Warum verdient Siemens Geld an einem Verkehrsunfall auf einer indischen Landstraße?

Die Suche nach der Antwort auf diese Frage verrät viel über die neuen Gesetze des globalen Wettbewerbs . Sie beginnt auf einer von Palmen und Reisfeldern gesäumten Straße zwischen dem Städtchen Margao und dem Dorf Lurchorem im südwestindischen Bundesstaat Goa. Zwei bunte, handbemalte Lastwagen sind frontal aufeinandergeknallt. Sie liegen im Straßengraben, ringsherum stehen etwa ein Dutzend wild gestikulierende Reisbauern mit breiten Hüten. Früher wäre eine Ewigkeit vergangen, bis medizinische Hilfe kommt. Doch heute investiert der Staat in die ländliche Gesundheitsversorgung.

Das Dorfkrankenhaus in Lurchorem besitzt inzwischen einen Krankenwagen und ein Röntgengerät vom neuen Siemens-Werk in Goa. Für den Lastwagenfahrer Sudeep Sikri ist das Glück im Unglück: Der mit einfachem Tuch bekleidete Tagelöhner liegt eine Stunde nach seinem Unfall auf einer Krankenpritsche in Lurchorem und hält ein Siemens-Röntgenbild in seiner Hand. Er hat im Leben noch kein Röntgenbild gesehen. Auch der Name Siemens ist ihm unbekannt. Der Doktor sagt ihm: »Alles heil geblieben!« Sikri kann sich nicht auf Anhieb freuen. »Was kostet das Bild?«, fragt er bang. »150 Rupien«, erklärt ihm der Doktor – rund 2,40 Euro. Sikri ist erleichtert.

1:0 für Siemens. Dem Werk in Goa ist es gelungen, die früher in Deutschland hergestellten Röntgengeräte des Konzerns so zu vereinfachen, dass sie 70 Prozent weniger kosten. Entsprechend billiger wird das einzelne Röntgenbild.

Und selbst dieser Preis gerät schon unter Druck. Bisher war Siemens in Goa der Monopolist für Röntgengeräte. Jetzt drängen neue indische Hersteller mit billigeren Geräten nach. Und sie bedienen noch ärmere Kunden als Sikri in ärmeren Gegenden als dem vergleichsweise wohlhabenden Goa. »Einem Bauern sind umgerechnet 2,40 Euro für einen gebrochenen Arm oft zu teuer«, sagt der Arzt Sahil Rais, der mehrere Klinken im Umland der Großstadt Mumbai betreibt. Rais ist ein langjähriger Kunde von Siemens. »Wenn das Unternehmen mit seinen Geräten wirklich aufs Land gehen will, dürfen die Röntgenbilder nicht mehr als 1,35 Euro kosten. Dort haben die Bauern keine Optionen, da geht es nur um den Preis«, sagt Rais auf einer Telefonkonferenz mit Siemens-Managern in Goa.

Siemens ist vielleicht auf dem Weg – aber bestimmt noch nicht am Ziel. Es geht darum, Produkte zu entwickeln, die den Konsumenten der Zukunft gefallen und von ihnen bezahlt werden können. The next billion, die nächste Milliarde, so haben Berater von der Boston Consulting Group diese neue aufstrebende Unterschicht in Indien , China , Brasilien und anderen Schwellenländern getauft.

Für die Eltern Billigkleidung, für die Kinder ein teures Hemd

Früher konnten sie als die Armen der Welt nur das Nötigste aus der lokalen Wirtschaft kaufen: Getreide und Wasser, Fahrrad und Pflug. Doch mit dem Wohlstand in ihren Ländern sind auch sie ein wenig aufgestiegen. Heute können sie sich mit Monatsverdiensten von knapp 100 bis über 500 Euro mehr als nur das Nötigste leisten. Gemeinsam bringen sie eine jährliche Kaufkraft von über einer Billion Euro auf den Markt. Allen Prognosen zufolge werden sie zahlreicher – und wohlhabender.