ZölibatLieber ein Priester mit Frau …

… als eine Gemeinde ohne Priester. Der Pflichtzölibat für katholische Geistliche muss abgeschafft werden. von Norbert Lammert

Die Zuschriften sind zahlreich, oft kurz und heftig:

»Der unsägliche Kirchenrechtsparagraf, der den Zwangszölibat fordert, kann eine Menschenrechtsverletzung genannt werden.«

»Ich möchte an Ihr Gewissen appellieren, die katholischen Laien nicht zu verunsichern und gegen ihre Heilige Kirche aufzuhetzen.«

»Fasziniert und gleichzeitig mit Befremden wundere ich mich darüber, dass sich Politiker in solche Kircheninterna, wie den Zölibat und Priesterberufe, einmischen.«

Der Brief, den ich gemeinsam mit einigen anderen katholischen Christen an die deutschen Bischöfe geschrieben habe, erregt die Gemüter. Ich möchte unser Anliegen daher erläutern.

Nein, wir sind nicht »gegen den Zölibat«, schon gar nicht »gegen die Bischöfe«, die wir auch nicht mit »Forderungen« konfrontieren, sondern mit einer Bitte. Und diese dringende Bitte ist entstanden aus lebenslanger kirchlicher Verbundenheit, tiefer Sorge und wachsender Ungeduld. Wir sind ein Kreis politisch engagierter, katholischer Christen, die sich seit mehr als 30 Jahren immer wieder in der öffentlichen Diskussion zu politischen und kirchlichen Grundsatzfragen zu Wort gemeldet haben. Wir sprechen nicht im Namen einer Partei, auch nicht für »die« Katholiken, sondern für uns – und wie die Reaktionen auf unseren Brief zeigen, für viele engagierte Laien und Priester.

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Nicht aus einer spontanen Laune, sondern nach gründlicher Befassung halten wir es für dringend geboten, die deutschen Bischöfe im Lichte der besorgniserregenden Zunahme des Priestermangels zu bitten, die Zulassung von viri probati, also bewährten verheirateten Männern, zur Priesterweihe zu ihrem eigenen Anliegen zu machen und sich dafür in der Gemeinschaft der Bischöfe der Weltkirche und vor allem in Rom mit Nachdruck einzusetzen. Gegebenenfalls sollte auch eine regionale Ausnahmeregelung für Deutschland in Erwägung gezogen werden. Alle, zum Teil durchaus berechtigten Gründe, an der bisherigen traditionsreichen, wenn auch nicht durch ein Gebot Christi unabweisbaren Praxis festzuhalten, wiegen unseres Erachtens nicht so schwer wie die Not vieler priesterloser Gemeinden, in denen die sonntägliche Messfeier nicht mehr möglich ist, und die wachsende Gefahr, dass die wenigen, noch zur Verfügung stehenden Priester, denen unsere Hochachtung und Solidarität gehört, sich in ihrem Bemühen, ständig zunehmender Belastung gerecht zu werden, aufreiben.

Zur Verdeutlichung der Entwicklung nur wenige Zahlen: 1960 waren knapp 15.500 Geistliche in der Pfarrseelsorge tätig, derzeit sind es noch 8500. Gerade noch 150 Männer wollten 2010 in Deutschland katholische Priester werden, 2006 waren es noch 211. Tatsächlich hält der Abwärtstrend schon länger an: In den vergangenen zehn Jahren hat die katholische Kirche nicht weniger als 20 Prozent ihrer aktiven Priesterschaft verloren. In vier Jahren – so schätzt das Erzbistum Köln – können voraussichtlich etwa 60 Priesterstellen nicht mehr besetzt werden. Das Erzbistum Paderborn hat bereits 2009 angekündigt, dass die Pastoralverbünde von 213 auf 100 zu reduzieren sind, im Ruhrgebietsbistum Essen sollen 100 von 350 Kirchen geschlossen werden.

Die durch den Priestermangel unvermeidliche Zusammenfassung früherer selbständiger Pfarreien führt zu Größenordnungen, die noch vor wenigen Jahren für undenkbar, jedenfalls unvertretbar gehalten wurden. In einer Großpfarrei wie Gelsenkirchen-Buer zum Beispiel gibt es heute 40.000 Kirchenmitglieder. Wie soll da eine persönliche Seelsorge möglich sein? Im Bistum Münster wurden im vergangenen Jahr erstmals in der über tausendjährigen Bistumsgeschichte mehr Bischöfe (drei) geweiht als Priester (zwei).

Leserkommentare
  1. Warum fallen mir da immer nur wieder die Dinosaurier ein?

    Bitte bemühen Sie sich um einen sachlichen und konstruktiven Diskussionsbeitrag. Danke. Die Redaktion/ag

    Eine Leserempfehlung
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    Was hat die Redaktion gegen eine sachliche und konstruktive Assoziation?! Oder wurde hier etwas weggeschnipselt, was die Gefühle der Zeit-Leser bedroht hätte?
    Die Dinos sind nach gängiger Meinung ausgestorben, weil sie zu wenig anpassungsfähig waren. Sie sind das perfekte Symbol für die Kath. Kirche. Die wissenschaftliche Kultur ist eine sich schnell wandelnde Umwelt, an die sie sich nicht anpassen kann oder will. Muss sie ja auch nicht. 99 % aller biologischen Spezies sind schon verschwunden, ich schätze, dass es sich bei Religionen ähnlich verhält.

    • A
    • 30. Januar 2011 14:37 Uhr

    Nachdem wir Kaiser, Könige und Diktatoren losgeworden sind, wird es Zeit die Kirchen loszuwerden. Wenn wir Glück haben, macht sie das selbst.

    • Crest
    • 30. Januar 2011 14:40 Uhr

    und wollen jetzt sogar dem Hl. Geist Ihre Hilfe anbieten.

    Eigentlich hatte ich im Religionsunterricht gelernt, dass die Kirche von ihrem Aufsichtsrat, der zugegebenermaßen nicht von dieser Welt ist, eine carte blache erhalten hatte ("Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden.").

    Wenn also der Zölibat theolgisch verankert ist, und wenn er verantwortlich für den Priesterrückgang ist, dann wird der Aufsichtsrat das in seine Kalkulationen schon einbezogen haben.

    Davon abgesehen, setzt man die Anzahl der heute praktizierend Gläubigen (nicht die der "Karteileichen") in Relation zur Anzahl der heutigen Priester und vergleicht dies mit der Zeit vor 40 und 50 Jahren, dann ist das Verhältnis womöglich sogar besser geworden.

    Wo also liegt das Problem?

    Wie ich Ihre Initiative empfinde?

    Darf ich "albern" sagen?

    Herzlichst Crest

  2. 4. Lieber

    eine Gemeinde ohne Priester, als ein Priester der Kinder sexual missbraucht und/oder Frauen alleine mit Ihrem Kind stehen lässt.

    Ich glaube, dass das Zölibat wenig mit dem Priesterberuf zu tun hat. Der wirkliche Grund ist die Verhinderung von Erben damit alles in das Kirchenvermögen "zurück"-fließt.

    Ein Priester, der weiß, welche Sorgen sich Eltern um ihre Kinder machen, wäre für die Gemeinde viel Glaubwürdiger.

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    "Ein [verheirateter] Priester, der weiß, welche Sorgen sich Eltern um ihre Kinder machen, wäre für die Gemeinde viel glaubwürdiger" (...) und in Krisenregionen nicht einsetzbar.
    Im großen Rest der Welt ist es selten so ruhig wie im Sauerland.

  3. "Ein [verheirateter] Priester, der weiß, welche Sorgen sich Eltern um ihre Kinder machen, wäre für die Gemeinde viel glaubwürdiger" (...) und in Krisenregionen nicht einsetzbar.
    Im großen Rest der Welt ist es selten so ruhig wie im Sauerland.

    Antwort auf "Lieber"
  4. „Laut einer Umfrage von infratest sind 87 Prozent der Deutschen der Ansicht, ein Eheverbot für das Priesteramt sei nicht mehr zeitgemäß.“

    Mindestens ein Drittel der deutschen Bevölkerung interessiert es überhaupt nicht, ob katholische Priester heiraten dürfen oder nicht. Mindestens ein Drittel der deutschen Bevölkerung braucht keinen Priester vor Ort, mindestens ein Drittel der deutschen Bevölkerung sind Atheisten/Agnostiker! Warum wird das in dem deutschen öffentlichen Bewusstsein (auch dank der Medien) immer wieder ausgeblendet?

    Ich persönlich finde es geradezu bedenklich, dass hochrangige deutsche Politiker (Norbert Lammert ist nicht der einzige!) sich für die Interessen der Kirchen in D einsetzen, obwohl dieses Land ja eigentlich säkularisiert sein soll.

    Ganz im Gegenteil, es findet mittlerweile eine Art Re-Missionierung statt, die auch vor der Indoktrination kleiner Kinder nicht Halt macht,z. B. per Television KI.KA Chi Rho (zu 4/5 vom allgemeinen Gebühren- bzw. Steuerzahler finanziert). In den Städten und Gemeinden werden "Bibelwochen" und in den Schulen Tage der "religiösen Orientierung" angeboten.

    Man muss sich doch fragen dürfen, wie es sein kann, dass mindestens 1/3 der deutschen Bevölkerung einfach übergangen wird. Ach ja, Atheisten haben keine Lobby (vielleicht von den Mitgliedern der Giordano-Bruno-Stiftung einmal abgesehen).

    Wünsche allen einen friedlichen, ruhigen Sonntag!

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    @ Neue in der Anstalt: Ich denke, Sie verschätzen sich. Wer keiner Kirche angehört, muss darum nicht desinteressiert an religiösen Fragen sein. Ich erlebe es häufig, dass Menschen, die nicht kirchlich gebunden sind, sogar sehr dezidierte (wenn auch nicht immer fundierte) Meinungen zu kirchlichen Belangen haben. Das sieht man sehr deutlich an Ihnen selbst; Sie könnten sich aus dieser Debatte ja auch einfach heraushalten. Aber Sie *haben* ein Interesse; Sie möchten Zensur durchsetzen, so dass über Kirche, Glaube, Religion nicht mehr öffentlich geredet werden darf. Zwei Drittel der Bevölkerung gehören jedoch einer Kirche an, da darf das durchaus ein öffentliches Thema sein. Wir können in dieser Gesellschaft leicht damit leben, dass Sie Ihre Meinung äußern, denn Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht. Aber eben deswegen können Sie auch Christen nicht den Mund verbieten.

  5. ich bin dafür, daß Gemeindepfarrer heiraten können wenn sie wollen PUNKT und so weit gut und einsehbar. Aber die Thematik der verheirateten Priester hat auch problematische Seiten und die liegen in der Kirchenstruktur. Um es expressis verbis zu sagen, was ist mit Frau Papst ? Ich habe einen gewissen Respekt und zuweilen Achtung vor der Kirchlichen Institution mit ihren Traditionen und Ritualen, diese sind nicht nur antiquiert sie sind mir auch vertraut und irgendwie wichtig. Es geht hier nicht um einen Staat und eine Regierung und eine Elite die irgendwie requiriert werden muss es geht um Glauben und um Anforderungen an Menschen die sicher oft jenseits dessen liegen was eine Familie ertragen kann. Ich denke der reformerische und gestalterische Prozess den die Kirche einleiten muß kann nur mit einem Schritt, wie der Erlaubnis von Priesterehen auf der einen Seite beginnen und einem gestalterischen Prozess um die Kirchenstruktur und Sinngebung der Kirchenämter andererseits weitergehen. Wie regelt man die hohen Kirchenämter im Licht der Priesterehe? Kann nur noch der in der ein hohes Amt bekleiden, der ehelos bleibt und werden dann nur noch Karierebewusste Duchstarter Bischöfe, Kardinäle und letztlich Papst werden ? Was macht das mit unserer Kirche und wie ginge es anders. Ich denke, daß es Zeit wird darüber zu diskutieren. Letztlich kann das aber nur aus der Kirche heraus geschehen und da fragt man sich schon ob die Kraft der Kirche dafür reichen wird.

    • topada
    • 30. Januar 2011 16:41 Uhr

    »Fasziniert und gleichzeitig mit Befremden wundere ich mich darüber, dass sich Politiker in solche Kircheninterna, wie den Zölibat und Priesterberufe, einmischen.«

    Politiker sollten sich nicht in Kircheninterna einmischen? Finde ich vollkommen richtig, wäre da nicht auch die Kirche, die sich in die Interna einer säkularisierten Bundesrepublik einmischt. Die Kirche ist ihre Vegetation und ihr Tod selbst überlassen, wäre da nicht das Konkerdat der katholischen Kirche, der gesetzliche Religionsunterricht und nicht zu letzt eine alberne Diskussion über das Zölibat.

    Es ist schon verwunderlich und höchst amüsant, wenn man sich die Gesprächsrunden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu Gemüte führt und angesehene und intelligente Deutsche darüber diskutieren, wie es zu diesen Missbrauchsfällen kommt. Als wäre die Tatsache, dass Priester auch Männer sind eine neue wissenschaftliche Erkenntnis.

    Die Kirche muss anerkennen, dass Priester biologische Männer sind und die Politik muss das Zölibat umgehend rechtsmäßig verbieten.

    Ich empfehle hier an dieser Stelle Michael-Schmidt Salomons Manifest des evolutionären Humanismus zu lesen!

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    was man so im Netz findet. Fand ich nicht so spannend. Michael Schmidt-Salomon macht auf mich auch einen eher zwiespältigen Eindruck. Manchmal sagt er Sachen, die ganz vernünftig klingen, und dann geht es wieder meilenweit unter die Gürtellinie (auch die intellektuelle). Das Niveau seines "Ferkel"-Buches z.B. ...

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