Damals, Mitte der neunziger Jahre, dachte niemand an Fußball. Es war Krieg in Tschetschenien, und kein Mann wollte sich vom Sikr ausschließen, dem Märtyrertanz. Auch mich zog Mohamad Hadschi, der weißbärtige Zeremonienmeister mit den flinken Füßen, in den Kreis. Die Tänzer stampften in dumpfem Rhythmus über den Freiheitsplatz in Grosnij und riefen Allah an. Das Stadion lag schon in Trümmern. Ein Teil der Hauptstadt stand noch. Russland unter Präsident Jelzin hatte mit dem Feldzug gegen die separatistische Kaukasusregion nur halbe Sache gemacht. Präsident Putin vollendete das Kriegswerk einige Jahre später. Kein Stein blieb auf dem anderen, Grosnij schien ausgelöscht.

Doch dann kam Ramsan Kadyrow, Moskaus tschetschenischer Statthalter. Er räumte mit Gotteskriegern und Menschenrechtlern, Dschihadisten und Journalisten gleichermaßen auf, Morde inbegriffen. Mit Geld aus russischen wie anderen Kanälen schuf er eine muslimische Disney-Metropole aus Moscheen, Musikfontänen, Blumenbeeten und Boutiquen.

Jetzt schenkt der Präsident dem Volk auch Spiele, genauer: Fußballspieler. Den Anfang macht Ruud Gullit, einer der weltbesten Mittelfeld-Kicker der achtziger Jahre. Der Holländer hatte die Niederlande 1988 zur Europameisterschaft geführt, war zweimal Europapokalsieger mit dem AC Mailand (wohin ihn schon Silvio Berlusconi geholt hatte) und Spielertrainer beim FC Chelsea. Der heute 48-jährige Trainer soll den Verein Terek Grosnij (Präsident: Ramsan Kadyrow) vom 11. Platz in der russischen Liga in die Europa League führen. Ein Stadion von »internationalem Standard« kommt hinzu. Fußball und Frieden vom Feinsten – so soll die Welt Kadyrows Tschetschenien sehen.

Mich erinnert dieser geplante Aufstieg an den FC Olt. Der war zwar nicht mein Verein, aber dafür schön gelegen. Hinten im waldigen Vorland der Karpaten, in einem Dorf namens Scornicești . Dort war 1918 der rumänische Bauernsohn Nicolae Ceaușescu zur Welt gekommen. Als er in den sechziger Jahren Partei- und Staatschef wurde und sich bald als eine Art Karpaten-Pharao feiern ließ, mussten seine ärmlichen Landsleute und Lastenträger aus dem Nest Scornicești ein Zentrum des Personenkults machen. Der Dorfweg wurde zum »Boulevard des Friedens« mit mehrstöckigen Wohnblocks ausgebaut. Um den Fußballacker wuchs alsbald eine Betonschüssel für 30.000 Zuschauer. 1972/73 wurde der FC Olt aus der Taufe gehoben. Die Partei stand Pate und beorderte Spitzen- und Nationalspieler zur Aufzucht des kleinen Vereins. Schnell kletterte der FC Olt von der letzten bis zur höchsten Spielklasse. Und als es auf diesem Weg, 1979, einmal um das Torverhältnis ging, standen die gegnerischen Spieler von Elekrodul Slatinal Spalier: Ceaușescus Mannen feierten mit 18:0 ein Schützenfest und den nächsten Aufstieg. So wurde Rumänien zum Sinnbild der goldenen Zeit vor den Sportwetten...

Doch dann kam Weihnachten 1989. Zum Ende des Wendejahres stürzte Ceaușescu und mit ihm der FC Olt. Der Diktator wurde erschossen, der Verein aufgelöst. Des Parteichefs liebste Kicker verschlug es in die kapitalistische Welt. Der große Techniker Dorinel Munteanu ging zum 1. FC Köln und von dort zum VfL Wolfsburg, wo er die deutschen Fans bis 2004 begeisterte. Ilie Dumitrescu wanderte von Tottenham über den FC Sevilla zu Westham United. Und Dan Petrescu feierte beim FC Chelsea Triumphe – unter Ruud Gullit.

Als ich zehn Jahre nach dem Ende Ceaușescus und des FC Olt wieder Cornicești besuchte, weideten auf der fast nackten Stadionerde ein paar Schafe. In den Katakomben unter den Tribünen für die 30.000 Besucher nähten 80 Frauen Kleidungsstücke für den Export. Fußballtrikots waren nicht darunter. Mit den Gedanken beim FC Olt frage ich mich, wie produktiv Kadyrows Stadion in Grosnij wohl werden wird. Und wohin Ruud Gullits Wege noch führen mögen.