DIE ZEIT: Herr Stein, in Ägypten erhebt sich das Volk gegen seinen Diktator – erfüllt Sie das als Demokraten mit Freude?

Shimon Stein : Ja, ich bin für die Befreiung der Völker. Aber wir beobachten schon mit Sorge, was in Ägypten geschieht.

ZEIT : Was fürchten Sie? Eine Machtübernahme der islamistischen Muslimbruderschaft?

Stein: Wir alle hoffen, dass am Ende die säkularen, demokratischen Kräfte in Ägypten die Oberhand gewinnen werden. Aber man kann nicht ausschließen, dass die Muslimbruderschaft nach einer turbulenten Übergangsphase an die Macht kommt. Momentan ist das neben der Armee die einzige organisierte politische Kraft in Ägypten, ganz im Gegensatz zur säkularen Opposition. Ob das der Fall sein wird, könnte unter Umständen auch von der ägyptischen Armee abhängen. Sollten die Islamisten aber an die Macht kommen, muss man sich große Sorgen machen. Die antijüdische, antiisraelische, antiwestliche Weltanschauung der Muslimbruderschaft ist bedrohlich. Was wird dann aus dem Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel?

ZEIT: Was glauben Sie?

Stein : Es ist viel zu früh, eine Prognose zu wagen. Ich kann nur eines mit Sicherheit sagen: Es sieht so aus, als sei die Ära Mubarak zu Ende. Was nach ihm kommt, ist völlig unklar. Aber vor einem warne ich: Diese Region hat keine demokratische Tradition. Wenn man glaubt, wie manche Europäer in ihrer Naivität, freie Wahlen seien schon Demokratie, dann täuschen sie sich. Demokratie ist viel mehr, Demokratie ist Erziehung, und das ist ein Prozess, der sehr lange braucht.

ZEIT : Heißt das, Sie sprechen den arabischen Völkern die Fähigkeit zur Demokratie ab?

Stein : Im Gegenteil, aber es wird sehr lange dauern, bis sich eine demokratische Tradition in der arabischen Welt entwickeln wird.

ZEIT: Deshalb hat Israel seine Sicherheit an die Stabilität eines autoritären Regimes in Ägypten geknüpft?

Stein : Es ist einfach eine Tatsache: In dieser Region gibt es nur eine einzige Demokratie, und das ist Israel. Deshalb hatten wir in den vergangenen Jahrzehnten im Nahen Osten ausschließlich mit autoritären Regimen zu tun. Und die haben für eine gewisse Stabilität gesorgt. Präsident Mubarak ist dem Friedensvertrag mit Israel, den er übernommen hat, treu geblieben. Dieser Friedensvertrag hat enorme strategische Bedeutung für uns, er hat uns militärisch entlastet, die ägyptische Front war ruhig. Im Laufe der vergangenen Jahre haben wir auch gemeinsame Interessen entwickelt, Ägypten hat den Waffenschmuggel der Hamas, die es als Bedrohung sieht, im Gaza-Streifen bekämpft, nicht genug, aber immerhin. Ägypten hat den gemäßigten Palästinenser-Präsidenten Abbas unterstützt und versucht, zwischen ihm und uns zu vermitteln. Und nicht zuletzt war Ägypten unter Mubarak ein entschiedener Gegner Irans.

ZEIT: Den Preis dafür zahlten die Ägypter.

Stein : Ja, das Regime in Ägypten hat den legitimen Wunsch der Bevölkerung nach Freiheit und Wohlstand unterdrückt, aber in der Region hat es für Stabilität gesorgt – für eine Scheinstabilität, wie wir jetzt sehen.