Internat Ein neues HeimSeite 3/3
Aber was, wenn die Kinder sich erst recht hier, in der Einöde von Nordeck, verweigern? »Wir erwarten nicht, dass ein problematischer Schüler plötzlich zum Klassenbesten wird«, sagt Gunhild Klöß-Vedder. »Aber wir haben hier die Zeit und die Möglichkeiten, ihn langsam wieder an Schule heranzuführen.« Das Landschulheim Burg Nordeck ist vom hessischen Kultusministerium als »Schule mit besonderer pädagogischer Prägung« anerkannt. Das ermöglicht der Schule mehr Freiheiten in der Lehrplangestaltung, vor allem aber im individuellen Umgang mit schwierigen Schülern. Wer von Schule gar nichts mehr wissen will, wird zuerst in seinen Lieblingsfächern unterrichtet und bekommt etliche Extrawürste – Einzelförderung etwa. Die Kunst der Annäherung und der Gelassenheit ist hier gefragt – dem Wesenskern eines Kindes wieder näher zu kommen, ohne es ständig spüren zu lassen, dass sein Verhalten eigentlich untragbar ist. Ihm zu zeigen, dass da einer erkennt, was in ihm steckt.
Die Lehrerin Bettina Hermann erinnert sich an einen Jungen, der, wie so viele, als Schulschwänzer mit Sitzenbleiber-Karriere kam. Auf Burg Nordeck gehörte er bald zu den Besten seines Jahrgangs. Über seine Vergangenheit sprach er nicht. »Viele Jugendliche versuchen das abzuspalten. Die schließen damit ab, sobald sie hier sind«, sagt Hermann. Sie fand trotzdem heraus, was den Jungen so zermürbt hatte. Er hatte Angst. Vor der Schule, vor seiner Klasse, vor dem ständigen Druck, den er von Eltern und Lehrern zu spüren bekam.
Bettina Hermann hat viele Jahre mit Mann und Sohn auf Burg Nordeck gewohnt. Morgens war sie Lehrerin, abends Ersatzmutter. Vor einigen Wochen ist sie ins Dorf gezogen. Ihre Internatsfamilie sieht sie jetzt nur noch zu genau festgelegten Dienstzeiten.
Das Jugendamt fordert von einer Jugendhilfeeinrichtung die Trennung zwischen Lehrer- und Erzieherrolle. Wer morgens unterrichtet, soll nicht abends der Ansprechpartner der Kinder sein. Dabei haben gerade die Landerziehungsheime immer für eine enge Beziehungskultur zwischen Schülern und Lehrern plädiert – das, so sagen die Reformpädagogen, sei die eigentliche Voraussetzung für gelingendes Lernen. Nun aber werden die Familien in Wohngruppen umgewandelt, und die ehemaligen Internatsmütter und -väter sollen durch »Bezugserzieher« ersetzt werden. Sie sollen die Selbstständigkeit der Kinder fördern, aber nicht mit ihnen im Internat wohnen.
Sophie glaubt, dass sie gut gerüstet ist für das Leben da draußen. Trotzdem wünscht sie sich, dass in der neuen Wohnung ab und zu ein Jugendhelfer nach ihr schaut, denn der Gedanke an die plötzliche Freiheit hat auch etwas Unheimliches. Das Internat hat sie am Ende vielleicht sogar ihren Adoptiveltern wieder ein Stück näher gebracht. Sie kann deren Haltung nicht ganz, aber manchmal schon besser verstehen. Dass sie sie damals einfach weggeschickt haben, hat Sophie ihnen aber noch längst nicht verziehen.
Anmerkung: Der Text unterscheidet sich nach redaktioneller Bearbeitung leicht von der gedruckten Version.
- Datum 07.02.2011 - 14:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.2.2011 Nr. 06
- Kommentare 13
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Es ist ein nettes Örtchen am Rande des Lumdatales. Klar, das ist nicht Berlin Marzahn oder Frankfurt Gallusviertel...
Ich finde solche Ansätze gut - bleibt zu hoffen, dass auch die Lehrkräfte sich ihre Ideale erhalten und kein Wolf im Schafpelz dort irgendwann sein Unwesen treibt wie in den vielen anderen Internaten von denen wir in den letzten Monaten hören mussten.
Konkurrenz durch den Boom bei den Privatschulgründungen - Wirtschaftskrise - Missbrauchsfälle (nicht nur an der Odenwaldschule, sondern beispielsweise auch in Salem!) - rückläufige Anmeldezahlen. Sozialtherapeutische Hilfe als Nische, "die für manch anderes Internat in Zukunft ebenfalls interessant werden könnte".
Der Beitrag steht in wohltuendem Kontrast zu dem Elitegeschwätz der letzten Jahre.
Aber wird hier nicht eine Situation beschrieben, die die Wirklichkeit der Landerziehungsheime von ihrer Gründung an bestimmt hat?
und es wäre wirklich wunderbar, wenn alle Probleme der Jungendhilfe so positiv lösbar wären.
Aber diese Themen tauchen so selten auf, vor einigen Monaten stand z.B. dieser Artikel in der taz, dass genausogut Gewalt und Chaos den Alltag solcher Einrichtungen bestimmen können.
http://www.taz.de/1/leben...
Welche Art von Heim dominiert also?
Hallo Atan,
Sie haben natürlich vollkommen Recht! Nach meiner Erfahrung sammeln sich in sämtlichen Internaten – allem Gerede von einem „Imagewandel“ zum Trotz - vor allem die schwierigsten Fälle. „Wenn nichts mehr hilft, hilft Internat!“ Eine Ausnahme bilden nur einige staatliche Eliteinternate zur Förderung hochbegabter und hoch befähigter Schülerinnen und Schüler.
[...]
Insofern beschreibt der Beitrag über das Landschulheim Burg Nordeck natürlich nur die sichtbare Spitze des Eisbergs.
Gekürzt, die Redaktion/fk.
Ich habe noch mal in meinem Archiv gekramt. Auch in den Internaten geht's zu wie in der von Atan beschriebenen
Jugendhilfe-Einrichtung. Nachzulesen u.a. hier:
http://zfi.beepworld.de/f...
http://zfi.beepworld.de/f...
http://zfi.beepworld.de/f...
http://zfi-gruenberg.beep...
http://zfi-gruenberg.beep...
ob ich das gleich alles lesen will, schon der Taz-Artikel hatte mich sehr erschüttert.
Ich danke Ihnen aber sehr dafür, dieses Thema so umfangreich zu ergänzen, ich hoffe jedenfalls sehr, dass die Medien nach den vielen salbungsvollen Worten und erhobenen Zeigefingern wirklich am Ball bleiben, denn die Zustände bedürfen eines sehr langen Atems, ständiger Aufmerksamkeit und viel Geld.
Was mich allerdings sehr skeptisch mach: Sie verlinken ja zu einem Artikel, in welchen gerade Burg Nordeck 2007 nach einem positiven Drogen-Screening zahlreicher Schüler z.B. den Schulleiter ablöste und gleich 19 Schüler verwies. Die "Zeit" geht vornehm über diese gravierende Episode hinweg, als ob in den "positiven" Einrichtungen grundsätzlich alles funktioniert, während an den anderen nach Skandalen kein gutes Haar mehr gelassen wird.
Da entsteht in meinen Augen ein unguter Schwarz-Weiß-Kontrast, der unrealistische Erwartungen weckt.
ob ich das gleich alles lesen will, schon der Taz-Artikel hatte mich sehr erschüttert.
Ich danke Ihnen aber sehr dafür, dieses Thema so umfangreich zu ergänzen, ich hoffe jedenfalls sehr, dass die Medien nach den vielen salbungsvollen Worten und erhobenen Zeigefingern wirklich am Ball bleiben, denn die Zustände bedürfen eines sehr langen Atems, ständiger Aufmerksamkeit und viel Geld.
Was mich allerdings sehr skeptisch mach: Sie verlinken ja zu einem Artikel, in welchen gerade Burg Nordeck 2007 nach einem positiven Drogen-Screening zahlreicher Schüler z.B. den Schulleiter ablöste und gleich 19 Schüler verwies. Die "Zeit" geht vornehm über diese gravierende Episode hinweg, als ob in den "positiven" Einrichtungen grundsätzlich alles funktioniert, während an den anderen nach Skandalen kein gutes Haar mehr gelassen wird.
Da entsteht in meinen Augen ein unguter Schwarz-Weiß-Kontrast, der unrealistische Erwartungen weckt.
ob ich das gleich alles lesen will, schon der Taz-Artikel hatte mich sehr erschüttert.
Ich danke Ihnen aber sehr dafür, dieses Thema so umfangreich zu ergänzen, ich hoffe jedenfalls sehr, dass die Medien nach den vielen salbungsvollen Worten und erhobenen Zeigefingern wirklich am Ball bleiben, denn die Zustände bedürfen eines sehr langen Atems, ständiger Aufmerksamkeit und viel Geld.
Was mich allerdings sehr skeptisch mach: Sie verlinken ja zu einem Artikel, in welchen gerade Burg Nordeck 2007 nach einem positiven Drogen-Screening zahlreicher Schüler z.B. den Schulleiter ablöste und gleich 19 Schüler verwies. Die "Zeit" geht vornehm über diese gravierende Episode hinweg, als ob in den "positiven" Einrichtungen grundsätzlich alles funktioniert, während an den anderen nach Skandalen kein gutes Haar mehr gelassen wird.
Da entsteht in meinen Augen ein unguter Schwarz-Weiß-Kontrast, der unrealistische Erwartungen weckt.
Ich habe ebenfalls passende Zeitungsartikel gefunden:
http://www.giessener-anze...
http://www.zeit.de/gesell...
Grundsätzlich bin ich für die Einführung einer "Männerquote", so dass Jungs bereits in Kindergärten, Grund-/Haupt- und Realschulen nicht nur in Ausnahmefällen von Männern unterrichtet werden. Vielleicht wird dann wieder alles normaler?
Zähneputzens, Frühstückens, usw mehr bieten?
Liegt es an der Asozialität vieler Eltern bzw. verrückten Schichtzeiten selbst von Müttern heutzutage, das da nichts mehr klappt?
Wenigstens ein Elternteil sollten mit ihren Kindern diese Rituale volziehen und sie nicht alleien das tun lassen!Das geht wirklich nicht, wird aber oft von Karrieremüttern praktiziert!