Kaum eine Woche vergeht, in der nicht von neu entdeckten Fröschen berichtet wird. Forscher bringen Bilder meist unauffälliger, weil gut getarnter Tiere von ihren Expeditionen mit, aber auch Fotos von kunterbunten Exoten, ob aus dem Amazonasregenwald, Borneo oder Zentralafrika. Am vergangenen Mittwoch verschickte Jörn Köhler vom Hessischen Landesmuseum in Darmstadt Fotos eines grünen, leicht gesprenkelten Froschs mit weißbraunen Glupschaugen. Ihn hatte er mit Kollegen aus München und Braunschweig im Dschungel von Madagaskar aufgespürt, den Fund im Lauf des vergangenen Jahres in Fachzeitschriften veröffentlicht und mit einem Artnamen versehen. Boophis sandrae heißt er jetzt, Sandras Baumfrosch. Er ist nicht der einzige Neuling. Die deutschen Wissenschaftler haben festgestellt, dass es auf Madagaskar mindestens doppelt so viele Froscharten gibt, wie offiziell registriert sind – mehrere Hundert neu identifizierte Spezies harren noch der wissenschaftlichen Beschreibung und Benennung.

So wuchs die Zahl frisch erfasster Amphibienarten allein 2010 um über 200, im letzten Vierteljahrhundert nahm sie um mehr als 60 Prozent zu – auf derzeit 6800 Spezies. Darunter sind Geschöpfe, die zum Schönsten und Farbenfrohesten zählen, das die Natur hervorgebracht hat.

Bloß ist die Freude über diese Vielfalt getrübt, geht sie doch einher mit dramatischen Einbrüchen der Amphibienbestände. Wo es früher fast ohrenbetäubend quakte, trillerte, unkte und quarrte, da herrscht heute allzu oft Schweigen. Mensch und Natur setzen den erstaunlichen Kreaturen gleichermaßen zu: Ein tödlicher Pilz zieht um die Welt, er zerstört die Haut der Amphibien und bedroht so ganze Arten. Zugleich raubt die wachsende Menschheit mit ihrem steigenden Flächen- und Fleischbedarf den Amphibien ihre Lebensräume. Der Jagd fallen Frösche ebenfalls zum Opfer. Diese fatale Kombination erstreckt sich über alle Kontinente. Im verhallenden Froschkonzert endet das "Jahr der Biodiversität 2010" der Vereinten Nationen, und es beginnt die neue "UN-Dekade der Biodiversität 2011–2020".

Die weltweite Suche nach neuen Fröschen wird so zum Wettlauf mit deren Untergang. "Ein steigender Teil der Amphibienarten ist vom Aussterben bedroht, 41 Prozent gelten derzeit als gefährdet", sagt Robin Moore. Er ist Mitglied der Amphibia Specialist Group, einer gemeinsamen Expertengruppe der Naturschutzorganisation Conservation International (CI) und der International Union for the Conservation of Nature (IUCN) . Die IUCN führt auch die offizielle Rote Liste gefährdeter Arten.

Dort schlägt sich das Froschdrama indes nur verzögert nieder, weil Forscher fehlen und daher die Daten nicht mit dem Artentod Schritt halten. Als sicher gilt aber, dass Amphibien die weitaus am stärksten bedrohte Gruppe aller Wirbeltiere stellen. Denn sie leben zugleich im Wasser und an Land, sind also von Umweltveränderungen in beiden Bereichen betroffen. Ökologen sehen Frösche daher als "Indikatoren", lebende Sensoren für Umweltgefahren – ähnlich wie einst die Kanarienvögel in Kohlebergwerken.