Die Forderung nach einer strengeren Regulierung der Finanzbranche ist keine Schlagzeile mehr wert. Außer sie kommt von Goldman Sachs . So geschehen beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos . Gary Cohn, die Nummer zwei bei der US-Investmentbank, sorgte für einen kleinen Eklat bei dem ansonsten so harmonischen Beisammensein von Regierungsvertretern, Wirtschaftspromis und Journalisten in den Schweizer Bergen. Weniger verblüffend: Cohn will mehr Regeln nicht für Banken wie Goldman, sondern für andere Finanzinstitutionen, vor allem für Hedgefonds .

"In den kommenden Jahren wird der unregulierte Bereich exponentiell wachsen. Und das Risiko wird nicht verschwinden, sondern sich aus dem regulierten, transparenteren Bankensektor in den weniger regulierten, undurchsichtigeren Bereich bewegen", warnte Cohn. Kurz darauf schlug Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, in dieselbe Kerbe. "Eines Tages wachen wir auf und stellen fest, die systemischen Herausforderungen sind so groß, dass wir eine öffentliche Rettungsaktion oder zumindest Hilfe für unregulierte Bereiche stellen müssen." Im Klartext lautete die Botschaft der Banker an die Gesetzgeber: Nehmt ihr uns die Möglichkeit weg, bei den riskanteren, renditeträchtigeren Geschäften mitzumischen, drohen diese Geschäfte in undurchsichtigere und unregulierte Bereiche abzuwandern. Und womöglich müssen die daraus entstehenden Gefahren dann wieder zulasten der Steuerzahler abgewendet werden.

Banker, die vor Risiken warnen und sich um den Steuerzahler sorgen? Das scheint neu. Gerade erst hat eine Kommission des US-Kongresses ihre Untersuchung der Finanzkrise abgeschlossen. Das Ergebnis ist ein 600 Seiten starker Bericht , in dem sich viele erschreckende Belege für die Kurzsichtigkeit von Bankern finden, für ihr Missmanagement, ihre Selbstüberschätzung, ihre Fahrlässigkeit, ihre Gier und schlicht ihre Dummheit (wie auch die Dummheit aufseiten der Aufseher und Gesetzgeber). Was den Bericht so beunruhigend macht, ist die Feststellung, dass sich an den grundlegenden Problemen kaum etwas geändert hat. Im Gegenteil: Die überlebenden Großbanken etwa sind noch größer geworden. Und mit ihnen die Gefahr, dass sie das Finanzsystem und die Wirtschaft mitreißen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten.

Nun warnen ausgerechnet diese Banker, andere seien viel gefährlicher – Schattenbanker, auf die niemand schaue. Die Finanzjongleure bei unregulierten Institutionen, etwa Beteiligungsgesellschaften oder Hedgefonds. Letztere fühlen sich wiederum von den Bankern angeschwärzt und reagieren prompt. "Reiner Eigennutz" spreche da, beschwerte sich ein Hedgefonds-Manager bei der Financial Times , über die Warnungen von Goldman-Sachs-Chef Kohn. Schließlich sei Goldman bis zur Finanzmarktreform nichts anderes gewesen als ein gigantischer Hedgefonds. Damit spielte er auf die Tatsache an, dass das Wall-Street-Haus bis zur Krise den Löwenanteil seiner Profite durch Spekulation mit Eigenkapital erwirtschaftete.

Heute sehen sich die Banken durch Reformen in Europa und den USA mit vielen neuen Vorschriften konfrontiert, die ihre bisherigen Geschäftsmodelle infrage stellen und ihre Spekulationen einschränken. Dagegen sind die Hedgefonds von den neuen Regeln weitgehend verschont geblieben. Zu Recht, argumentieren ihre Manager, schließlich seien sie im Gegensatz zu den Banken nicht für die Krise verantwortlich. "Die letzte Finanzkrise wurde von Institutionen ausgelöst, die ihre Risiken nicht angemessen gemanagt und mit zu großen Kredithebeln gearbeitet haben. Ich mache mir Sorgen, dass wir eine neue Krise erleben werden, weil diese Institutionen aus ihren Fehlern nicht gelernt haben", konterte Richard Baker von der Managed Funds Association, der Washingtoner Lobby der Hedge Funds.

Doch es geht um mehr als einen Schaukampf zwischen den verschiedenen Spielern in der Finanzarena. Es geht um die nächste Katastrophe. Die Ursachen der Finanzkrise sind nicht beseitigt, sie sind sogar noch bedrohlicher geworden. Das billige Geld, das vor allem die US-Notenbank einsetzte, um den Abschwung der New Economy Anfang des vergangenen Jahrzehnts abzufedern, gehört zu den entscheidenden Faktoren bei der wilden Spekulation mit amerikanischen Immobilienkrediten. Was tat die Notenbank, als dieses Geschäft zusammenbrach? Sie pumpte frische Billionen in die Wirtschaft und ließ die Geldflut zu einer Riesenwelle anwachsen. Die Folge: Die Renditen sind auf Rekordtief. Nur wer höhere Risiken eingeht, hat die Chance, höhere Profite einzufahren. Das treibt Investoren wie Pensionsfonds und Versicherer dazu, nach solchen Alternativen zu suchen. Davon profitieren Hedgefonds, die bereits wieder knapp zwei Billionen Dollar verwalten – fast so viel wie vor der Krise. Im vierten Quartal verzeichneten die Geldpools Zuflüsse von 149 Milliarden Dollar, das ist ein neuer Rekord.