Im nördlichen Teil des einstigen Ostpreußens hat sich die russisch-orthodoxe Kirche im vergangenen Jahr ein ungewöhnlich buntes Immobilienportfolio zugelegt: Darin findet sich nicht nur die Kaliningrader Großdiskothek Wagonka, sondern auch das städtische Puppentheater und der Konzertsaal des örtlichen Philharmonischen Orchesters. Außenstehenden mag sich nicht sofort erschließen, wieso diese Gebäude für die Seelsorge unerlässlich sind, die Kaliningrader Eparchie verweist jedoch darauf, dass es sich bei den Bauten um ehemalige Gotteshäuser handelt. Im Frühjahr 2009 erhob die russisch-orthodoxe Kirche erstmals Anspruch auf ein Dutzend früherer Sakralbauten im Kaliningrader Gebiet. Seitdem hat sie sich über vierzig Immobilien vom russischen Staat überschreiben lassen, weitere Anträge werden derzeit vorbereitet.

Diese plötzliche Leidenschaft für Gebäude aus deutscher Zeit überrascht, schließlich war die Orthodoxie früher nicht durch besondere Liebe zur Backsteingotik hervorgetreten. Zwar hatten einige Gemeinden unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Sozialismus ostpreußische Kirchen übernommen, die meisten konzentrierten sich aber auf den Bau neuer Gebäude. Derweil verfielen Dutzende historische Gotteshäuser, die die Sowjetzeit als Getreidespeicher oder Traktorgaragen überdauert hatten, nach dem Kollaps der Kolchosen aber ohne Nutzer blieben. Das Interesse der Kaliningrader Eparchie erwachte erst Anfang 2009; damals beriet die Staatsduma über ein Gesetz, das die Rückübertragung enteigneter kirchlicher Immobilien erleichtern sollte. Nun ist das Gesetz von Präsident Medwedjew unterzeichnet worden und zu Jahresbeginn in Kraft getreten. Vom Westen weitgehend unbemerkt, steht Russland damit die größte Privatisierungswelle seit Beginn der 1990er Jahre bevor: Landesweit könnten demnächst bis zu 11.000 Gebäude an die russisch-orthodoxe Kirche übertragen werden, sie würde damit zur größten Immobilienbesitzerin nach der russischen Eisenbahn.

Aus Sicht der Kaliningrader Eparchie hatte das Gesetz in seiner ursprünglichen Fassung einen entscheidenden Haken: Die Sakralbauten sollten nur jenen Gemeinschaften zurückgegeben werden, die sie bis zur Enteignung nutzten. Von einer »Rück«-Übertragung wäre die Orthodoxie im Kaliningrader Gebiet somit ausgeschlossen gewesen. Dort gab es eine einzige Kirche, in der vor 1991 – nämlich in den Jahren 1761 bis 1765 – Gottesdienste nach orthodoxem Ritus gefeiert wurden. Ausgerechnet diese Kirche hatten die sowjetischen Behörden 1950 gesprengt.

Im Frühjahr 2009 beschwerte sich Patriarch Kyrill daher bei Premier Wladimir Putin über den Gesetzentwurf: Der Text trage »nicht den Besonderheiten des Kaliningrader Gebiets Rechnung«, mahnte er und warnte vor »ethnischen wie religiösen Konflikten«. Ein Sprecher der Kaliningrader Eparchie wurde in der Iswestija noch deutlicher: Der Königsberger Dom, das Puppentheater in der Luisenkirche sowie die Philharmonie in der Kirche der Heiligen Familie könnten alle an »westliche Konfessionen« fallen. Schließlich entwarf die Orthodoxie gemeinsam mit der Gebietsduma das Horrorszenario eines Kulturkahlschlags: Den in ehemals deutschen Sakralbauten untergebrachten Institutionen drohe Gefahr, von Alteigentümern vor die Tür gesetzt zu werden. Die einzige Lösung sei, diese Gebäude »baldestmöglich« an die russisch-orthodoxe Kirche zu übergeben.

Man weiß nicht, worüber man mehr staunen soll: über das unverdaute Erbe des Kalten Kriegs, das hier zutage tritt, oder über die forsche Selbstentmannung eines säkularen Staates, der sich von der Kirche vor den Folgen seiner eigenen Gesetzgebung schützen lassen will. Und so wendete sich die neue Allianz der angeblichen Kulturschützer denn auch gleich gegen eine Kultureinrichtung: Im April des vergangenen Jahres musste das Kaliningrader Gebietsmuseum die Schlüssel der Katharinenkirche im früheren Arnau an die Eparchie übergeben und die gerade erst angelieferten Vitrinen wieder abtransportieren lassen.