Wie viele Mauern müssen noch fallen, bis wir aufhören, uns vor fallenden Mauern zu fürchten?

Die Bilder aus Ägypten sind bewegend wie die der sanften Revolution von 1989: die Familien mit Kindern, die Betenden, die Friedlichkeit im Umgang mit den Soldaten. Kairo müsste für eine Menschheitshoffnung stehen, mit der die Welt mitfiebert. Die repressiven Regime überall zittern – China, Syrien, die Hamas-Miliz in Gaza sind tief beunruhigt.

Aber die Freude im Westen ist gehemmt, nicht nur wegen der Gefahren, die mit jeder Revolution auch verbunden sind. Die Ereignisse treffen uns blamiert und überrascht. Wer vor zwei Wochen die Freiheit in Tunesien feierte, wusste vor einer Woche noch nicht, ob der Funke auf andere Länder überspringen würde – und ist heute überrumpelt vom ägyptischen Drama. So viel aber ist klar: Die neue arabische Welt wird weniger bequem sein, kein Stein auf einem geopolitischen Schachbrett mehr, sondern eine dreidimensionale Landschaft mit echten Menschen, die uns von Gleich zu Gleich begegnen und ihre Ansprüche anmelden werden. Vielleicht fühlt sich der Westen jetzt auch einfach ertappt, bei seinem verborgenen Kolonialismus und seinem Rest-Rassismus.

Hinter der gebremsten Freude steckt zunächst der Fetisch der Stabilität. Nur keine abrupte Veränderung im gefährlichen Mittleren Osten , sie könnte zur Katastrophe führen. Dass der Status quo selbst die Katastrophe ist, haben erst die Massenproteste bewusst gemacht. Die Stabilität à la Mubarak war in Wahrheit fragil, die »Realpolitik«, die auf Despoten setzt, unrealistisch. Nicht, dass die Angst vor dem Chaos absurd wäre. Mubaraks Vorgänger Sadat wurde 1981 von Islamisten ermordet, da kann man ein geradezu verzweifeltes Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit verstehen. Aber mit der Zeit ist es zur Ideologie erstarrt.

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Die Vergötzung der Stabilität ist eine chronische Krankheit. Es gab eine rechte Variante des Stabilitätskults: Militärdiktaturen in Lateinamerika und Asien galten während des Kalten Krieges als Bollwerke gegen den Kommunismus. Es gab eine sozialdemokratische Spielart: Die polnischen, tschechischen, russischen Dissidenten, die gegen das Sowjetsystem aufbegehrten, wurden als Störenfriede betrachtet, die die Entspannungspolitik gefährdeten. Die Teilung Europas und der Welt, die Unterdrückung im sozialistischen Lager, das mochte unerfreulich sein (aber nur für die hinter dem Eisernen Vorhang), doch war es stabil. Nur wie lange?

Was hat man sich seinerzeit denn gedacht, für wie viele Jahrzehnte wie viele Millionen Leben im Sowjet-Imperium und auf den Nebenkriegsschauplätzen der Dritten Welt vergeudet werden dürfen um der Stabilität willen? Mit wie vielen unfreien, gedemütigten Leben für wie viele weitere Jahrzehnte wurde bis zuletzt für Arabien gerechnet?