Zölibat : Lieber ein Priester mit Frau …

… als eine Gemeinde ohne Priester. Der Pflichtzölibat für katholische Geistliche muss abgeschafft werden.

Die Zuschriften sind zahlreich, oft kurz und heftig:

»Der unsägliche Kirchenrechtsparagraf, der den Zwangszölibat fordert, kann eine Menschenrechtsverletzung genannt werden.«

»Ich möchte an Ihr Gewissen appellieren, die katholischen Laien nicht zu verunsichern und gegen ihre Heilige Kirche aufzuhetzen.«

»Fasziniert und gleichzeitig mit Befremden wundere ich mich darüber, dass sich Politiker in solche Kircheninterna, wie den Zölibat und Priesterberufe, einmischen.«

Der Brief, den ich gemeinsam mit einigen anderen katholischen Christen an die deutschen Bischöfe geschrieben habe, erregt die Gemüter. Ich möchte unser Anliegen daher erläutern.

Nein, wir sind nicht »gegen den Zölibat«, schon gar nicht »gegen die Bischöfe«, die wir auch nicht mit »Forderungen« konfrontieren, sondern mit einer Bitte. Und diese dringende Bitte ist entstanden aus lebenslanger kirchlicher Verbundenheit, tiefer Sorge und wachsender Ungeduld. Wir sind ein Kreis politisch engagierter, katholischer Christen, die sich seit mehr als 30 Jahren immer wieder in der öffentlichen Diskussion zu politischen und kirchlichen Grundsatzfragen zu Wort gemeldet haben. Wir sprechen nicht im Namen einer Partei, auch nicht für »die« Katholiken, sondern für uns – und wie die Reaktionen auf unseren Brief zeigen, für viele engagierte Laien und Priester.

Nicht aus einer spontanen Laune, sondern nach gründlicher Befassung halten wir es für dringend geboten, die deutschen Bischöfe im Lichte der besorgniserregenden Zunahme des Priestermangels zu bitten, die Zulassung von viri probati, also bewährten verheirateten Männern, zur Priesterweihe zu ihrem eigenen Anliegen zu machen und sich dafür in der Gemeinschaft der Bischöfe der Weltkirche und vor allem in Rom mit Nachdruck einzusetzen. Gegebenenfalls sollte auch eine regionale Ausnahmeregelung für Deutschland in Erwägung gezogen werden. Alle, zum Teil durchaus berechtigten Gründe, an der bisherigen traditionsreichen, wenn auch nicht durch ein Gebot Christi unabweisbaren Praxis festzuhalten, wiegen unseres Erachtens nicht so schwer wie die Not vieler priesterloser Gemeinden, in denen die sonntägliche Messfeier nicht mehr möglich ist, und die wachsende Gefahr, dass die wenigen, noch zur Verfügung stehenden Priester, denen unsere Hochachtung und Solidarität gehört, sich in ihrem Bemühen, ständig zunehmender Belastung gerecht zu werden, aufreiben.

Zur Verdeutlichung der Entwicklung nur wenige Zahlen: 1960 waren knapp 15.500 Geistliche in der Pfarrseelsorge tätig, derzeit sind es noch 8500. Gerade noch 150 Männer wollten 2010 in Deutschland katholische Priester werden, 2006 waren es noch 211. Tatsächlich hält der Abwärtstrend schon länger an: In den vergangenen zehn Jahren hat die katholische Kirche nicht weniger als 20 Prozent ihrer aktiven Priesterschaft verloren. In vier Jahren – so schätzt das Erzbistum Köln – können voraussichtlich etwa 60 Priesterstellen nicht mehr besetzt werden. Das Erzbistum Paderborn hat bereits 2009 angekündigt, dass die Pastoralverbünde von 213 auf 100 zu reduzieren sind, im Ruhrgebietsbistum Essen sollen 100 von 350 Kirchen geschlossen werden.

Die durch den Priestermangel unvermeidliche Zusammenfassung früherer selbständiger Pfarreien führt zu Größenordnungen, die noch vor wenigen Jahren für undenkbar, jedenfalls unvertretbar gehalten wurden. In einer Großpfarrei wie Gelsenkirchen-Buer zum Beispiel gibt es heute 40.000 Kirchenmitglieder. Wie soll da eine persönliche Seelsorge möglich sein? Im Bistum Münster wurden im vergangenen Jahr erstmals in der über tausendjährigen Bistumsgeschichte mehr Bischöfe (drei) geweiht als Priester (zwei).

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Dinosaurier

Was hat die Redaktion gegen eine sachliche und konstruktive Assoziation?! Oder wurde hier etwas weggeschnipselt, was die Gefühle der Zeit-Leser bedroht hätte?
Die Dinos sind nach gängiger Meinung ausgestorben, weil sie zu wenig anpassungsfähig waren. Sie sind das perfekte Symbol für die Kath. Kirche. Die wissenschaftliche Kultur ist eine sich schnell wandelnde Umwelt, an die sie sich nicht anpassen kann oder will. Muss sie ja auch nicht. 99 % aller biologischen Spezies sind schon verschwunden, ich schätze, dass es sich bei Religionen ähnlich verhält.

Sie schrecken vor nichts zurück, Herr Lammert -

und wollen jetzt sogar dem Hl. Geist Ihre Hilfe anbieten.

Eigentlich hatte ich im Religionsunterricht gelernt, dass die Kirche von ihrem Aufsichtsrat, der zugegebenermaßen nicht von dieser Welt ist, eine carte blache erhalten hatte ("Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden.").

Wenn also der Zölibat theolgisch verankert ist, und wenn er verantwortlich für den Priesterrückgang ist, dann wird der Aufsichtsrat das in seine Kalkulationen schon einbezogen haben.

Davon abgesehen, setzt man die Anzahl der heute praktizierend Gläubigen (nicht die der "Karteileichen") in Relation zur Anzahl der heutigen Priester und vergleicht dies mit der Zeit vor 40 und 50 Jahren, dann ist das Verhältnis womöglich sogar besser geworden.

Wo also liegt das Problem?

Wie ich Ihre Initiative empfinde?

Darf ich "albern" sagen?

Herzlichst Crest

Lieber

eine Gemeinde ohne Priester, als ein Priester der Kinder sexual missbraucht und/oder Frauen alleine mit Ihrem Kind stehen lässt.

Ich glaube, dass das Zölibat wenig mit dem Priesterberuf zu tun hat. Der wirkliche Grund ist die Verhinderung von Erben damit alles in das Kirchenvermögen "zurück"-fließt.

Ein Priester, der weiß, welche Sorgen sich Eltern um ihre Kinder machen, wäre für die Gemeinde viel Glaubwürdiger.