Die Nacht hängt noch tief über Burg Nordeck. Die ersten Lichter hinter den kleinen Fensterscheiben lassen die Umrisse der mittelalterlichen Festung nur langsam aus der Dunkelheit tauchen. Zitternd vor Kälte, huschen kleine Gestalten über die Wege und durch einen schmalen Türspalt hinein in den Rittersaal, hinein ins Warme. Es riecht nach Früchtetee und frischen Brötchen. Es ist 7.15 Uhr, und wie jeden Morgen ist es auch an diesem Freitag zu früh, um Hunger zu haben. Müde liegen die schweren Köpfe in den aufgestützten Armen. Die meisten Teller bleiben unberührt.

Seit zwei Tagen sitzt ein neuer Junge mit am Tisch, dunkle Stoppelhaare über dem runden Gesicht. Er sagt nicht viel, die anderen lassen ihn in Ruhe. "Er kam direkt aus der Psychiatrie zu uns", sagt Gunhild Klöß-Vedder, die Leiterin des Landschulheims Burg Nordeck, das gut 20 Kilometer nordöstlich von Gießen liegt. Bei jedem neuen Schüler stellt sie sich die Frage, ob das gut geht. Ob das Internat der richtige Ort für ihn ist. Ob man ihm hier helfen kann, wieder zu reden, zu lernen und vielleicht sogar zu lachen.

"Gerade die schwierigen Kinder liegen uns am Herzen", diesen Satz hat das Landschulheim Burg Nordeck vor einigen Jahren zum Prinzip seiner Arbeit gemacht. Rund zwei Drittel der 86 Internatsschüler sind über das Jugendamt hierhergekommen, ihr Platz wird vom "öffentlichen Kostenträger", wie das im Amtsdeutsch heißt, finanziert. Damit sind die Privatzahler auf Burg Nordeck in der Minderheit. Eine Ausnahme in der deutschen Internatslandschaft, wo der Anteil der Jugendamtskinder in der Regel bei höchstens zehn bis fünfzehn Prozent liegt. Noch immer gelten Internate in Deutschland als elitäre, geschlossene Systeme, in denen man gern unter sich bleibt. Doch seit einigen Jahren bewegt die Internatsszene die Frage, wie viele der vermögenden und traditionsbewussten Elternhäuser sich noch von den reformpädagogisch orientierten Landerziehungsheimen überzeugen lassen. Erst kam der Privatschulboom, der die Auswahl an alternativen Schulkonzepten vergrößert hat, die wesentlich günstiger zu bekommen sind. Dann folgte die Wirtschaftskrise, die auch die Internatsklientel zumindest kurz innehalten ließ – schließlich kostet ein Internatsplatz rund 2500 Euro im Monat. Und seit einem Jahr sorgt die Debatte um das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule für rückläufige Anmeldezahlen.

Sophie fühlte sich von ihren Adoptiveltern abgeschoben

"Wir werden keine Eliteschule mehr werden und wollen das auch nicht", sagt Schulleiterin Klöß-Vedder über die neue Ausrichtung des bereits 1926 gegründeten Internats Burg Nordeck. In vielleicht weiser Voraussicht hat sich die Schule eine Nische gesichert, die für manch anderes Internat in Zukunft ebenfalls interessant werden könnte. Das Landschulheim möchte sich als anerkannte Einrichtung der Jugendhilfe profilieren und Kindern helfen, die in problematische Lebenssituationen geraten sind. Die an der öffentlichen Schule keiner mehr haben wollte und deren Eltern irgendwann auch nicht mehr weiterwussten.

Sophie (Namen geändert) kam vor drei Jahren und ist eines von nur zehn Mädchen am Internat. Als sie mit 14 von zu Hause abgehauen ist, war das der Höhepunkt einer langen Reihe von Ärgernissen und Konflikten zwischen Sophie und ihren Adoptiveltern. Sophies Dickköpfigkeit passte nicht zum Anspruch ihrer Eltern an Erziehung und Gehorsam. Alles war wie festgefahren, da war kein Gespräch, kein Einlenken mehr möglich. Sie hätten sie einfach "weggeschickt", wie Sophie heute sagt, ins Internat. Die Wand neben ihrem Bett hängt voller Fotos. Sie erzählen davon, wie Sophies Leben früher war, welche Menschen ihr wichtig sind. Ihre leiblichen Eltern sind darauf zu sehen. Sie stehen hinter Sophie, die auf dem Foto noch ein Baby ist, in einer kleinen Autoschale liegt und neugierig in die Kamera blickt. Mutter, Vater, Kind. So fing es für Sophie an. Aber so sollte es nicht bleiben. Ihre Mutter war drogenabhängig und lebt seit mehr als 15 Jahren in einer geschlossenen Psychiatrie. Der Vater starb, Sophie kam zu Pflegeeltern, dann wurde sie adoptiert. Jetzt lebt sie auf Burg Nordeck.

In einem halben Jahr ist Sophie fertig mit der Schule, dann will sie mit ihrem Realschulabschluss in der Tasche allein ins Leben gehen. "Ich weiß jetzt, was ich will", sagt Sophie. Eine Wohnung will sie sich nehmen und eine Ausbildung beginnen. Sie schiebt die Unterlippe ein wenig nach vorn und sieht so noch entschlossener aus: "Ich trau mir das jetzt zu."

Es sind Geschichten wie diese, die auf Burg Nordeck all jenen Mut machen, die sich Tag für Tag um die Jungen und Mädchen zwischen 10 und 18 Jahren kümmern: der Schulleiterin Gunhild Klöß-Vedder zum Beispiel, die ihre eigene Familie kaum sieht, weil sie bis spät in die Nacht hinein die Akten der Kinder studiert und für jedes einzelne überlegt, wie es gefördert und gestärkt werden kann. Oder der Lehrerin und Erzieherin Jane Knoll, die seit 15 Jahren auf Burg Nordeck lebt, an deren Tür man immer klopfen darf und von der die Kinder sagen, sie sei die Beste, wenn auch Strengste auf der Burg.