Am Tag, an dem sich Ägypten erhob, erbebte die Welt und schaute auf die Mitte von Kairo. Auf dem Tahrir-Platz, der großen Bühne des Aufstands, standen in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch eine Million Menschen . Rockbands traten vor Panzerkanonen auf, Zivilisten trugen Soldaten durch die Menge, die Leute tanzten den Tag und die Nacht hindurch. Wie kam es zu diesem Aufstand, der Ägypten und die Welt verändert? Warum erheben sich die Ägypter, von denen es immer hieß, sie seien politisch so träge wie der langsam dahinfließende Nil? Am Dienstag hat ihr Herrscher zum Volk gesprochen. In einigen Monaten, noch vor der nächsten Wahl, will er abtreten. Aber warum reicht das den Demonstranten nicht mehr?

Die Revolution hat viele Gesichter. Sie gehören Männern und Frauen, Arbeitern und Akademikern, Hungernden, Hoffenden und Radikalen. Sie gehören Menschen wie der Ärztin Dina Omar Mohammed, dem Universitätslektor Basem Schoiab, dem Muslim-Bruder Issam al-Erian und Ragab Mohammed, einem armen Straßenverkäufer.

Am Tag, an dem sich Ägypten erhob, schaute Dina Omar Mohammed Fernsehen. Bis tief in die Nacht sah sie die Bilder vom Tahrir-Platz. Am nächsten Morgen bat die 30-Jährige ihren Chef um Urlaub, kaufte sich ein Ticket und flog von Beirut in ihre Heimatstadt Kairo. Dina Omar Mohammed ist Ärztin und lehrt Medizin in Beirut. Seit vielen Jahren lebte die Frau aus Kairo nicht mehr in Ägypten. Sie hatte ein gutes, geordnetes Leben. Dann sah sie die Menschen endlich aufstehen. Es machte sie als Araberin, als Ägypterin sehr stolz. Sie wollte dabei sein. Jetzt zählte jeder Einzelne, um den Protest stärker und sichtbarer zu machen. Mit diesen Gedanken landete sie in Kairo.

Dort eingetroffen, überredete sie ihre Schwester mitzugehen. Gemeinsam zogen die beiden zum Tahrir-Platz. Dina Mohammed war begeistert. »All diese Menschen, die aus allen Schichten kommen, gemeinsam. Das ist Ägypten!«, rief sie und winkte allen zu. Im bleiernen ägyptischen Alltag der letzten Jahre hatten sich diese Menschen nie getroffen. Da waren wütende Jugendliche aus den Armenvierteln, die ohne Job und ohne Geld und ohne Zukunft aufgewachsen waren. Da waren die Angestellten, Intellektuellen, Rechtsanwälte, Richter, die meisten von ihnen unter 30. Gemeinsam forderten sie ein besseres, freieres Ägypten.

Dina Mohammed und ihre Schwester lernen: Gegen Tränengas hilft Cola

Dina Omar Mohammed sah noch die Spuren des ersten großen Kampfes der Demonstranten mit der Staatspolizei. Als sich zum ersten Mal mehr als 50.000 Menschen auf dem Tahrir versammelten, hatte die Polizei scharfes CS-Tränengas, Wasserwerfer, Gummikugeln gegen die Demonstranten eingesetzt. Hunderte von ihnen wurden verletzt, manche schwer. In den Krankenhäusern Kairos wurden die Blutkonserven knapp. Bisher waren fast 150 Menschen gestorben . Dina Mohammed sah, dass viele Demonstranten Cola-Flaschen dabei hatten und Lappen, die mit Wasser getränkt waren. Gegen Tränengas. Man erklärte ihr, dass sie – sollte es zu einem Einsatz kommen – das Gas zunächst mit Cola vom Gesicht reiben und dann die Augen mit klarem Wasser ausspülen solle. Man erklärte ihr auch den Slogan der Bewegung: »Salmia, salmia – friedlich, friedlich!« So riefen die Demonstranten unaufhörlich und stellten sich dazwischen, wenn jemand versuchte, die anderen zu Gewalt anzustacheln oder die Sicherheitskräfte zu provozieren. Auf dem riesigen Tahrir-Platz müssten solche kleinen Eskalationen ständig entschärft werden, erklärte man ihr. Spitzel der Regierung und bezahlte Provokateure setzten alles daran, den friedlichen Protest zu radikalisieren, vor aller Welt zu entblößen und so kleinzukriegen.

In diesen ersten Stunden auf dem Tahrir-Platz veränderte sich Dina Omar Mohammed. Von einem bürgerlichen Individuum wurde sie zu einem Teil der Masse, von einer Medizindozentin zu einer Revolutionärin. Sie sah, wie die Polizei abzog und die Armee einmarschierte. Plötzlich standen Panzer vor dem berühmten ägyptischen Museum. Dahinter brannte die Parteizentrale der herrschenden Nationaldemokratischen Partei von Präsident Hosni Mubarak. Sie und ihre Schwester beschlossen, erst wieder zu gehen, wenn Mubarak endlich zurücktritt. Was dann kommen würde, wussten sie nicht. Wer konnte es schon wissen?

»Ich bin für einen Kandidaten, den ich noch nicht kenne«, sagte Dina. Für den Geheimdienstchef Omar Suleiman, der am Tag zuvor vom Staatsoberhaupt Mubarak zum Vizepräsidenten ernannt wurde? Nein, der konnte es nicht sein. »Er mag geeignet sein, viele Ägypter achteten und schätzten ihn.« Doch weil ihn jetzt Mubarak ernannte, habe er alle Glaubwürdigkeit verloren. Der Herrscher hat seinen besten Mann verbrannt. Und Mohammed ElBaradei, Friedensnobelpreisträger und ehemaliger Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde ? Zu opportunistisch. Der komme immer nur »aus dem Ausland eingeflogen, wenn es etwas für ihn zu gewinnen gibt«, sagte sie.