Vielleicht ist es wieder nur ein böses Gerücht . Und vermutlich hat Wladimir Putin wirklich nichts damit zu tun. Doch muss es schon irgendein Fürst oder König oder Premierminister gewesen sein, der sich dieses ultimative Pomp- und Prunkschloss jüngst hat bauen lassen, einen Palast mit Kolossalsäulen und freskierten Gewölben, mit Marmorbädern und goldverschnörkelten Spiegeln, mit diversen Schwimmbädern und einem Hubschrauberlandeplatz, mit einem Theatersaal, einem Casino und eigenem Weinberg.

Von all dem kursieren derzeit viele wackelige Bilder im Internet, veröffentlicht von der russischen Enthüllungsorganisation Ruleaks . Und der russische Geschäftsmann Sergej Kolesnikow aus St. Peterburg behauptet, es sei Putin höchstselbst gewesen, der sich dort am Schwarzen Meer, in den Hügeln von Sotschi dieses ausgreifende Denkmal hat setzen lassen, errichtet für eine Milliarde amerikanischer Dollar, samt und sonders Schmier- und Bestechungsgelder. Damit bestätigt sich einmal mehr das alte Vorurteil: Deutsche Politiker leben traut in Reihenhäusern (Hannover) oder Bungalows (Oggersheim), hingegen lebt in jedem russischen Machtmensch noch der Zar, und der kann nicht genug bekommen vom guten alten Gold- und Ruhmesglanz.

Die Fotos im Internet zeigen allerdings, dass es bei aller Prahlerei doch ein eher reihenhauskleiner Geist sein muss, der sich ein solches Architekturgedröhne hat errichten lassen. Denn erstaunlich ist dieses Gebäude vor allem, weil es uns vorführt, wie arm selbst der größte Reichtum sein kann und wie teuer es offenbar ist, einen schlechten Geschmack zu haben. Zwar sieht dieses Palais außen irgendwie nach Versailles aus, im Innenhof irgendwie nach italienischem Palazzo. Niemals aber hätte sich ein Lorenzo di Medici oder ein Ludwig XIV mit solchem Irgendwie zufrieden gegeben. Sie zeigten der Welt nicht ihr Geld, sie suchten nach einer eigenen, unverwechselbaren Ästhetik, sie wollten groß sein in großer Kunst. Der stilistische Kladeradatsch von Sotschi hätte sie abgestoßen.

Seltsamerweise ist es aber gerade diese Art von teurem Kleinmut (man könnte auch von einer Luxusform der Identitätsschwäche sprechen), die nicht nur in Russland , sondern weltweit bei vielen Reichen und Schönen zum Leitideal avanciert. In Peking mag mehr die vulgäre Schmuckfreude überwiegen, in Potsdam eher ein ausgedörrtes Richtigkeitsdenken vorherrschen, in Sotschi kommt noch eine barocke Lust an Triumphbögen und Himmelbetten hinzu – fast immer aber ist es der Neohistorismus, auf den die repräsentationsbegierigen Hausherren zurückgreifen.

Dieser Neohistorismus ist der wahre International Style der Gegenwart. Selbst in muslimischen Ländern, die sich vor westlicher Überfremdung fürchten, muss man nach der nächsten Supervilla mit Säulendekor nicht lange suchen. Das altgriechische Inbild der Architektur ist heute zum allgültigen Symbol der Globalisierung geworden. Zumindest auf diesem kulturellen Feld scheint Europa also noch einmal den Sieg davonzutragen. Mögen die Chinesen und die Golf-Araber ökonomisch noch so sehr drängen – wenn es ums wohlhabende Wohnen geht, werden auch sie nicht selten zu Alteuropäern. Ob man sich aber darüber freuen sollte? Die Bilder aus Sotschi enthüllen auch dies: Historische Formen bewahren niemanden vor peinlicher Gegenwart.