Julian Assange in London, 2011 © Leon Neal/AFP

Julian Assange und seine Enthüllungsplattform WikLeaks traten an, die Welt zu verändern, indem sie den Regierenden ihr Herrschaftswissen entreißen und geheime Dokumente veröffentlichen würden. Und sie brauchten dafür Mitstreiter. »Ein politischer Akteur hat die Bühne betreten, der die Machtfrage stellt«, staunte der Spiegel . In dem halben Jahr davor hatte das Magazin zusammen mit dem Guardian und der New York Times drei riesige Datensätze der Informationsrevolutionäre ausgewertet und veröffentlicht, jede Publikation war »die größte Enthüllung der amerikanischen Militär- oder Diplomatie-Geschichte«. Der Hacker und die internationalen Medien würden die Sicht auf das Weltgeschehen ändern, das war der Anspruch.

Nun haben Journalisten von Spiegel und Guardian Bücher über WikiLeaks geschrieben, die New York Times gibt eine Artikelsammlung als E-Book heraus. Es ist der Beginn einer publizistischen Schlacht, in der die Eingeweihten Interna über WikiLeaks aufschreiben. Man findet darin Abenteuerliches über Assanges Kindheit und die Anfänge der Hacker-Organisation, der Voyeurismus wird auf jeden Fall befriedigt. Wie aber wird die entscheidende Frage beantwortet: Hat WikiLeaks wirklich die Welt verändert oder wenigstens den Journalismus und damit unsere Art, uns ein Bild der Welt zu machen? Um die Bilanz vorwegzunehmen: Eine Revolution war es wohl nicht.

Julian Assange wirkte auf die Redakteure wie eine Figur aus einem Stieg-Larsson-Krimi. »Er sah blass aus, übernächtigt und unrasiert«, erzählen die Spiegel -Reporter Marcel Rosenbach und Holger Stark. »Er trug seit Tagen dieselben Klamotten und kam auf Socken, ohne Schuhe.« Mit dem Daten-Punk zieht eine Geheimniskultur in den Redaktionen ein. »Bei Telefonkonferenzen sprachen wir in Amateur-Code. Assange war immer ›die Quelle‹. Die nächste Veröffentlichung war ›das Paket‹«, schreibt die New York Times. Es ist ein Clash der Kulturen.

Wer benutzt wen? Die Medienleute betonen immer wieder, Assange sei für sie eine Quelle, kein Partner. Doch die Quelle will die Regeln diktieren. Nachdem die New York Times ein kritisches Porträt über Assange veröffentlicht hat, will er sie aus dem Bündnis werfen. »Er sprach davon, dass er seine Macht nutzen würde, die Depeschen zurückzuhalten, um die Mainstream-Medien zu ›disziplinieren‹», berichten die Guardian -Journalisten David Leigh und Luke Harding.

Während die Botschaftsdepeschen Ende des Jahres mit großem Rummel veröffentlicht werden, verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Assange, der New York Times und dem Guardian bis hin zu öffentlichen Twitter-Beschimpfungen vonseiten des Australiers. Mit der Veröffentlichung der Bücher dürfte die Zusammenarbeit wohl endgültig vorbei sein. Vielleicht war das sogar ein Grund dafür: Die Zeitungen wollten sich von Julian Assange distanzieren.

Ernüchtert resümiert der Chefredakteur der New York Times, Bill Keller: »Ehrlich gesagt, glaube ich, dass der Einfluss von WikiLeaks auf unsere Kultur wahrscheinlich übertrieben war.« Auch sein Kollege vom Guardian kommt zu dem Schluss, dass WikiLeaks die Welt nicht grundlegend verändert hat: »Bemerkenswerterweise ist der Himmel nicht heruntergefallen, obwohl so viele Informationen veröffentlicht worden sind.« Muss man sich wundern, dass Julian Assange seinerseits die Bücher, die seine Bedeutung so wenig würdigen, scharf kritisiert? Das Buch der Amerikaner sei »eine weitere Schmierkampagne«, der Guardian ist für ihn »die schleimigste Medienorganisation von Großbritannien«.