Shimon Stein "Elf Monate von hart bis geht-nicht-mehr"

Shimon Stein über die soldatische Härte, die er sich in einer Eliteeinheit antrainierte und die ihm über sein Kriegstrauma hinweghalf

ZEITmagazin: Herr Stein, Sie nahmen 1967 als Fallschirmjäger am Sechstagekrieg teil, da waren Sie gerade 19 Jahre alt. Welche Spuren haben diese Erlebnisse bei Ihnen hinterlassen?

Shimon Stein: In der Tat, der Krieg hat bei mir und zahlreichen jungen Menschen meines Alters, der zweiten Generation in Israel, tiefe Spuren hinterlassen. Das Leben bekommt einen neuen Sinn nach dem Krieg. Man ist nicht mehr dieselbe Person, die man vorher war. Versetzen Sie sich mal in die Lage eines jungen Menschen, der nie einen Toten gesehen hat und dann in einem einzigen Gefecht fünf seiner engsten Freunde verliert. Und am Ende werden Sie auch noch mit der Aufgabe betraut, die Leichen aufzusammeln. Ab und zu sehe ich ihre Gesichter vor Augen.

Anzeige

ZEITmagazin: Die Gesichter verfolgen Sie noch immer?

Shimon Stein

62, wurde in Palästina geboren. Er studierte Moderne Geschichte in Jerusalem und nahm als Fallschirmjäger am Sechstagekrieg teil. 1974 trat er in den diplomatischen Dienst ein, wo er viele verschiedene Positionen innehatte, darunter in Washington, D.C. Von 2001 bis 2007 war er Botschafter Israels in Deutschland.

Stein: Ja, noch immer, so wie auch andere Bilder. Ich erinnere mich an eine Szene, in der ein gepanzertes Fahrzeug beschossen wurde. Der Wagen blieb stehen, wir dachten, alle Insassen seien tot – dann kam der Stellvertreter der Einheit heraus, blutüberströmt und mit der Thora in der Hand. Ein anderer Kamerad wurde in der Dusche von einer Granate getroffen. Eine Stunde danach trug ein kleiner Hund seine Hand im Maul herbei.

ZEITmagazin: 1973 haben Sie trotzdem auch am Jom-Kippur-Krieg teilgenommen.

Stein: Ich war im Ausland und habe mich freiwillig dafür gemeldet! Es war ein unbewusster Reflex. Es findet ein Krieg statt, du musst dort sein. So war das damals für meine Generation. Aus dem Jom-Kippur-Krieg kam ich noch verstörter heraus.

ZEITmagazin: Warum?

Stein: Ich war damals älter, wollte heiraten und hatte Zukunftspläne. 1967 dauerte der Krieg nur sechs Tage. Der Krieg von 1973 war viel länger. Er war zu lang. Er war traumatischer, weil man sehr viel Zeit hatte, über das Leben nachzudenken.

ZEITmagazin: Belasten die Kriegserfahrungen Sie noch heute?

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Stein: Manche können ihre Erlebnisse und Ängste bis zum Ende ihres Lebens niemals überwinden. Ich bin froh, dass ich die Spuren, die diese zwei Kriege bei mir hinterlassen haben, aufarbeiten konnte. Wenn ich nun darüber spreche, ziehen diese Szenen zwar wieder vor meinem inneren Auge vorbei, aber sie belasten meinen Alltag nicht.

ZEITmagazin: Wie ist Ihnen das gelungen? Was hat Sie gerettet?

Stein: Vielleicht hat das mit einer gewissen Stärke zu tun, die ich durch meine Fallschirmjägerausbildung erhalten habe. Wir waren 120, die mit diesem Training angefangen haben. Elf Monate von hart bis geht-nicht-mehr. Während dieser Zeit wurden alle aussortiert, die physisch oder mental nicht in der Lage dazu waren. Am Ende blieben nur 35 übrig. Wir waren vorbereitet auf alle Strapazen des Lebens.

Leser-Kommentare
  1. ... "Es war ein unbewusster Reflex".
    -
    Gern hätte ich gewußt, welche Schwierigkeiten Herr Stein mit der gegenwärtigen Politik Israels hat, was vielleicht ein 2. Interwiew wert ist.

    Mein Kompliment an Herlinde Koelbel zu ihrer neutralen und wertungsfreien Fragestellung.

    Gruß Max Stockhaus

  2. Warum liest man solcherart Interviews nicht öfter in der ZEIT? Solche Innenansichten des Konfliktraums Nahost liefern mehr wirkliche Informationen als manche Reporter-Berichte und "Analysen" von angeblichen Experten a la "Wie Israel den Frieden verspielt hat". An Shimon Stein meinen Dank dafür, dass er seine Erlebnisse hier so coram publicum ausgebreitet hat. Nicht jeder kann das und findet dabei auch noch die richtigen Worte.

    Die ewiggestrigen Antisemiten und neuen Israelhasser der "Man wird doch wohlm noch Israel kritisieren dürfen"-Fraktion, wie sie sich auch bei der ZEIT in den Leser-Kommentaren tummeln, wird das zwar nicht zur Einsicht bringen, aber vielleicht wird der eine oder andere, der hierzulande die letzten 65 Jahre in Frieden & Wohlstand leben konnte, etwas zum Nachdenken kommen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @ 2
    Hallo Zenchan,
    Sie setzen gleich: "Die ewiggestrigen Antisemiten und neuen Israelhasser der "Man wird doch wohl noch Israel kritisieren dürfen"-Fraktion"
    .
    Mit meinen Beobachtungen stimmt es überein: kaum ein Thema häuft so viel überkochende Emotionen und Polemik auf wie Israels Politik. In Threads mit diesem Thema muss fast jeder zweite Kommentar moderiert werden.
    .
    Aber warum scheren Sie denn über einen Kamm: "Die ewiggestrigen Antisemiten und neuen Israelhasser der "Man wird doch wohl noch Israel kritisieren dürfen"-Fraktion"?
    Natürlich darf man Israel kritisieren! Das Land ist nicht sakrosankt, seine Politik ebenso wenig. Davon allein wird man noch nicht zum Antisemiten.
    .
    Man sollte sich in der Geschichte auskennen, versuchen, sich in die Bürger und die Politiker hineinzuversetzen, dann versteht man auch, was Israel zu den Fehlern bringt, die es macht. Dann darf und soll man auch Kritik äußern. Manchmal trifft man dabei auf Leute, die hinhören.
    .
    Übrigens: was heißt "Kol ha kavod"?

    @ 2
    Hallo Zenchan,
    Sie setzen gleich: "Die ewiggestrigen Antisemiten und neuen Israelhasser der "Man wird doch wohl noch Israel kritisieren dürfen"-Fraktion"
    .
    Mit meinen Beobachtungen stimmt es überein: kaum ein Thema häuft so viel überkochende Emotionen und Polemik auf wie Israels Politik. In Threads mit diesem Thema muss fast jeder zweite Kommentar moderiert werden.
    .
    Aber warum scheren Sie denn über einen Kamm: "Die ewiggestrigen Antisemiten und neuen Israelhasser der "Man wird doch wohl noch Israel kritisieren dürfen"-Fraktion"?
    Natürlich darf man Israel kritisieren! Das Land ist nicht sakrosankt, seine Politik ebenso wenig. Davon allein wird man noch nicht zum Antisemiten.
    .
    Man sollte sich in der Geschichte auskennen, versuchen, sich in die Bürger und die Politiker hineinzuversetzen, dann versteht man auch, was Israel zu den Fehlern bringt, die es macht. Dann darf und soll man auch Kritik äußern. Manchmal trifft man dabei auf Leute, die hinhören.
    .
    Übrigens: was heißt "Kol ha kavod"?

    • Crest
    • 29.01.2011 um 20:57 Uhr

    Wenn ich mich heute frage, ob ich lieber darauf verzichtet hätte, sage ich: Auf keinen Fall! Dieses harte Training hat mich auf das harte Leben vorbereitet.

    In gleicher Weise hat sich einmal ein amerikanischer General über seine Ausbildung in West Point geäußert - u.v.a.m.

    Das hat was, und ist irgendwo folgerichtig.

    Was aber, wenn ich das ganze paraphrasieren würde mit den Worten: "Gelobt sei, was hart macht." ?

    Bekäme dies nicht schlagartig eine sehr ungesunde Tönung mit allen Assoziationen, die, wenn man sie hier explizit äußerte, zur instantanen Zensur führte?

    Militärisches Heldentum sollte ein geschichtliches Übergangsphänomen sein.

    Herzlichst Crest

  3. Entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich zum konkreten Inhalt des Artikels und vermeiden Sie Spekulationen. Danke. Die Redaktion/lv

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich bezogen, wurde zwischenzeitlich moderiert. Danke. Die Redaktion/lv

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich bezogen, wurde zwischenzeitlich moderiert. Danke. Die Redaktion/lv

  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten und Thesen an der Artikeldiskussion. Danke. Die Redaktion/lv

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich bezogen, wurde zwischenzeitlich moderiert. Danke. Die Redaktion/lv

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich bezogen, wurde zwischenzeitlich moderiert. Danke. Die Redaktion/lv

  5. Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich bezogen, wurde zwischenzeitlich moderiert. Danke. Die Redaktion/lv

    Antwort auf "Der Ärmste!"
  6. Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich bezogen, wurde zwischenzeitlich moderiert. Danke. Die Redaktion/lv

    Antwort auf "[...]"
    • leon1
    • 30.01.2011 um 4:10 Uhr

    Soldaten anhoeren muessen.
    In der Strassenbahn hat mal ein alter Landser zu mir gesagt: Fuer Dich habe ich meine Knochen im Krieg hingehalten."
    Meine Antwort war :" Ich habe sie nicht darum gebeten'.

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service