Bisherige Versuche, die spektakulären Tiere in Zoos nachzuzüchten, sind gescheitert: Statt sich zu vermehren, schlugen sich die sprunggewaltigen Tiere an Fenstergläsern die Schnauzen blutig. Der Froschexperte Alexander Haas vom Biozentrum Grindel und Zoologischen Museum in Hamburg erklärt, warum eine Massenzucht so schwierig wäre: "Der Goliathfrosch ist sehr anspruchsvoll und lebt bevorzugt in sauberen und kühlen Bergbächen." Insbesondere die Kaulquappen vieler Arten stellten spezielle Ansprüche an die Laichgewässer. Werden diese verschmutzt, etwa durch Erosion, Bergbau, Überdüngung oder Pestizide, dann bleibt der Nachwuchs aus, die Froschwelt stumm. Genau wegen dieser Verletzlichkeit gelten die Amphibien als empfindliche Umweltsensoren.

Haas hat sich an der Suche nach verlorenen Fröschen beteiligt – im Urwald von Borneo. Dort entdeckte er mit seinem Kollegen Indraneil von der Universität Malaysia in Sarawak das Gegenteil eines Goliaths, nämlich den kleinsten Frosch der Alten Welt, Microhyla nepenthicola. Der Minihüpfer wird kaum größer als eine dicke Erbse, lebt gut getarnt und ruft am frühen Abend mit Serien harter, raspelnder Töne nach einer Partnerin. Das lockte auch die Herpetologen an. Verblüfft stellten sie fest: Das Leichtgewicht lebt in faszinierender Symbiose ausgerechnet mit einer fleischfressenden Kannenpflanze, die den Kaulquappen exklusive Schwimmbecken bietet. Die Fangkannen voller Verdauungsflüssigkeit dienen ihnen als Kinderstube. "Dass es auf Borneo noch eine Fülle neuer Froscharten zu entdecken gibt", steht für Alexander Haas fest, "insbesondere in den schwer zugänglichen Bergen von Kalimantan".

Auch auf Borneo machen Holzeinschlag und Brandrodung die Suche nach den faszinierenden Hüpfern zu einem Wettlauf gegen die Zeit: Noch zählen Indonesiens Regenwälder zu den artenreichsten der Welt. Doch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen prognostiziert, dass sie binnen zehn Jahren zu 98 Prozent zerstört oder degradiert sein werden.

Zugleich ist Indonesien weltgrößter Exporteur von Froschschenkeln, mit mehr als 4000 Tonnen pro Jahr (das entspricht etwa 150 Millionen Tieren, der Binnenkonsum ist noch um ein Vielfaches höher). Bislang speist er sich zum großen Teil aus Wildfängen. Hauptabnehmer ist die EU, besonders Frankreich, Belgien und Luxemburg. In der Zeitschrift Conservation Biology forderte deshalb ein internationales Autorenteam, der globale Handel müsse streng zertifiziert werden. Das ist jedoch teuer und kompliziert: Die Kontrollen müssten vor Ort stattfinden, da Schenkel üblicherweise gehäutet exportiert werden, was eine Artbestimmung im Nachhinein schwer macht. So viel zum Export – falls Regierungen einen besseren Froschschutz forderten oder Importeure sich ihm freiwillig verschreiben würden.

Mark-Oliver Rödel würde gerne nachhaltige Froschzuchten in Afrika aufbauen. "Geeignet wären etwa die anspruchslosen einheimischen Tigerfrösche", sagt er. Die gedeihten in fast jeder Pfütze und ganz ohne zusätzliches Futter im Wasser von Reisfeldern. Voraussetzung für eine fundierte Beratung von Pilotprojekten: Forscher müssten zuerst noch zentrale biologische Fragen klären, etwa wann die Tiere geschlechtsreif werden oder wie stark sie sich jährlich vermehren. Dieses Wissen über den Zuchtfrosch würde dann zugleich dem Schutz der wilden Verwandtschaft dienen.

Ende des Jahres ist auch Froschschützer Robin Moore wieder fündig geworden. An schlammigen Regenwaldhängen im westlichen Kolumbien fand sein Team Mitte November zwar keine lost frogs, aber gleich drei bislang unbekannte Arten: eine rotäugige Kröte, eine spitznasige Kröte der Gattung Rhinella sowie ein hübsches, rotschenkliges Baumsteigerfröschlein der Gattung Silverstoneia .

Mitte Januar vermeldete Moore die Wiederentdeckung von gleich sechs verschollenen Froscharten in einem kleinen Reservat in Haiti. Dort steht noch ein Rest des ursprünglichen Waldes – 99 Prozent sind bereits abgeholzt. Und eine der Haupteinkommensquellen vieler Haitianer ist der Verkauf von Holzkohle.

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