ZEITmagazin: Herr Stein, Sie nahmen 1967 als Fallschirmjäger am Sechstagekrieg teil, da waren Sie gerade 19 Jahre alt. Welche Spuren haben diese Erlebnisse bei Ihnen hinterlassen?

Shimon Stein: In der Tat, der Krieg hat bei mir und zahlreichen jungen Menschen meines Alters, der zweiten Generation in Israel, tiefe Spuren hinterlassen. Das Leben bekommt einen neuen Sinn nach dem Krieg. Man ist nicht mehr dieselbe Person, die man vorher war. Versetzen Sie sich mal in die Lage eines jungen Menschen, der nie einen Toten gesehen hat und dann in einem einzigen Gefecht fünf seiner engsten Freunde verliert. Und am Ende werden Sie auch noch mit der Aufgabe betraut, die Leichen aufzusammeln. Ab und zu sehe ich ihre Gesichter vor Augen.

ZEITmagazin: Die Gesichter verfolgen Sie noch immer?

Stein: Ja, noch immer, so wie auch andere Bilder. Ich erinnere mich an eine Szene, in der ein gepanzertes Fahrzeug beschossen wurde. Der Wagen blieb stehen, wir dachten, alle Insassen seien tot – dann kam der Stellvertreter der Einheit heraus, blutüberströmt und mit der Thora in der Hand. Ein anderer Kamerad wurde in der Dusche von einer Granate getroffen. Eine Stunde danach trug ein kleiner Hund seine Hand im Maul herbei.

ZEITmagazin: 1973 haben Sie trotzdem auch am Jom-Kippur-Krieg teilgenommen.

Stein: Ich war im Ausland und habe mich freiwillig dafür gemeldet! Es war ein unbewusster Reflex. Es findet ein Krieg statt, du musst dort sein. So war das damals für meine Generation. Aus dem Jom-Kippur-Krieg kam ich noch verstörter heraus.

ZEITmagazin: Warum?

Stein: Ich war damals älter, wollte heiraten und hatte Zukunftspläne. 1967 dauerte der Krieg nur sechs Tage. Der Krieg von 1973 war viel länger. Er war zu lang. Er war traumatischer, weil man sehr viel Zeit hatte, über das Leben nachzudenken.

ZEITmagazin: Belasten die Kriegserfahrungen Sie noch heute?

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Stein: Manche können ihre Erlebnisse und Ängste bis zum Ende ihres Lebens niemals überwinden. Ich bin froh, dass ich die Spuren, die diese zwei Kriege bei mir hinterlassen haben, aufarbeiten konnte. Wenn ich nun darüber spreche, ziehen diese Szenen zwar wieder vor meinem inneren Auge vorbei, aber sie belasten meinen Alltag nicht.

ZEITmagazin: Wie ist Ihnen das gelungen? Was hat Sie gerettet?

Stein: Vielleicht hat das mit einer gewissen Stärke zu tun, die ich durch meine Fallschirmjägerausbildung erhalten habe. Wir waren 120, die mit diesem Training angefangen haben. Elf Monate von hart bis geht-nicht-mehr. Während dieser Zeit wurden alle aussortiert, die physisch oder mental nicht in der Lage dazu waren. Am Ende blieben nur 35 übrig. Wir waren vorbereitet auf alle Strapazen des Lebens.