Missbrauch an Schulen Kann es wieder passieren?
Nach dem Missbrauch an der Odenwaldschule: Erika Risse erklärt, wie Internatsschüler künftig geschützt werden sollen
© Alex Grimm/Getty Images

Die hessische Odenwaldschule bei Nacht
DIE ZEIT: Können Sie Eltern heute, ein Jahr nach dem Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, noch guten Gewissens empfehlen, ihr Kind auf ein Internat zu geben?
Erika Risse: Im Augenblick mehr denn je, denn gerade beim Thema Missbrauch ist ja inzwischen eine Sensibilität entstanden, wie sie größer nicht sein könnte. Wobei es seltsam ist, dass Eltern in Aufnahmegesprächen an den Schulen meist gar keine Fragen zu diesem Thema stellen.
ZEIT: Woran liegt das?
Risse: Wenn die kommen, haben sie sich entweder schon ausreichend damit auseinandergesetzt und glauben, das Thema ist in guten Händen, weil die Aufmerksamkeit so groß ist. Oder das Thema ist bei ihnen gar nicht angekommen.
ZEIT: Was hat sich in den letzten Monaten an den 21 Internaten, die, wie die Odenwaldschule zur Vereinigung deutscher Landerziehungsheime (LEH) gehören, verändert?
Risse: Alle Internate sind dabei, Konzepte zu erarbeiten, wie sich sexuellem Missbrauch vorbeugen lässt. Einige haben sich externe Berater für diese Aufgabe geholt und sind noch mittendrin in diesem Prozess, andere haben ihn bereits abgeschlossen. Jede Einrichtung braucht ein Konzept, das sehr genau auf ihre Bedingungen und Bedürfnisse abgestimmt ist. Es bringt nichts, einen generellen Maßnahmenkatalog zu entwickeln.
ZEIT: Was hat sich ganz konkret getan?
Risse: An allen Internaten wurden die Altschüler angeschrieben beziehungsweise in den Internatszeitungen darauf hingewiesen, sich zu melden, falls sie selbst von Missbrauch betroffen waren oder davon wissen. Bei Neueinstellungen verlangen jetzt alle Internate ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis von jedem Bewerber. Das muss alle fünf Jahre erneuert werden. Wir hoffen, uns damit auch besser vor Mitarbeitern schützen zu können, die mit einer gewissen Vorgeschichte aus dem Ausland kommen. Was dort passiert ist, erfährt man nämlich ansonsten nicht.
ZEIT: Werden bestehende Kollegien überprüft?
Risse: Das ist eine heikle Angelegenheit. Einige Internate haben das zur Selbstverpflichtung gemacht. Eine solche Maßnahme kann nicht von der Schulleitung angesetzt werden.
ZEIT: Also heißt die Antwort eher: Nein. Aus Angst, es könnte noch mehr auffliegen?
Risse: Es geht ja nicht nur darum, Päderasten dingfest zu machen. Uns beschäftigt vor allem, wann Nähe nicht mehr professionell gehandhabt wird. Was passiert zum Beispiel, wenn ich als Lehrer oder Erzieher plötzlich derjenige bin, der die Nähe braucht und sie sucht. Wenn nicht mehr das Kind im Mittelpunkt steht, wie in der Reformpädagogik gewünscht, sondern wenn sich plötzlich der Lehrer mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt sieht.
ZEIT: Die Diskussion um Nähe und Distanz wurde in Internaten bisher kaum geführt. Wie wollen Sie das ändern?
Risse: Lehrer brauchen eine regelmäßige, institutionalisierte Supervision. Wenn sie sich nicht mit sich selbst befassen, wie sollten sie dann merken, wann ihre Professionalität an Grenzen stößt? Ein Lehrer muss sich immer wieder bewusst machen, wann die Nähe nicht mehr gesund für das Kind ist und sich in ein Machtverhältnis umwandelt.
- Datum 04.02.2011 - 11:43 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 3.2.2011 Nr. 06
- Kommentare 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Solange sich die Reaktionen auf die alarmierenden Vorfälle in Schulen auf das Brandmarken beschränken, müssen die Kritiker gerade wegen der oft überschäumenden Selbstgerechtigkeit fragen, wie weit sie selbst von den Versuchungen entfernt sind, die hier ebenso schwache, wie willige Nachläufer gefunden haben.
Eine Supervision hilft uns, den sich oft im Kreis bewegenden Horizont zu verlassen und das eigene Tun aus Perspektiven zu sehen, die bisher vernachlässigte Faktoren sichtbar werden lässt, die uns überraschende Aufschlüsse erlauben.
Solche Konsequenzen öffnen allen Beteiligten eine Chance, aus der sich ewig drehenden Mühle von Schuld und Beschämung zu Lösungen aufzubrechen, wo die vernachlässigte Größe menschlicher Einsicht wieder zu ihrem Recht kommt.
"Wobei es seltsam ist, dass Eltern in Aufnahmegesprächen an den Schulen meist gar keine Fragen zu diesem Thema stellen."
wie soll das aussehen?
"sind sexuelle übergriffe in den monatlichen kosten inbegriffen?"
ich weiß, das ist geschmacklos, aber solches kann immer geschehen und es kam ja schließlich erst nach ewigkeiten raus, weil es meisterlich vertuscht wurde.
für Private Schulen?
Sind Kinder an staatlichen Schulen nicht gefährdet, weil Beamte nicht dazu neigen Kinder zu mißbrauchen, oder macht es keinen Sinn staatliche Institutionen zu untersuchen, weil der Beamte unkündbar ist, oder weil für diese Art von Mißbrauch keine Strafen vorgesehen sind.
Wenn das so weitergeht in unserem Staate, dann werden irgendwann nur noch Falschparker und Schwarzarbeiter die dazu verdienen müssen um über die Runden zu kommen, bestraft.
Alle anderen Kriminellen müssen lediglich ihre regelmäßige, institutionalisierte Supervision finden, um auf dem rechten Weg zurückzukommen.
Auf die Idee einer Supervision für Familien, dem Hauptort für Kindesmissbrauch, ist komischerweise noch keiner gekommen.
Auf Pauschalvorurteile gegen Lehrer seltsamerweise viele - dabei wird Missbrauch in Familien häufig erst durch Lehrer entdeckt und gemeldet.
Übrigens greift das Beamtenbashing zu kurz: Viele Lehrer/-innen sind gar keine Beamten mehr. Aber die Gelegenheit ist wohl zu verlockend, mal wieder zuzulangen...
sondern darum das bisher anscheinend nur kirchliche und private Institutionen untersucht wurden, warum?
Googeln sie mal, vielleicht werden Sie fündig.
sondern darum das bisher anscheinend nur kirchliche und private Institutionen untersucht wurden, warum?
Googeln sie mal, vielleicht werden Sie fündig.
sondern darum das bisher anscheinend nur kirchliche und private Institutionen untersucht wurden, warum?
Googeln sie mal, vielleicht werden Sie fündig.
"Das ist so ekelhaft, davon distanzieren wir uns".
Ausgesprochen von Frau Dr. Erika Risse ( Leiterin des Elsa-Brändström-Gymnasiums Oberhausen und Vorsitzende der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime e.V.), sich gleichsam der medialen Aufmerksamkeit gewiss. Andernorts in Variation vielfach gehört und gelesen. Verbale Demontage eines "Säulenheiligen" (selbstbewusst befördert durch die Fragestellung eines ZEIT Interviewers). Einsickernd in den Morast.
Das ist ja unfasslich, was Frau Risse da zum Thema „Verhinderung des sexuellen Missbrauchs in Internaten“ von sich gibt. Offensichtlich hat die Vorsitzende der LEH-Vereinigung die Problematik geistig nicht bewältigt. Es wäre notwendig gewesen, die verschiedenen Stränge der Dokumentation und Diskussion aller Umstände des Missbrauchsskandals zu einer schlüssigen Analyse und Handlungsperspektive zu bündeln. Stattdessen reiht sich Widerspruch an Widerspruch, werden wichtige Ergebnisse der bisherigen Aufarbeitung und aktuelle Veränderungen der Situation ausgeblendet.
Wenn Frau Risse glaubt, dass „extreme Dinge“ wie der inflationäre Missbrauch von Kindern und Jugendlichen an der Odenwaldschule „immer wieder passieren“ könnten, eben weil sich „kriminelle Handlungen nicht verhindern“ ließen, woher nimmt sie dann den Mut, Eltern „guten Gewissens“ und „mehr denn je“ zu empfehlen, ihr Kind einem Internat anzuvertrauen? Wen sollen – vor diesem Hintergrund – die ganzen Regeln und Vereinbarungen beruhigen, die da in den einzelnen Landheimen erarbeitet und auf geduldigem Papier gespeichert werden? Was soll sich durch das „Bewusstmachen“ der Problematik von Nähe und Distanz ändern, wenn bei den Internatsstrukturen und Lebensformen alles beim Alten bleibt? Welche Sicherheiten bieten die hierdurch neu gewonnenen „inneren Haltungen“, die sich jeglicher Überprüfung entziehen, weil man den Mitarbeitern nach wie vor nur v o r den Kopf schauen kann?
Ja, es kann jeder Zeit wieder passieren. An der Odenwaldschule und überall sonst. Und es hat tatsächlich nie aufgehört, wie die Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zum Thema sexueller Missbrauch in Schulen, Internaten und Heimen, die Vorfälle aus den Jahren 2009 bis 2011 statistisch erfasst, eindeutig belegt. Dasselbe trifft übrigens auch auf Mobbing, Alkohol- und Drogenkonsum, Disziplinprobleme und viele weitere internatspädagogische Baustellen zu, wo nach Kräften vertuscht oder eine Problembewältigung durch in aller Regel wenig wirksame Maßnahmen behauptet wird. Aber die diesbezüglichen Fakten blendet Frau Risse vollständig aus.
Nicht einmal die alarmierende Tatsache, „dass Eltern in Aufnahmegesprächen an den Schulen meist gar keine Fragen zu diesem Thema stellen“, bringt die Verbandsobere ins Grübeln. Sie wundert sich ein wenig, findet das „seltsam“.
So als wäre im Zusammenhang mit den inflationären Übergriffen an Odenwaldschule, Kloster Ettal, Aloisiuskolleg Bad Godesberg usw., usw. die Frage nach der Rolle der Eltern nie gestellt worden. Ich nenne hier nur die bemerkenswerten Beiträge von Jürgen Busche (http://www.cicero.de/berl... ), Johannes von Dohnanyi (http://www.zeit.de/2010/1...) und Birgitta vom Lehn
(http://zfi-archiv.beepwor...).
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren