Tschechien: Après-Ski bis zwei Uhr nachts
In Klíny wird man selbst beim Wedeln von Karel Gott begleitet.
Was ist denn jetzt? Eben wäre es selbst dem größten Kitschfreund noch zu possierlich zugegangen. Im Hügelgewoge des sächsischen Erzgebirges posierten Rathäuser wie aus Lebkuchen, und die Dorfläden verkauften Nussknacker und Klöppeldecken. Dann ging es steil bergab auf die tschechische Seite des Gebirgsstocks. Und nun sieht es aus, als hätte ich von einer Volksmusiksendung des MDR in ein schwarz-weißes Sozialdrama gezappt.
Hinter den Zugfenstern breitet sich das Gewühl des nordböhmischen Braunkohlereviers aus. Fabrikschlote qualmen in den nassen Dämmerhimmel, auf den Straßen warten Frauen in pobackenkurzen Röcken. Der Blick auf die anderen Fahrgäste macht die Sache nicht besser. Ein Alter schraubt seinen Flachmann auf, neben ihm schläft ein Glatzkopf mit Bomberjacke. Fassbinder wäre begeistert. Aber ein Skiurlauber?
- Klíny: Anreise
Zum Beispiel mit dem Flugzeug von Köln nach Dresden mit Germanwings. Dann per Bus nach Teplice und weiter mit dem Zug nach Litvínov. Ab Litvínov fährt ein Skibus nach Klíny
- Unterkunft
In der Berghütte Emeran kostet das Doppelzimmer mit Frühstück ab 19 Euro pro Nacht und Person. Bei Einzelbelegung sind 23 Euro fällig.
In der einfacheren Hütte Emeran II kommt man für 12 Euro pro Person unter. Horská Chata Emeran, Klíny 210, Litvínov, Tel. 00420/476116025- Skipass und Skiverleih
Der Skipass für einen ganzen Tag kostet 11,90 Euro und umfasst vier Schlepplifte. Ski und Skistiefel können zusammen für 10 Euro pro Tag gemietet werden bei Czech rent a ski, Tel. 00420/608970399
- Auskunft
Tschechische Zentrale für Tourismus, Tel. 030/2044770, www.czechtourism.com, www.kliny.cz
Ich bin unterwegs nach Klíny im tschechischen Erzgebirge. Dort verkauft man den Tages-Skipass für weniger als zwölf Euro – und hält damit den Rekord als Europas billigstes Skigebiet. Mir schwant, warum, als ich das Straßendorf mit einem Kleinbus erreiche, der hinter der Kleinstadt Litvínov in die Berge startet.
Die einzige Haltestelle von Klíny liegt mitten im Nichts. Ich steige aus, der Fahrer tritt wieder aufs Gas, es ist stockfinster. In der Ferne schlagen Hunde an. Schneegriesel piken im Gesicht. Doch irgendwo glimmt eine Leuchtschrift. Chata Emeran, lese ich. So heißt die Skihütte, wo ich eins von 22 Zimmern gebucht habe. Sie thront über dem Kopfende des längsten von Klínys vier Schleppliften.
Vom Fenster aus schaut man auf eine flutlichtblau leuchtende Abfahrt. Eine Pistenraupe bringt sie mit wütenden Ruckbewegungen wieder in Fasson. Irgendwann trollt sich das Gefährt, und ich schalte den schuhkartongroßen Fernseher an. Den Rest des Abends verbringe ich mit einem John Travolta in Frauenkleidern, der Tschechisch spricht.
Als ich morgens aufwache, hört eine Klospülung nicht auf zu rauschen. Dann merke ich, dass es gar kein Klo ist, sondern der Regen. Die Höchststrafe für jeden Skifahrer. Das kommt davon, wenn es billig sein soll und Wintersport unterhalb von 1000 Metern stattzufinden hat. Wolken wabern um dunkle Bergrücken. Dennoch rutschen die ersten Skifahrer herum. Aus den Lautsprechern, die an jedem zweiten Liftpfeiler hängen, plärrt die Achtziger-Jahre-Hymne Big in Japan. Karel Gott läuft später auch.
In der Gaststube, wo das Frühstück serviert wird, hängen Klínys Träume an der Wand: Fotos weltberühmter Gipfel vom Himalaya bis zu den Anden. Darunter hockt die Wirklichkeit. Zwei an ihren Zigaretten saugende Arbeiter in Latzhosen und eine halstätowierte Frau samt Tochter sind die einzigen Gäste. Die Bedienung ist bildhübsch, doch sie macht nichts draus. Ihre Füße stecken in Tennissocken und Gummilatschen.






Guten Morgen,
ich finde diese Art einer Reisebeschreibung arrogant.
Tschechien ist ein Land mit Kultur was in diesem Artikel absolut negiert wird.
@PragerBUERGER
Das finde ich nicht. Man kann doch über die Eigenarten der Provinz schmunzeln, ohne die Kultur eines Landes in Frage zu stellen. Litvínov ist ja nicht Prag - es geht in diesem Artikel nicht um Tschechien, sondern um das günstigste Skigebiet Europas. Die beschriebenen Menschen wirken, finde ich, wirklich sehr sympathisch; mir gefällt dieser ethnologische Blick. Arroganz kann ich darin nicht finden, eher Neugierde.
[...] Bitte diskutieren Sie das Artikelthema. Die Redaktion/ft
Den Anstrengungen des tschechischen Gesellschaft zur Betonung der "Kultur", wie Kommentator 1 sagte, ist auf jeden Fall Erfolg zu wünschen.
Anmerkung an den Autor des Artikels: Statt mit solchen Schlagworten wie "Faschisten" zu hantieren, könnten die damit titulierten Millieus vielleicht mal näher dargestellt werden.
[...] Bitte diskutieren Sie das Artikelthema. Die Redaktion/ft
Den Anstrengungen des tschechischen Gesellschaft zur Betonung der "Kultur", wie Kommentator 1 sagte, ist auf jeden Fall Erfolg zu wünschen.
Anmerkung an den Autor des Artikels: Statt mit solchen Schlagworten wie "Faschisten" zu hantieren, könnten die damit titulierten Millieus vielleicht mal näher dargestellt werden.
der Autor war spätestens Mitte der 90er im tschechischen Erzgebirge. Die meisten Orte dort haben ihr Gesicht grundlegend geändert.
Freilich darf man in einem von Braunkohle geprägten Gebiet nicht Zustände wie in Zermatt erwarten, oder vergleicht jemand rheinische Kohlegebiete mit englischen Gärten...
Naja, ein Trost bleibt, wenn derartig Antiwerbung gemacht wird, bleiben wenigstens die Leute aus, auf die man dort sowieso lieber verzichten würde. Das (tschechische) Erzgebirge war noch nie ein abgehobenes Massentourismuszentrum. Und das darf auch ruhig so bleiben, dann hat man dort wenigstens seine Ruhe und Einheimische sind keine Exoten.
Wenn in der 'Zeit' oder anderen Zeitungen über deutsche Provinzen berichtet wird, dann freuen sich alle hämisch. Wenn jetzt hier ein Autor nicht einmal böse, sondern sogar emphatisch über wirklich einen der Enden der Welt schreibt, kommen die Minderwertigkeitskomplexbeladenen und sind beleidigt.
Übrigens: Ich habe in Tschechien in Spindlermühle schon tolle Urlaube erlebt, sommers wie winters. Ich will aber nicht verschweigen, dass es dort unverschämte, nationalistische Arroganz und Verachtung gegenüber freundlichen Touristen aus Deutschland, Polen oder Dänemark gab. Die 'Wiesenbaude' an der Schneekoppe etwa ist trotz beeindruckender Architektur und Lage ein schlimmes Beispiel dafür.
[...] Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ft
Nichts für ungut! Tschechien ist ein tolles Land und hat schöne und noch entwicklungsfähige Regionen. Wie Deutschland und wohl alle Länder der Welt auch.
wird man nur haben, wenn man selbst betroffen ist. Ich für meinen Teil bin kein Tscheche.
Was Nationalisten und deutschenfeindliche Parolen angeht, solche habe ich auch schon in Norwegen und der Schweiz erlebt. In Tschechien... da müsste ich jetzt lange nachdenken...
Verständlich wäre es aber schon, gerade in grenznahen Gebieten, wo für Tschechen der Sprit bald nicht mehr bezahlbar ist, weil im kleinen Grenzverkehr sich Deutsche "günstiges" Benzin holen (die Tankstellen sind nat. auch nicht dumm und passen die Preise entsprechend an). Möchte wissen, was in Deutschland los wäre, wenn Tschechen und Polen hordenweise in deutsche Grenzstädte einfielen, nur zum Tanken und evtl. noch um diversen Damen einen Besuch abzustatten. Die Titel in der B...Zeitung kann man sich vorstellen.
wird man nur haben, wenn man selbst betroffen ist. Ich für meinen Teil bin kein Tscheche.
Was Nationalisten und deutschenfeindliche Parolen angeht, solche habe ich auch schon in Norwegen und der Schweiz erlebt. In Tschechien... da müsste ich jetzt lange nachdenken...
Verständlich wäre es aber schon, gerade in grenznahen Gebieten, wo für Tschechen der Sprit bald nicht mehr bezahlbar ist, weil im kleinen Grenzverkehr sich Deutsche "günstiges" Benzin holen (die Tankstellen sind nat. auch nicht dumm und passen die Preise entsprechend an). Möchte wissen, was in Deutschland los wäre, wenn Tschechen und Polen hordenweise in deutsche Grenzstädte einfielen, nur zum Tanken und evtl. noch um diversen Damen einen Besuch abzustatten. Die Titel in der B...Zeitung kann man sich vorstellen.
...ich hätte Lust, sofort hinzufahren - zu Faßbinders Menschlichkeit und Wärme.
Starker und ehrlicher Artikel. Ich werde da auf alle Fälle auch mal hinfahren. Schade, dass die deutschen Ortsbezeichnungen nicht verwendet wurden: Göhren und Oberleutensdorf.
Noch einen Hinweis für die Gutmenschen: Bitte keinen Gebietsanspruch aus der Verwendung der deutschen Ortsnamen ableiten, Praha sagt auch kaum einer.
[...] Bitte diskutieren Sie das Artikelthema. Die Redaktion/ft
Den Anstrengungen des tschechischen Gesellschaft zur Betonung der "Kultur", wie Kommentator 1 sagte, ist auf jeden Fall Erfolg zu wünschen.
Anmerkung an den Autor des Artikels: Statt mit solchen Schlagworten wie "Faschisten" zu hantieren, könnten die damit titulierten Millieus vielleicht mal näher dargestellt werden.
Entfernt, bitte verzichten Sie auf Polemik. Die Redaktion/ft
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