Schilf rauscht im Nachtwind, ein paar Stimmen lachen; die Lichter eines herandampfenden Zuges werden im Dunkel bedrohlich größer. Die Natur erscheint gleich am Anfang – und fast zeitgleich mit ihr treten Fortschritt und Technik, die menschengemachte Mechanik der Welt, ins Bild. Was vermag der Mensch, und was bleibt seinem Willen entzogen?

Chris Kraus (Vier Minuten) kostet in seinem neuen Film diese Frage aus, opulent bebildert, von großartigen Schauspielern verkörpert. Schauplatz ist eine Weltgegend zwischen Raum und Zeit: die baltische Provinz des Zarenreichs, das Gut Poll direkt an der Ostsee, regiert vom deutschbaltischen Baron Ebbo von Siering (Edgar Selge). Es ist Sommer 1914, eine Epochenwende liegt in der Luft; der Erste Weltkrieg wird ausbrechen, mit dem das 20. Jahrhundert beginnt.

Nach dem Tod ihrer Mutter kommt Oda, die 14-jährige Tochter des Barons aus erster Ehe, nach Poll. Sie trifft auf eine versinkende und halb tote Welt, die sie ebenso verabscheut wie die ungeliebte, in Einsamkeit erkaltete Stiefmutter (Jeanette Hain), die sich elegischem Cellospiel hingibt und dem Verwalter. Symbolisch überragt wird Poll vom Gutshaus, einer visuell eindrucksvollen Fantasie des Regisseurs: errichtet auf Stelzen mehrere Meter über dem Meer, eine Villa aus knarrenden Brettern, adlige Herrschaftsgeste über Land und Meer, Ort für Kammermusik, Abendtafeln, Theateraufführungen, einquartierte russische Offiziere in weißen Uniformen.

So morbide und archaisch das alles erscheint, eine überkommene Ordnung, mühsam aufrecht erhalten, so sehr ist man Avantgarde des neuen Jahrhunderts: Baron Ebbo forscht als entlassener Medizinprofessor hier draußen in seinem mit schauerlichen Präparaten vollgestopften Laboratorium am menschlichen Gehirn herum, dem er die Charaktereigenschaften ablesen will; ein Bild des kriminalbiologischen Pioniers Cesare Lombroso hängt an der Wand. Oda ist wissbegierig und möchte eine tote Katze mit ihm aufschneiden; der Vater, der die Kinder zeitgenössisch brutal erzieht, zeigt ihr, wo das Böse im Gehirn eines einst erschossenen Verbrechers sitzt.

Ein elegischer Ort ist also mit ahnungsvoll-dämonischer Stimmung aufgeladen, als Oda dem verwundeten estnischen Anarchisten, der sich Schnaps nennt, in die Arme läuft. Unwillkürlich hilft sie ihm: Sie versteckt ihn im Dachgebälk über dem Laboratorium, versorgt die Wunden und operiert ihn mit Hilfe eines Lehrbuchs. »Ich werde keine Frau«, hatte Oda ihrem Vater verkündet; nun mutiert das Mädchen. Es gelingt der herausragenden 14-jährigen Paula Beer in ihrer ersten Filmrolle als Oda, den Zuschauer im Ungewissen zu lassen: Jederzeit könnte die verführerische Kindfrau auch das Böse bringen. Eine keusche Romanze beginnt; der genesene Schnaps lässt sich zur gemeinsamen Flucht überreden. Doch die Vorzeichen täuschen nicht: Oda wird nach dramatischen Wendungen und in mächtigen Feuersbrünsten zum schuldig-unschuldigen Todesengel.

Die Geschichte, die der Film erzählt, beruht auf Überlieferungen: Die weithin vergessene Dichterin Oda Schaefer (1900 bis 1988), Kraus’ Großtante, hatte in Erinnerungen von ihrem Sommer 1914 in Poll berichtet. Bei Kraus glänzt diese Welt von gestern trotz aller Farben nicht; sie ist bedrohlich schön, voller Gewalt, Geheimnis und Tod. Er schwelgt in Mienen und Landschaften, ohne schwelgerisch zu sein; ein Sehnsuchtsort ist dieses Baltikum gewiss nicht, trotz des markanten weichen Dialekts, der den Film durchzieht. Dem Regisseur gelingt eine symbolisch und historisch aufgeladene Parabel am Rand Europas, eine ästhetisch-thematische Mischung aus Michael Hanekes Weißem Band und Jane Campions Piano. Formal avanciert ist dieser Film gewiss nicht. Aber Kraus erzählt szenisch so perfekt und in der Manier eines großen europäischen Autorenfilms so eindringlich, dass man die Gesichter und Bilder nicht leicht vergessen wird. Oda erlebt eine entscheidende emotionale Initiation – just in dem Augenblick, als sich das gleichaltrige Jahrhundert in sein verhängnisvolles Erwachsenenschicksal stürzt.