Ein Besucher betrachtet eine Säule aus Knochen. Aus Platzmangel auf den Friedhöfen wurden die Gebeine der Pariser gegen Ende des 18. Jahrhunderts in den Katakomben untergebracht © Boris Horvat/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr de Boni, Sie sind ein sogenannter cataphile: Sie fühlen sich also in den fast 300 Kilometern Gängen der Pariser Katakomben zu Hause, deren Betreten eigentlich verboten ist. Was fasziniert Sie denn so an der Unterwelt?

Marc de Boni: Ich mag es einfach, verlassene Orte zu erkunden. Und die Katakomben umwehte schon immer ein Hauch von Mysterium. Schließlich wurden die ersten Gänge vor knapp 2000 Jahren gegraben. Sie entstanden, als man Kalkstein abbaute – zunächst unter freiem Himmel, dann unter der Erde. Mit dem so gewonnenen Material wurden Pariser Gebäude und Skulpturen errichtet, von denen manche noch heute stehen.

ZEIT: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Ausflug in die Katakomben?

De Boni: Das war vor etwa sechs Jahren. Bekannte von mir waren selbst gerade zum ersten Mal dort hinuntergestiegen. Danach erzählten sie mir, wo ungefähr der Eingang zu den Katakomben liegt: auf der petite ceinture, einer heutzutage fast komplett stillgelegten Ringbahnlinie, die die Pariser Innenstadt umschließt. Drei Nächte in Folge bin ich mit Freunden vergeblich die Schienen entlanggeirrt. Dann endlich sind wir auf jemanden gestoßen, der uns das Loch im Boden zeigte, durch das es hineingeht. Dieser cataphile hat uns auch dort unten herumgeführt. Zwölf Stunden lang sind wir durch Gänge gelaufen oder gekrochen, wir haben uns den Kopf gestoßen an plötzlichen Felsvorsprüngen und mussten durch Wasser waten, das uns manchmal bis zu den Oberschenkeln durchnässte. Den nächsten Tag habe ich komplett durchgeschlafen. Aber es war ein sehr glücklicher Schlaf.

ZEIT: War es so mysteriös wie erwartet?

De Boni: Ja. Vor allem die ersten Ausflüge waren echte Adrenalinstöße. Dabei war ich hin- und hergerissen: Einerseits hatte ich Angst davor, wen ich treffen würde. Schließlich gibt es lauter Geschichten über Verrückte oder Drogenabhängige, die sich dort herumtreiben sollen. Auf der anderen Seite fürchtete ich, von den cataphiles nicht akzeptiert zu werden. Und ich hatte Sorge, dass ich mich verirre und nicht mehr aus den Gängen herausfinde.

ZEIT: Waren diese Ängste berechtigt?

De Boni: Nein, richtig verirrt habe ich mich noch nicht. Und auf Verrückte bin ich in den Katakomben auch nie gestoßen.

ZEIT: Wie sind denn cataphiles so?

De Boni: Das sind Menschen aller Altersstufen – ich habe schon sowohl Kinder als auch 70-Jährige dort unten getroffen. Meist sind es natürlich in gewisser Weise Abenteurer – zum Beispiel Grottenforscher, die ihrem Hobby auch in Stadtnähe nachgehen möchten. Ein paar Punks habe ich dort unten gesehen. Generell habe ich das Gefühl, cataphiles gehören eher der Mittel- oder Unterschicht an – allein schon, weil das ein kostenloser Spaß ist.

ZEIT: Und wie ist der Umgang unter cataphiles?

De Boni: Wir sind eine große Gemeinschaft. Wir duzen uns und reden miteinander, selbst wenn wir uns zum ersten Mal sehen. So etwas kenne ich nicht aus meinem Leben über der Erde. Es ist wie eine andere Welt. Die meisten cataphiles haben auch ein Pseudonym.

ZEIT: Was ist Ihres?

De Boni:Indiana Jones, weil ich genau so einen Filzhut trage wie Harrison Ford in den Filmen.