(:auch 1 Nimm=Mich=mit=Gefühl ?
(+ ›Never mind the use:do=it !‹ –:?)
Arno Schmidt, »Zettel’s Traum«


Einen Augenblick lang ist es da: das Nimm-mich-mit-Gefühl. Als ich die Buchhandlung im Hamburger Karoviertel betrete, den liebevoll dekorierten Arno-Schmidt-Tisch sehe, die späten Werke, in ihrer Mitte wuchtig Zettel’s Traum . Der legendäre Roman, den es vierzig Jahre lang nur als leidlich abfotografiertes Schreibmaschinen-Manuskript gab! Der jenen »endlosen Tâc« im Leben des alternden Schriftstellers Daniel Pagenstecher schildert, an dem er Besuch von einer reizenden Sechzehnjährigen bekommt. Vollendet im erotisch-politisch aufgeladenen Jahr 1968, gepanzert mit Bescheidwisserei, die im Dauerfeuer schrapnellartiger Satzzeichen ebenso hart geprüft wird wie die Geduld des Lesers. Herausgekommen 1970, zehn Kilo schwer, nur in Kleinstauflage als Faksimile, weil sogar der Autor sein tausendseitiges »Überbuch« aus Fragmenten, Skizzen und eingeklebten Bildchen für unsetzbar gehalten hatte. Und dann, im Herbst 2010, kam es doch, bei Suhrkamp (1513 S., 298,– €, siehe ZEIT Nr. 50 vom 9.12.2010 ).

Jahre haben Besessene mit Satz und Korrektur verbracht. Hübsch liegt es da, einladend aufgeschlagen, jeder Satz ein orthografischer Feldweg:

»HabS doch selbst betont, wie man ein’ Menschn an sein’n Lieblingsbüchern erkenne; an sein’Lieblingsbildern, =Gedichtn, =Farbm, =Kleidungsstükkn, =Gerüchtn...«

298 Euro Subskriptionspreis. Im Februar wirds teurer. Ich hab’s nicht gekauft. Aber der Wunsch war da! Auf dem Weg nach Haus wandern die Gedanken zu jenen, die entschlossener sind. Was mögen das für Leute sein? Warum wollen sie das lesen? Und wo? Im Bett geht es nicht. Im Sessel drückt es auf die Schenkel. Am Küchentisch?

((? –:das verfluchte Geleute nahm wider ma kein Ende !

Weil Buchhändler nur schwer dichthalten, wenn es um Arno Schmidt geht, stehe ich bald vor einem unauffälligen Mehrfamilienhaus in Hamburg-Wandsbek. Hier wohnt der Physikprofessor Werner Neuhauser. Ich klingele, er öffnet nicht.

Er öffnet erst, als ich ihn mit dem Handy anrufe. Natürlich war ich angemeldet, aber vielleicht musste er noch ein letztes Zögern überwinden. Von Journalisten hält er nämlich gar nichts, schlechte Erfahrungen. Warum fragen sie ihn auch immer nach Laserphysik und Quantenoptik?

Neuhauser wohnt weiter oben, in der Bleibe eines Junggesellen. Am Mobiliar hat sich länger nichts getan; hier geht es nicht um Repräsentation. Dafür sind die Wände sehr lebendig, Regale überall, Bücher, Bücher, Bücher, Arno Schmidt sogar in zwei dichten Reihen hintereinander: Brand’s Haide, Die Umsiedler, Das Steinerne Herz, Die Gelehrtenrepublik, Kühe in Halbtrauer... Dazu alles zu, über, neben, vor Arno Schmidt.

Arno Schmidt, 1914 bis 1979, Hamburger Kaufmannssohn, Artillerist in britischer Kriegsgefangenschaft, Englisch-Dolmetscher, Orthografie-Antichrist, Laubsäge-Dandy, Goethe-Preisträger. Einer, der in Bargfeld bei Celle über Deutschland und die Welt schrieb, auch über den Mond und die Heide – ohne je ein Heidedichter zu sein.

Herr Neuhauser sagt mit einer gewissen Lässigkeit, er habe »den ganzen Schmidt«, »da dürfte nichts fehlen«. Zettel’s Traum war somit ein Musskauf. Wie sich bei näherer Betrachtung herausstellt, ist das untertrieben. Das neue Zettel’s Traum ist sein drittes! Das Original hatte er natürlich. Aber warum auch noch die völlig unlesbare Reproduktion des Faksimiles in der Fischer-Taschenbuchausgabe, ebenfalls kein Schnäppchen?

 

»Weil ich mir die auf die Knie legen kann, wenn ich mal kurz reingucken will«, gibt er zur Begründung; sie wiege etwas weniger.

Schweres liest er ohne Musik, ohne Tee, zwei, drei Stunden am Stück. Lesen ist Vertiefung. »Sie sehen hier kein einziges Physikbuch«, sagt Neuhauser. »Und in meinem Büro im Institut steht keine schöngeistige Literatur.« Er halte die Sphären getrennt, um der Versuchung zu begegnen.

Zettel’s Traum habe er zweimal gelesen, »zuletzt vor fünf Jahren«. Und wenn er auch vieles andere durchdrungen hat, Proust, Joyce, Sartre, zuletzt David Foster Wallace, ist Arno Schmidt für ihn etwas ganz Besonderes. Nie wird er vergessen, wie er als Junge in der Buchhandlung stand und in der Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas blätterte : »In der Ferne pfiff ein Zug erstaunt auf und verschwand murmelnd in sich selbst.« Sein erster Arno-Schmidt-Satz! Diese Lust an der Sprache, da hat er einfach fünfzig Jahre lang weitergelesen.

›reizende Krabbe‹ : ›süßer Käfer‹ : na ? schtimmt‘S ?

Heike Feige wohnt außerhalb der großen Stadt. Ihr Geld verdient sie in einer Werbeagentur im Hamburger Schanzenviertel, ihr Zuhause liegt am idyllischen Lütjensee. Eine schicke Frau, ihr Mann kocht den Tee. Heike Feige und Thorsten Klinger lernten sich kennen mit Arno Schmidt. Jahrelange gemeinsame Lektüre in den Achtzigern, Besuche in der Heide, Ausflüge an den Dümmer, Pocahontas auf der Spur, Seelandschaft mit Heike und Thorsten: eine Liebesgeschichte. Sie schrieb ihre Magisterarbeit über die Juvenilia des Meisters. Er kapitulierte vor dem Spätwerk, griff zu Simenon.

Und jetzt: Sie sitzt morgens im Auto, hört im Deutschlandradio von der Neuausgabe. Sofort ruft sie bei ihrer Buchhandlung an, um ein Exemplar zu bestellen. Die Buchhändlerin sagt: Ist schon da.

»Es war ein Spontankauf.«

Das Arno-Schmidt-Paar hat seit Jahren keinen Arno Schmidt mehr gelesen. Jetzt liegt der Trumm von einem Buch wie ein Findling im fein austarierten Wohnzimmer neben Gitarre und Verstärker.

Unter dem Wohnzimmer gibt es, Treppe runter, ein zweites Wohnzimmer. Ein Paar, zwei Wohnzimmer. Sie können zu verschiedener Musik verschiedene Bücher lesen zur gleichen Zeit auf verschiedenen Ebenen. Unten steht der frühe Arno Schmidt, all die zerlesenen Taschenbuchausgaben.

Sie will, wenn sie dann ein paar Tage frei hat, Zettel’s Traum beginnen, die alte Liebe neu entdecken. Schauplatz des Tête-à-Tête? Früher war es der Küchentisch. Ob ihr Mann sich hinzugesellt, scheint noch ungewiss.

Ist dieser Dichter eigentlich was für Frauen? In den Uni-Seminaren damals, erinnert sie sich, »saßen 90 Prozent Männer«, und Schmidts Frauenbild gefalle ihr ganz und gar nicht, »da bekommt man einen Fips!« Seelandschaft mit Pocahontas trug ihm 1955 eine Anzeige wegen Pornografie ein. Bei Zettel’s Traum kommt das vielleicht noch.

Aber diese Sprachbilder, sagt sie, die entschädigten für vieles. »Habe ich so im Deutschen noch nicht gesehen.« Und so verdichtet und vielschichtig das alles, »man liest es hundert Mal und kann immer noch etwas anderes entdecken«.

Bei der Arbeit in der Werbeagentur schmuggelt sie gelegentlich ein Schmidt-Zitat ein, ohne es kenntlich zu machen, »als Störfeuer« in PowerPoint-Präsentationen. Neulich habe jemand plötzlich laut gelacht – »der hat es erkannt«.

(der Grundirrtum ist ja ganz einfach dér : daß Jeder meint,in der Schule doch auch wohl Lesn & Schreibm gelernt zu habm;und also mit den Tricks von Uns=Maultaschnspielern eigntlich hinreichnd vertraut zu sein, ... )

Jetzt müsste ich ein Maßband haben. Ist das Regal im Wohnzimmer von Heiko Thomsen nicht noch breiter als das bei Herrn Neuhauser? Und teilweise doppelt belegt ist es auch. Unter Arno-Schmidt-Lesern scheint es viele Zweireiher zu geben.

 

Heiko Thomsen unterrichtet an einer Stadtteilschule, Deutsch und Englisch. Morgens Literatur im Dienst, abends Literatur zum Spaß. Jeden zweiten Dienstag trifft sich seine Lesegruppe. Bis zu zwanzig Leute, mal in dieser Wohnung, mal in jener, und alle müssen das für den Abend angesetzte Buch gelesen haben. Zwei Wochen, ein Werk, kleiner Imbiss, große Diskussion, und weil auch kommen darf, wer sein Pensum nicht geschafft hat, ist der Lesekreis längst ein Freundeskreis. Zufälligerweise hatten sie jetzt gerade Seelandschaft mit Pocahontas, Thomsens Idee.

Aber Zettel’s Traum wäre zu viel. Heiko Thomsen will mit seinem Lesegruppenfreund Andreas Rohlfs deshalb eine zweite Gruppe gründen. Die anderen spotten: »Ihr mit euerm Arno Schmidt.«

Ja, sagt Thomsen, »Arno ist immer dabei«. Dabei weiß er durchaus Abstand zu halten. Lustvoll zieht er über den geliebten Schriftsteller her, über dessen Misanthropie, die Trunksucht, die arme Frau, »wenn Besuch kam, musste sie in den Wohnwagen«. Aber als Thomsen, lange nach des Dichters Tod, dessen Hütte in Bargfeld besichtigte, war er gerührt und erschüttert: »Das hätte der Schreibtisch meines Großvaters sein können.«

Der Zweite Weltkrieg, Flucht, Vertreibung und danach den Rest des Lebens an einem Fleck zu verbringen und damit zufrieden zu sein: Dieses Schicksal einer Generation, wer habe das so gut verkörpert und beschrieben wie Arno Schmidt?

Wir könnten noch länger reden, doch die Herren müssen zum Fußball, St.-Pauli-Heimspiel, »heute geht es um alles«. Im Gehen erzählt Thomsen von seinem Zettel’s Traum- Kauf: Bei Lüders in Eimsbüttel hätten sie keine passende Tüte gehabt, zu groß das Buch. Da habe er es auf der Schulter durch die Osterstraße nach Hause getragen, »wie einen Ghettoblaster«.

(Wie hatte REUTER immer gesungn ? –:›Wenn De jung bist, hasDe nischt zum Kau’n; -wenn De alt bist kannsDe nischt verdau’n!‹)

Torsten Temp wohnt draußen in Hamburg-Bergedorf, in einer prachtvollen Villa, die ihren Kamin bis in den Eingang vorgeschoben hat. Da lodert’s. Der Hausherr wirkt durchaus behaglich, wenn auch nicht rundum entspannt; als Bankvorstand muss er ständig die Fäden ziehen, er hängt am Netz. Druck aushalten, Druck machen. Arbeiten kann er überall und immer, auch unterwegs, dank Chauffeur, iPad und Smartphone.

Germanistik in Tübingen, dann die Bank, ja, steile Karriere, heute finanziert er Schiffe und Flugzeuge, große Projekte, und die Literatur hat sich vom Tag in die Nacht verschoben. Hinten im Wohnzimmer wachsen manhattanartig die Bücherstapel. Zurzeit viel Ernst Jünger , anderthalb Meter.

Temps Institut ist die HSH Nordbank, die wegen diverser Skandale in den Schlagzeilen ist. So hat er sicherheitshalber Rücksprache gehalten, ob er mit einem Journalisten über Zettel’s Traum reden sollte oder lieber nicht. Die Bonitätsprüfung fiel positiv aus. Wenn der klamme Arno das noch erlebt hätte: Schmidt schmückt die Bank! Von 298 Euro hätte er Wochen schreiben können.

Temp schätzt Schmidts Schnitttechnik, »er war ein großer Experimentator auf der formalen Ebene, hochspannend«, aber ein großer Schriftsteller? Das nicht. Viele seiner Anhänger seien ja völlig kritiklos. »Es gibt Schmidtianer und Schmidtioten.«

Auch über die Kriegstagebücher von Ernst Jünger zieht der Schmidtianer vom Leder, »stramm deutscher Burschenton, null Reflexion«; faszinierend trotzdem. »Und wenn mich ein Autor interessiert, beschäftige ich mich immer mit dem Gesamtwerk.« Deshalb musste Zettel’s Traum noch einmal ins Haus, Temp hat zwei Ausgaben stehen. »Das ist der Vorteil des Berufslebens. Früher hatten wir kein Geld für Bücher, aber die Zeit, sie zu lesen, heute ist es umgekehrt.«

Hat er denn Zettel’s Traum gelesen? »Das ist kein Buch, das man liest, da schaut man sich Stellen an.«