Ägypter fotografieren in Kairo mit ihren Handys eine brennende Polizeistation © MARCO LONGARI/AFP/Getty Images

Wie wichtig ist das Internet, um Diktaturen zu stürzen? Aus der Revolution in Tunesien könnte man schließen, das Netz werde in Ägypten zu einem ähnlichen Erfolg führen, schließlich organisieren sich auch die jungen Ägypter über soziale Medien wie Twitter und Facebook.

Als Hosni Mubarak am Freitag vergangener Woche Ägypten vom Internet und Mobilfunknetz abschnitt, beeilten sich Google und Twitter, ihren ägyptischen Nutzern zu helfen. Sie richteten einen Service ein, mit dem Ägypter Tweets über ihr normales Telefon versenden konnten. Da die anderen Ägypter diese Tweets nicht lesen konnten, war der Beitrag dieses Angebots vermutlich begrenzt. Aber er war sehr medienwirksam für die beiden Technologiegiganten – wer wird schon nicht gern als Dienstleister der Revolution gesehen?

Nur wenigen fiel auf, dass die fehlende Onlinekommunikation die ägyptische Protestbewegung kaum geschwächt hat: Auch ohne Twitter und SMS gab es viele und gut organisierte Demonstranten. Wären sie mit digitaler Technik noch stärker gewesen? Vielleicht. Aber entscheidend war die Technik offensichtlich nicht. Jedenfalls nicht so sehr, dass man wieder einmal von einer »Twitter-Revolution« sprechen könnte.

Angesichts der zunehmenden Proteste in der arabischen Welt war viel von der demokratisierenden Kraft des Internets die Rede. Doch die Cheerleader der Befreiungstechnologie übersehen nur zu gern, dass sie in der Hand eines diktatorischen Regimes auch zu einem Werkzeug der Repression werden kann. Über Facebook und Twitter werden Proteste und Menschenrechtsverletzungen bekannt gemacht, doch nach einer gescheiterten Revolte können auf diesem Wege die Dissidenten ausfindig gemacht werden.

In Iran wurden am 24. Januar zwei Aktivisten gehängt, weil sie Videos von der »Twitterrevolution« 2009 im Internet verbreitet hatten. Eine in Kairo verbreitete 26-seitige Broschüre mit Tipps für Aktionen fordert ihre Leser eindringlich auf, sie lieber als Fotokopie oder per E-Mail zu verbreiten als über die sozialen Medien, da diese von der Sicherheitspolizei bespitzelt werden könnten.

Schon immer waren revolutionäre Bewegungen und neueste Kommunikationstechnik symbiotisch verbunden. Lenin pries die Möglichkeiten von Telegrafen und Post, und die iranische Revolution 1979 hat dem Kassettenrecorder sehr viel zu verdanken. Damit hatte Ajatollah Chomeini Predigten in Paris aufgenommen und dann in das Schah-Regime in Iran geschmuggelt. Es ist deshalb nur natürlich, dass die neuesten Protestbewegungen im Nahen Osten auf Facebook und Twitter vertrauen: Diese Foren sind billig und schnell.

Die Lektion für Tyrannen ist einfach: Sie können den digital verstärkten Aufruhr nur dann eindämmen, wenn sie die gesamte Telekommunikation im Land kontrollieren und zentralisieren. Ohne einen Not-Schalter, der das digitale Netzwerk in Krisenzeiten komplett lahmlegt, geht es nicht. Das passiert derzeit in Ägypten. Aber auch in Iran haben die Revolutionswächter wenige Monate nach den angefochtenen Wahlen von 2009 die Herrschaft über die Telekommunikationsgesellschaft des Landes teilweise übernommen, um die Kontrolle über Festnetz, Handy und Internet zu sichern. Vermutlich werden andere Diktatoren, Tunesien und Ägypten vor Augen, die iranischen Erfahrungen beherzigen.