Louis-Ferdinand Céline ist ein Problem, das es in Deutschland nicht gibt. Er war Rassist, Antisemit, Genie und nationaler Großschriftsteller. So jemanden haben wir nicht. Vor fünfzig Jahren ist er gestorben. Seine Werke und Briefe erscheinen in den edlen Lederbänden und auf dem Dünndruckpapier der Bibliothèque de la Pléiade im Pariser Verlag Gallimard – unter Aussparung seiner weißglühenden antisemitischen Hetzschriften.

Von der Résistance zum Tode verurteilt, floh Céline nach dem Krieg nach Dänemark, 1951 wird er amnestiert und rehabilitiert. Große Künstler, so die begütigende Lesart, seien zuweilen Amoralisten, vielleicht sogar (wohliges Schauern) umso größer, desto amoralischer. Eine Prise salonfähiger Antihumanismus gehört vom Marquis de Sade über Michel Houellebecq, Jonathan Littell bis zu Mathias Énard zum Pariser Skandal-Schriftsteller wie die Perlen zum Champagner. Oder so ähnlich. Genauer wollte man sich nicht festlegen, genauer wollte man auch nicht hinsehen, weshalb die skandalösen rassistischen Hetzschriften Célines aus den dreißiger und vierziger Jahren nicht nur in der Pléiade-Ausgabe, sondern überhaupt in der literarischen Öffentlichkeit bis heute fehlen. Der solcherart bereinigte Céline konnte in Frankreich mit seinem bahnbrechenden subtil-vulgären Antiroman Reise ans Ende der Nacht sogar zum nationalen Examensstoff werden.

Zur diesjährigen Feier des 50. Todestages wollte das französische Kulturministerium die geglückte Wiederaufnahme des großen Autors in die französische Literaturgeschichte endgültig besiegeln. In einer amtlichen Broschüre der »nationalen Feierlichkeiten«, die jährlich von einem noblen Gremium des Ministeriums zusammengestellt wird, figuriert Céline als ein vom Élysée zu feiernder Jubilar des Jahres 2011, der sich, so wörtlich, »sorgfältig von der offiziellen Kollaboration ferngehalten« habe. Der Historiker Serge Klarsfeld, Präsident der Vereinigung der Söhne und Töchter der Deportierten Frankreichs, reagierte sofort mit einem offenen Brief. Die Ehrung eines Antisemiten durch die Republik sei inakzeptabel. Wenige Tage später zog Kulturminister Frédéric Mitterrand die fragliche Broschüre zurück. Wieder großer Tumult. Schriftsteller Philippe Sollers attackiert den »Zensurminister« Mitterrand, Bernard-Henri Lévy und Alain Finkelkraut werben um Verständnis für das »widersprüchliche Erbe« Célines. Großes Debattenaufkommen in Le Monde . Und nun?

Die Causa Céline ist unlösbar. Die Eingemeindung des großen Autors unter Nichtbeachtung von seinen Nachtseiten ist unmöglich. Die unter Berücksichtigung seines Antisemitismus aber auch. Es gibt keinen genialen Mister Jekyll, der unabhängig vom rassistischen Mister Hyde agierte, wie es die allzu versöhnungstaumelige Nachkriegsrezeption nahelegt. Célines Geistesaristokratismus, sein glühender Avantgardismus, sein antimodernes Ressentiment und sein nackter Rassismus sind nicht in ordentlich voneinander getrennten Bauabschnitten entstanden. Sie sind Teil einer großen Obsession, Motor für viele Tausend Zeilen Hass im Namen des großen Einzelnen gegen den Uniformismus, den Konformismus, den Materialismus, den Internationalismus, den Rationalismus, den sterilen Industrialismus, die mechanische Dressur der Kinder – die seiner Meinung nach übersichtlicherweise alle das Werk der Juden seien. Nicht einmal die deutschen Antisemiten mochten ihm da zustimmen. Sein Antisemitismus, so hieß es, sei hysterisch und unseriös. Was natürlich auch für seine Romane gilt und diesen zum Vorteil gereicht. Denn noch langweiliger als ein unhysterischer und seriöser Roman ist nur noch ein Literaturstreit mit versöhnlichem Ausgang.