Was ist denn jetzt? Eben wäre es selbst dem größten Kitschfreund noch zu possierlich zugegangen. Im Hügelgewoge des sächsischen Erzgebirges posierten Rathäuser wie aus Lebkuchen, und die Dorfläden verkauften Nussknacker und Klöppeldecken. Dann ging es steil bergab auf die tschechische Seite des Gebirgsstocks. Und nun sieht es aus, als hätte ich von einer Volksmusiksendung des MDR in ein schwarz-weißes Sozialdrama gezappt.

Hinter den Zugfenstern breitet sich das Gewühl des nordböhmischen Braunkohlereviers aus. Fabrikschlote qualmen in den nassen Dämmerhimmel, auf den Straßen warten Frauen in pobackenkurzen Röcken. Der Blick auf die anderen Fahrgäste macht die Sache nicht besser. Ein Alter schraubt seinen Flachmann auf, neben ihm schläft ein Glatzkopf mit Bomberjacke. Fassbinder wäre begeistert. Aber ein Skiurlauber?

Ich bin unterwegs nach Klíny im tschechischen Erzgebirge. Dort verkauft man den Tages-Skipass für weniger als zwölf Euro – und hält damit den Rekord als Europas billigstes Skigebiet. Mir schwant, warum, als ich das Straßendorf mit einem Kleinbus erreiche, der hinter der Kleinstadt Litvínov in die Berge startet.

Die einzige Haltestelle von Klíny liegt mitten im Nichts. Ich steige aus, der Fahrer tritt wieder aufs Gas, es ist stockfinster. In der Ferne schlagen Hunde an. Schneegriesel piken im Gesicht. Doch irgendwo glimmt eine Leuchtschrift. Chata Emeran, lese ich. So heißt die Skihütte, wo ich eins von 22 Zimmern gebucht habe. Sie thront über dem Kopfende des längsten von Klínys vier Schleppliften.

Vom Fenster aus schaut man auf eine flutlichtblau leuchtende Abfahrt. Eine Pistenraupe bringt sie mit wütenden Ruckbewegungen wieder in Fasson. Irgendwann trollt sich das Gefährt, und ich schalte den schuhkartongroßen Fernseher an. Den Rest des Abends verbringe ich mit einem John Travolta in Frauenkleidern, der Tschechisch spricht.

Als ich morgens aufwache, hört eine Klospülung nicht auf zu rauschen. Dann merke ich, dass es gar kein Klo ist, sondern der Regen. Die Höchststrafe für jeden Skifahrer. Das kommt davon, wenn es billig sein soll und Wintersport unterhalb von 1000 Metern stattzufinden hat. Wolken wabern um dunkle Bergrücken. Dennoch rutschen die ersten Skifahrer herum. Aus den Lautsprechern, die an jedem zweiten Liftpfeiler hängen, plärrt die Achtziger-Jahre-Hymne Big in Japan. Karel Gott läuft später auch.

In der Gaststube, wo das Frühstück serviert wird, hängen Klínys Träume an der Wand: Fotos weltberühmter Gipfel vom Himalaya bis zu den Anden. Darunter hockt die Wirklichkeit. Zwei an ihren Zigaretten saugende Arbeiter in Latzhosen und eine halstätowierte Frau samt Tochter sind die einzigen Gäste. Die Bedienung ist bildhübsch, doch sie macht nichts draus. Ihre Füße stecken in Tennissocken und Gummilatschen.