Artenvielfalt Kein Frosch zu viel
Jährlich entdecken Zoologen fast 200 neue Amphibienarten – ein Wettlauf mit dem Aussterben. Denn Frösche werden rücksichtslos gejagt, von einer Seuche bedroht und ihres Lebensraums beraubt.
© Dr. Jörn Köhler/Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Dieser neu entdeckte Baumfrosch erhielt erst im vergangenen Jahr einen Artennamen: Boophis sandrae heißt er, Sandras Baumfrosch
Kaum eine Woche vergeht, in der nicht von neu entdeckten Fröschen berichtet wird. Forscher bringen Bilder meist unauffälliger, weil gut getarnter Tiere von ihren Expeditionen mit, aber auch Fotos von kunterbunten Exoten, ob aus dem Amazonasregenwald, Borneo oder Zentralafrika. Am vergangenen Mittwoch verschickte Jörn Köhler vom Hessischen Landesmuseum in Darmstadt Fotos eines grünen, leicht gesprenkelten Froschs mit weißbraunen Glupschaugen. Ihn hatte er mit Kollegen aus München und Braunschweig im Dschungel von Madagaskar aufgespürt, den Fund im Lauf des vergangenen Jahres in Fachzeitschriften veröffentlicht und mit einem Artnamen versehen. Boophis sandrae heißt er jetzt, Sandras Baumfrosch. Er ist nicht der einzige Neuling. Die deutschen Wissenschaftler haben festgestellt, dass es auf Madagaskar mindestens doppelt so viele Froscharten gibt, wie offiziell registriert sind – mehrere Hundert neu identifizierte Spezies harren noch der wissenschaftlichen Beschreibung und Benennung.
So wuchs die Zahl frisch erfasster Amphibienarten allein 2010 um über 200, im letzten Vierteljahrhundert nahm sie um mehr als 60 Prozent zu – auf derzeit 6800 Spezies. Darunter sind Geschöpfe, die zum Schönsten und Farbenfrohesten zählen, das die Natur hervorgebracht hat.
- Jäger und Gejagte
Amphibien sind zugleich Räuber und Beute. Sie und ihre Larven werden jährlich milliardenfach von Feinden verspeist - von allerlei gefräßigen Wirbeltieren wie Fischen, Reptilien, Vögeln. Und ebenso von Menschen, sei es aus blanker Not oder aus Lust an der exotischen Delikatesse.
- Gifte
-
Weil sie physisch meist wehrlos waren, brachten Frösche und Lurche im Lauf ihrer Evolution Gifte als effektive Abschreckung gegen Fraßfeinde hervor. Diese stecken in der Haut der Amphibien. Dort warten sie gleich im ersten Bissen auf potenzielle Jäger. Die tödlichsten Stoffe, die in der Natur vorkommen, zählen dazu. So kann etwa ein einziges Exemplar des knallgelben Baumsteigerfroschs Phyllobates terribilis mehr als ein Milligramm Batrachotoxin enthalten.
Der Terribilis ist durchaus treffend benannt: Rechnerisch würde das Toxin eines einzigen Froschs genügen, um hundert erwachsene Menschen zu töten. Urwaldjäger nutzen es zum Vergiften von Pfeilspitzen. Es ist ein extremes Nervengift aus der Klasse der Steroid-Alkaloide und wurde biomedizinisch intensiv erforscht, um die Leitung von Nervensignalen aufzuklären. Es verursacht Dauererregungen, Lähmungen, Herzstillstand.
Offenbar produzieren die Pfeilgiftfrösche das Toxin nicht selbst, sondern nehmen dessen Grundbausteine mit ihrer Nahrung auf: Im Labor gezüchtete Exemplare sind aufgrund der andersartigen Nahrung meist ungiftig. Indem die Tiere nach jeder Häutung ihre alte Hülle verschlucken, verwerten sie deren Inhaltsstoffe wieder.
- Arzneien
Unter den mehreren Hundert biologisch wirksamen Substanzen aus der Froschhaut finden sich neben Biowaffen aber auch Naturarzneien: Wer dauernd nackt durch Tümpel, Sümpfe oder Schlammlöcher springt, der braucht zum Beispiel eine schützende Schleimschicht samt Antibiotika gegen Bakterien und ebenso wirksame Antimykotika gegen Pilze. Diese Frosch-Chemie machen sich auch menschliche Arzneiforscher zunutze.
Bloß ist die Freude über diese Vielfalt getrübt, geht sie doch einher mit dramatischen Einbrüchen der Amphibienbestände. Wo es früher fast ohrenbetäubend quakte, trillerte, unkte und quarrte, da herrscht heute allzu oft Schweigen. Mensch und Natur setzen den erstaunlichen Kreaturen gleichermaßen zu: Ein tödlicher Pilz zieht um die Welt, er zerstört die Haut der Amphibien und bedroht so ganze Arten. Zugleich raubt die wachsende Menschheit mit ihrem steigenden Flächen- und Fleischbedarf den Amphibien ihre Lebensräume. Der Jagd fallen Frösche ebenfalls zum Opfer. Diese fatale Kombination erstreckt sich über alle Kontinente. Im verhallenden Froschkonzert endet das "Jahr der Biodiversität 2010" der Vereinten Nationen, und es beginnt die neue "UN-Dekade der Biodiversität 2011–2020".
Die weltweite Suche nach neuen Fröschen wird so zum Wettlauf mit deren Untergang. "Ein steigender Teil der Amphibienarten ist vom Aussterben bedroht, 41 Prozent gelten derzeit als gefährdet", sagt Robin Moore. Er ist Mitglied der Amphibia Specialist Group, einer gemeinsamen Expertengruppe der Naturschutzorganisation Conservation International (CI) und der International Union for the Conservation of Nature (IUCN). Die IUCN führt auch die offizielle Rote Liste gefährdeter Arten.
Dort schlägt sich das Froschdrama indes nur verzögert nieder, weil Forscher fehlen und daher die Daten nicht mit dem Artentod Schritt halten. Als sicher gilt aber, dass Amphibien die weitaus am stärksten bedrohte Gruppe aller Wirbeltiere stellen. Denn sie leben zugleich im Wasser und an Land, sind also von Umweltveränderungen in beiden Bereichen betroffen. Ökologen sehen Frösche daher als "Indikatoren", lebende Sensoren für Umweltgefahren – ähnlich wie einst die Kanarienvögel in Kohlebergwerken.
- Datum 01.02.2011 - 06:48 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 27.1.2011 Nr. 05
- Kommentare 6
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Gut, die Überschrift mag sich etwas pathetisch anhören, aber wie will man es nennen, wenn Lebewesen für immer und alle Zeit verschwinden?
Ich danke der Zeit dafür, das Thema Artensterben immer wieder aufzugreifen. Die Dimension dessen, was da gerade passiert, ist die gleiche wie beim Klimawandel.
Wir sollten etwas dagegen tun. Jetzt.
Wie der Karussellbremser das ewige Lied singt, schreibt der Zeitgeist der Zeit den Geist vor ...
Zitat: ... zugleich raubt die wachsende Menschheit mit ihrem steigenden Flächen- und Fleischbedarf den Amphibien ihre Lebensräume ...
a) wir wären in der glücklichen Lage der Natur nun endlich Flächen wieder geben zu können, bauen doch wegen hysterischer Weltuntergangsideologien nun Rohstoffe zur Gewinnung von Energie an
b) wie steigender Fleischbedarf die Lebensräume der Amphibien einschränken soll, partiell vielleicht ja, aber flächendeckend?
und zu guter Letzt @ LP
Artensterben und Klimawandel auf eine Stufe zu stellen ist endlich mal richtig auch wenn es von Ihnen anders gemeint ist, den Klima wandelt sich seit Anbeginn der Tage beständig und Arten sterben ebenfalls beständig aus und Neue kommen hinzu. Nur ... streben eine Konservierung des Ist-Zustandes an.
Zitat:
"Artensterben und Klimawandel auf eine Stufe zu stellen ist endlich mal richtig auch wenn es von Ihnen anders gemeint ist, den Klima wandelt sich seit Anbeginn der Tage beständig und Arten sterben ebenfalls beständig aus und Neue kommen hinzu. Nur ... streben eine Konservierung des Ist-Zustandes an."
Dass sich die Arten durch Evolution wandeln, neue auftreten und andere verschwinden ist mir ebenso klar wie die Tatsache, dass die letzte Eiszeit circa. 10.000 Jahre zurück liegt. Und mit ihr ist auch das Wollnashorn verschwunden, um es mal auf einen Nenner zu bringen.
Daneben gibt es noch Phasen des Massensterbens. Bisher fünf. Die letzte liegt 65 Millionen Jahre zurück und war begleitet vom Aufstieg der Säugetiere. Die Sechste hat gerade begonnen. Und darauf habe ich mich mit meinem Kommentar bezogen. Auf sonst nichts.
Der Grund, warum ich auf das Argument, dass schon immer Arten ausgestorben sind, nur noch selten eingehe, obwohl ich zu 90 Prozent sicher bin, dass es von irgend jemandem kommen wird: Es ist ermüdend, diesem Scheinargument immer wieder die Grundlage entziehen zu müssen. Ich habe den ganzen Kram studiert und die Evolution erscheint mir so selbstverständlich, dass ich darüber nicht immer wieder reden will.
Kurz: Einzelne Arten verschwinden auch auf natürlichem Wege, ganze Ökosysteme eher nicht. Das Massensterben ist Ausdruck für die Verfassung der Ökosysteme. Es geht ihnen schlecht.
Sie haben absolut recht, dass es schon immer einen Wandel der Arten gegeben hat. Dieser Prozess hat ja erst zur heutigen Artenvielfalt beigetragen. Neue Arten entstehen, andere Arten verschwinde. Allerdings ist dies ein Prozess, der sich über zehntausende bis Millionen von Jahren erstreckte! Tiere und Pflanzen hatten Jahrtausende Zeit, um sich an minimale Änderungen in der Umwelt anzupassen. Durch den Eingriff des Menschen ist der Flora und Fauna aber zum einen die Zeit zur Anpassunge genommen worden. Und zum anderen schlicht und ergreifend einfach der Platz!
Schauen Sie sich doch einfach mal in Ihrer Umgebung um! Wie viele zusammenhängende Waldgebiete, wie viele Auenwälder, wie viele nicht begradigte Flüsse, wie viele Moore gibt es bei Ihnen denn? Merken Sie was? Wo sollen die Viecher denn alle hin? Zu Ihnen ins Wohnzimmer?
Es geht nicht darum, einen Ist-Zustand zu konservieren. Es geht darum, der Natur einfach wieder mehr Respekt entgegenzubringen und endlich schonender mit unseren eigenen Lebensgrundlagen umzugehen!
Zitat:
"Artensterben und Klimawandel auf eine Stufe zu stellen ist endlich mal richtig auch wenn es von Ihnen anders gemeint ist, den Klima wandelt sich seit Anbeginn der Tage beständig und Arten sterben ebenfalls beständig aus und Neue kommen hinzu. Nur ... streben eine Konservierung des Ist-Zustandes an."
Dass sich die Arten durch Evolution wandeln, neue auftreten und andere verschwinden ist mir ebenso klar wie die Tatsache, dass die letzte Eiszeit circa. 10.000 Jahre zurück liegt. Und mit ihr ist auch das Wollnashorn verschwunden, um es mal auf einen Nenner zu bringen.
Daneben gibt es noch Phasen des Massensterbens. Bisher fünf. Die letzte liegt 65 Millionen Jahre zurück und war begleitet vom Aufstieg der Säugetiere. Die Sechste hat gerade begonnen. Und darauf habe ich mich mit meinem Kommentar bezogen. Auf sonst nichts.
Der Grund, warum ich auf das Argument, dass schon immer Arten ausgestorben sind, nur noch selten eingehe, obwohl ich zu 90 Prozent sicher bin, dass es von irgend jemandem kommen wird: Es ist ermüdend, diesem Scheinargument immer wieder die Grundlage entziehen zu müssen. Ich habe den ganzen Kram studiert und die Evolution erscheint mir so selbstverständlich, dass ich darüber nicht immer wieder reden will.
Kurz: Einzelne Arten verschwinden auch auf natürlichem Wege, ganze Ökosysteme eher nicht. Das Massensterben ist Ausdruck für die Verfassung der Ökosysteme. Es geht ihnen schlecht.
Sie haben absolut recht, dass es schon immer einen Wandel der Arten gegeben hat. Dieser Prozess hat ja erst zur heutigen Artenvielfalt beigetragen. Neue Arten entstehen, andere Arten verschwinde. Allerdings ist dies ein Prozess, der sich über zehntausende bis Millionen von Jahren erstreckte! Tiere und Pflanzen hatten Jahrtausende Zeit, um sich an minimale Änderungen in der Umwelt anzupassen. Durch den Eingriff des Menschen ist der Flora und Fauna aber zum einen die Zeit zur Anpassunge genommen worden. Und zum anderen schlicht und ergreifend einfach der Platz!
Schauen Sie sich doch einfach mal in Ihrer Umgebung um! Wie viele zusammenhängende Waldgebiete, wie viele Auenwälder, wie viele nicht begradigte Flüsse, wie viele Moore gibt es bei Ihnen denn? Merken Sie was? Wo sollen die Viecher denn alle hin? Zu Ihnen ins Wohnzimmer?
Es geht nicht darum, einen Ist-Zustand zu konservieren. Es geht darum, der Natur einfach wieder mehr Respekt entgegenzubringen und endlich schonender mit unseren eigenen Lebensgrundlagen umzugehen!
Artensterben und Klimawandel steht m. E. in mehrfacher Hinsicht auf einer Stufe. Einerseits sind beide natürliche Prozesse; andererseits sind beide erheblich anthropogen beeinflusst. Es gilt, langfristige Trends und Bandbreiten der Entwicklung zu erfassen - ebenso wie Umfang und Qualität der menschlichen Beeinflussung. Zumindest, wenn man durch eine geeignete Mischung aus Intuition und rationaler Planung seine Umwelt derart gestalten will, dass sie für unsere Nachkommen genauso gut wie heute belebbar ist, scheint es ratsam, weder voreilig zu handeln, noch unachtsam zu überspitzen oder zu polarisieren.
Alternativ kann man natürlich auch einfach einen bewusst intuitiven Zugang zu seiner Umwelt pflegen und auf diese Weise naturschonend leben.
...den ich als allgemeines Argument auch so unterschreiben würde.
Es gibt aber Situationen, in denen man entschlossen anpacken muss.
Wenn ich z. B. Kapitän auf einem Schiff bin das langsam absäuft, dann werde ich mit der Crew nicht lange darüber debattieren wie man das Problem am besten löst, sondern Anweisung, das Leck sofort zu schließen.
...den ich als allgemeines Argument auch so unterschreiben würde.
Es gibt aber Situationen, in denen man entschlossen anpacken muss.
Wenn ich z. B. Kapitän auf einem Schiff bin das langsam absäuft, dann werde ich mit der Crew nicht lange darüber debattieren wie man das Problem am besten löst, sondern Anweisung, das Leck sofort zu schließen.
Zitat:
"Artensterben und Klimawandel auf eine Stufe zu stellen ist endlich mal richtig auch wenn es von Ihnen anders gemeint ist, den Klima wandelt sich seit Anbeginn der Tage beständig und Arten sterben ebenfalls beständig aus und Neue kommen hinzu. Nur ... streben eine Konservierung des Ist-Zustandes an."
Dass sich die Arten durch Evolution wandeln, neue auftreten und andere verschwinden ist mir ebenso klar wie die Tatsache, dass die letzte Eiszeit circa. 10.000 Jahre zurück liegt. Und mit ihr ist auch das Wollnashorn verschwunden, um es mal auf einen Nenner zu bringen.
Daneben gibt es noch Phasen des Massensterbens. Bisher fünf. Die letzte liegt 65 Millionen Jahre zurück und war begleitet vom Aufstieg der Säugetiere. Die Sechste hat gerade begonnen. Und darauf habe ich mich mit meinem Kommentar bezogen. Auf sonst nichts.
Der Grund, warum ich auf das Argument, dass schon immer Arten ausgestorben sind, nur noch selten eingehe, obwohl ich zu 90 Prozent sicher bin, dass es von irgend jemandem kommen wird: Es ist ermüdend, diesem Scheinargument immer wieder die Grundlage entziehen zu müssen. Ich habe den ganzen Kram studiert und die Evolution erscheint mir so selbstverständlich, dass ich darüber nicht immer wieder reden will.
Kurz: Einzelne Arten verschwinden auch auf natürlichem Wege, ganze Ökosysteme eher nicht. Das Massensterben ist Ausdruck für die Verfassung der Ökosysteme. Es geht ihnen schlecht.
...den ich als allgemeines Argument auch so unterschreiben würde.
Es gibt aber Situationen, in denen man entschlossen anpacken muss.
Wenn ich z. B. Kapitän auf einem Schiff bin das langsam absäuft, dann werde ich mit der Crew nicht lange darüber debattieren wie man das Problem am besten löst, sondern Anweisung, das Leck sofort zu schließen.
Sie haben absolut recht, dass es schon immer einen Wandel der Arten gegeben hat. Dieser Prozess hat ja erst zur heutigen Artenvielfalt beigetragen. Neue Arten entstehen, andere Arten verschwinde. Allerdings ist dies ein Prozess, der sich über zehntausende bis Millionen von Jahren erstreckte! Tiere und Pflanzen hatten Jahrtausende Zeit, um sich an minimale Änderungen in der Umwelt anzupassen. Durch den Eingriff des Menschen ist der Flora und Fauna aber zum einen die Zeit zur Anpassunge genommen worden. Und zum anderen schlicht und ergreifend einfach der Platz!
Schauen Sie sich doch einfach mal in Ihrer Umgebung um! Wie viele zusammenhängende Waldgebiete, wie viele Auenwälder, wie viele nicht begradigte Flüsse, wie viele Moore gibt es bei Ihnen denn? Merken Sie was? Wo sollen die Viecher denn alle hin? Zu Ihnen ins Wohnzimmer?
Es geht nicht darum, einen Ist-Zustand zu konservieren. Es geht darum, der Natur einfach wieder mehr Respekt entgegenzubringen und endlich schonender mit unseren eigenen Lebensgrundlagen umzugehen!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren