - anders kann ich Ihren Beitrag nicht erklären :-) Beim Lesen habe ich mich mehrfach gefreut, lange der Schule entkommen zu sein und meine eigenen Kinder umso mehr bedauert."
Und warum?
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Nein, Noten sollten sicherlich nicht ausschließlich aus dem Durchschnitt der Klassenarbeiten errechnet werden, aber ich habe das Gefühl, daß "Mitarbeit" auch vorgeschützt wird, um den Schülern eine schlechte Note reinzuwürgen. Das Argument "Mitarbeit" kann ja auch nie objektiviert werden: 1:0 für den Lehrer."
Ich verstehe sie nicht, ganz ehrlich nicht. Glauben sie tatsächlich, die Lehrer hätten einen Vorteil davon SuS "schlechte Noten reinzuwürgen"? Ich wüsste wirklich nicht welche.
Sonstige Mitarbeit kann genauso gut bewertet werden wie die schriftliche. HÄUFIGKEIT/LÄNGE einer Antwort ist nicht gleichzusetzen mit einer guten Note, eher das Gegenteil.
Kurz und bündig das Problem erkennen und Lösen müssen gelernt werden, im Schriftlichen wie im Mündlichen. Objektivität ist auch dann gegeben, wenn alle SuS die gleichen Aufgaben haben. Ihre Vorstellung vom Lehrer-Schüler gespräch ist veraltet. Ich arbeite mit Sozialformwechseln am laufenden Band.
1. Think: SuS haben kurz Zeit sich im Stillen Gedanken zu machen und diese Aufzuschreiben
2. Pair: Mit einem Partner werder die Ergebnisse verglichen und die Schnittmenge gesichert
3. Share: In Kleingruppen werden argumentativ und demokratisch die Resultate gefiltert und dem Plenum mitgeteilt.
Das ist fair.
Also soll die Mitarbeit keine Rolle spielen, nur weil man sie nicht präzise messen kann? Dann bekommen wir bei "Leistung" aber generell ein Problem. Und die Beteiligung am Unterricht soll keine Leistung sein?
Falls Sie "nur" auf die Missbrauchsgefahr dieses Kriteriums hinaus wollten: da gebe ich Ihnen allerdings recht, aber vollständig abstellen lässt sich das sicherlich nicht - nicht, ohne die oben genannte größere Ungerechtigkeit einzuführen.
unterm Strich bin ich mit Ihnen d'accord, allerdings sollte man gewisse Aspekte berücksichtigen.
Zum Einen hätten Sie den Artikel etwas mehr anonymisieren können. In Ihrem privaten Umfeld lesen sicherlich einige Personen ein absatzstarkes Medium wie die Zeit und Sie setzen aus persönlichem Motiv diesen Lehrer unter Druck. Dies erscheint unnötig - unabhängig von Ihrer eigenen pädagogischen Auffassung.
Wie Sie an den Kommentaren sehen, nehmen viele Menschen diese "mündliche Mitarbeit" bei der Zeit wahr und diskutieren über diesen Artikel. Viele Eltern sehen gerade in Ihrem Kind einen "Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke" und fühlen sich benachteiligt. Bei so vielen Vornamen können sicherlich auch darüber Parallelen gezogen werden.
Zum Anderen lassen Sie Menschen mit Prüfungsängsten außen vor. Für diese Personengruppe ist die 50%ige Bewertung ein Mittel, um dem Lehrer zu verstehen zu geben, dass man eine behandelte Thematik auch verstanden hat. Frage hier: 50%?
Die Verknüpfung zum Dschungelcamp und den darin stattfindenden "Diskussionen" ist ein "Zeitsymptom", wie Sie es nennen. Dies hat mit Ihrer Argumentation wenig gemein. Herr Carrière, beispielsweise, fällt in eine gänzlich andere Generation als Ihr Sohn. Ob dieser zudem aus dem selben Holz geschnitzt ist wie ein verdienter Generalfeldmarschall, bleibt offen und wird sich in Zukunft zeigen. Wie Sie andeuten, wird er keine militärische Laufbahn einschlagen.
Es ist wichtig "mündige Bürger" in einer Demokratie zu erziehen.
kann ein Lied davon singen.
Je höher die Schulbildung umso größer die Gefahr des Gelabers.
Der große Vorteil ist m.E., für die Lehrerausbildung sollte es in Zukunft keinen Mangel an Nachwuchs geben.
Das ist doch schon mal was.
Die mündliche Mitarbeit hat auch meine Schulnoten immer nach unten gezogen, dabei waren meine schriftlichen Abgaben präzise und gut. Mit 600 Wörtern in einer 3 stündigen Abitur-Klausur war ich besser als viele der +3000 Wörter Abgaben. Auch wenn es die Lehrer bestreiten werden, mit der mündlichen Note wird vornehmlich die Quantität der Beiträge bewertet.
Durch meine Schulzeit weiß ich mein Studium um so mehr zu schätzen. Hier wird keine Mitarbeit bewertet, sondern Wissen. Ausarbeitungen sollen sich auf das Wesentliche konzentrieren und frei von unbestimmten Ausdrücken und Füllwörtern sein. "Wir machen hier Wissenschaft und keinen Journalismus!" meinte unser Professor.
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