Meine Träume sind meistens recht trist, was daran liegen mag, dass meine Tage oft sehr aufregend sind. Weil ich viel unterwegs bin, träume ich regelmäßig vom Reisen, und weil ich viel mit Musik zu tun habe, kommen oft besondere Klänge dazu. Neulich zum Beispiel träumte ich davon, in einem Flugzeug aufzuwachen, eingeklemmt in einem viel zu engen Sitz, neben mir ein alter, streng riechender Mann, der mit schnarrender Stimme unablässig in mein Ohr brabbelte. Irgendwann brüllte ich: Halten Sie die Klappe! Dann wachte ich auf und merkte, dass das Schnarren des Alten mein eigenes Schnarchen war.

Ein Problem, das meinen Alltag prägt, verfolgt mich bis in den Schlaf: Zu viele Menschen wollen andauernd meinen Rat. Ich stehe in dem Ruf, auf allerlei komplexe Fragen eine spannende Antwort parat zu haben und alles irgendwie deuten zu können. Das ist aber erstens ein nettes Missverständnis, und zweitens macht es mein Leben sehr anstrengend. Die amerikanische Band MGMT dichtete sogar einen Song namens Brian Eno über dieses Phänomen, der Refrain geht so: » We are always one step behind him. He is Brian Eno. Brian Eno. « Das ist natürlich ein Witz, aber zu viele Menschen nehmen das ernst. Neulich habe ich in New York einen Vortrag gehalten. Als es vorbei war und ich gehen wollte, stand da ein großer Pappkarton, randvoll mit CDs, Manuskripten und Visitenkarten, die die Zuhörer für mich hinterlassen hatten. Das ist natürlich ein großes Kompliment, und ich weiß so viel Vertrauen in meine Urteilskraft wirklich zu schätzen. Aber es überfordert mich.

Meine Tage dauern auch nur 24 Stunden. Ich habe eine Familie, eine Katze und sehr viel Arbeit – also meistens zu wenig Zeit für alles. Ich bin schlecht darin, Nein zu sagen. Aber hätte ich diesen Karton mit nach England genommen, dann hätte ich ihn in ein Regal gestellt und ignoriert, mit täglich zunehmendem schlechtem Gewissen. Also ließ ich ihn heimlich in der Garderobe stehen. Das war brutal, aber unvermeidlich.

Rund um die Uhr soll ich irgendetwas einordnen, bewerten, vorhersagen. Dabei finde ich gar nicht, dass alles einen tieferen Sinn haben muss. Im meinem Garten steht eine große Pegasus-Skulptur mit blauen Glasflügeln. Und jedes Mal, wenn ich von einem Taxi nach Hause gebracht werde, fragt der Fahrer garantiert nach der Bedeutung dieses wunderbaren Kunstwerkes. Ich muss dann immer passen, denn mir ist dieser Deutungszwang fremd. Ich kann Dinge einfach für ihre Schönheit bewundern, für ihren Zauber.

Neulich war ich in New York beim Zahnarzt. Ich bekam Lachgas zur Betäubung verabreicht und lag wie gelähmt im Behandlungsstuhl. Auf einmal sagte der Zahnarzt, dass er früher in einer bekannten Band gespielt habe und nun ein paar neue Songs fertig habe. Er drehte seine Musik auf, holte den Bohrer raus und legte los. Ich konnte nicht fliehen. Und es war kein Traum. Denn letztlich ist es eben doch so, dass die Realität jede Fantasie schlägt.

Aufgezeichnet von Jörg Böckem

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