Stephen Kingsmore hat eine Liste geschrieben. Es ist ein Kompendium des Schreckens auf 448 Positionen. Jede steht für Schmerz, das Siechtum, den Tod kleiner Kinder und junger Menschen. Wenn in den westlichen Industrieländern Kinder ins Krankenhaus kommen, dann ist in jedem zehnten Fall eine vererbte Krankheit der Grund. Jedes fünfte sterbende Kind erliegt den Folgen fehlerhafter Erbmoleküle.

Solche Erbkrankheiten stehen auf Kingsmores Liste. Sie ist noch unvollständig, denn es gibt mehr als 7000. Sie entstehen durch Defekte in einem einzigen Gen und vererben sich deshalb nach den simplen Gesetzen, die der Mönch Gregor Mendel Mitte des 19. Jahrhunderts beim Erbsenkreuzen entdeckt hatte. Nur bei einem Teil der Krankheiten wissen die Genetiker, in welchem Gen die Ursache liegt. Darunter sind relativ häufige Leiden wie Mukoviszidose, Muskelschwund oder die Blutarmut ß-Thalassämie. Die meisten anderen sind seltener, und nur wenige sind behandelbar. Viel zu oft können die Ärzte Siechtum und Tod nur hinauszögern.

Diese Heimsuchung aus den Erbmolekülen – Stephen Kingsmore und seine Kollegen wollen verhindern, dass sie jede Generation aufs Neue trifft. Mitte Januar präsentierten sie einen universellen Test. Er kann Menschen auf die 448 Genleiden zugleich prüfen . Doch ihr Plan ist heikel: Erstens weil damit gleichzeitig das Erbgut auf Hunderte Defekte abgeklopft wird. Zweitens weil der Test radikal früh vorgenommen werden soll – noch vor der Empfängnis. Interessierten Paaren würde dann schon vor der Zeugung die Gefahr in ihren Erbanlagen vor Augen geführt – sie stünden womöglich vor wenig erfreulichen Alternativen: Kinderlosigkeit oder Partnertausch? Schwangerschaft auf Probe (mit Inkaufnahme einer Abtreibung)? Oder künstliche Befruchtung und dann wieder ein Gentest – am Embryo . In mehrfacher Hinsicht steckt in dem Unterfangen soziale Brisanz.

Die Öffentlichkeit müsse nun die Realität machtvoller genetischer Testverfahren zur Kenntnis zu nehmen, mahnte das Fachblatt Science Translational Medicine in einem Kommentar, den es gleichzeitig mit dem Aufsatz über Kingsmores Methode veröffentlichte; Segen und Konsequenzen ihres Einsatzes müssten jedenfalls sorgfältig bedacht werden. Tatsächlich spannt Kingsmores Technik Szenarien auf, die weit über bisherige Bioethik-Streitfälle hinausreichen. Plötzlich ist eine Zukunftsvorstellung plausibel, in der die Fortpflanzung umfassend unter technische Kontrolle gerät. Welcher Segen und wie viel Fluch liegt in dieser Entwicklung?

Auch deutsche Mediziner fragen sich das: An vorderster Stelle nahm die Bundesärztekammer eine Debatte über Kingsmores Veröffentlichung ins Programm ihres interdisziplinären Symposiums , das in dieser Woche in Berlin stattfindet. Denn aus den Labors rollt eine Woge neuer Decodiertechniken heran. Sie werden auch die Erbanlagen im Labor gezeugter Embryonen, von Föten im Mutterleib oder von Neugeborenen schnell, kostengünstig und bis ins letzte Detail offenbaren. Eine Reihe genetischer Testbatterien für jedermann (»direct to consumer genomics«) wird von US-Unternehmen entwickelt. Kingsmores 448-Erbschäden-Test ist davon lediglich der avancierteste.

Ohne die Eltern eines todkranken kleinen Mädchens würde es ihn nicht geben. Craig und Charlotte Benson aus Austin in Texas erschienen im Jahr 2008 vor Kingsmores Tür. Bei ihrer kleinen Tochter Christiane war da gerade die Batten-Krankheit festgestellt worden, ein seltenes neurodegeneratives Leiden. Seine Opfer erblinden, verlieren ihr Gedächtnis, werden von epileptischen Anfällen geschüttelt. Das Leiden, auch als Neuronale Ceroid-Lipofuszinose bekannt, verläuft immer tödlich und ist unbehandelbar.

Die Bensons hatten keine Ahnung gehabt, dass sie beide die fehlerhafte Erbanlage in sich trugen, die für die Batten-Krankheit verantwortlich ist. Ein unvorhergesehenes Schicksal. Sie wandten sich an Kingsmore, einen altgedienten Genetiker: Ob es möglich sei, einen billigen Test für das im Genom schlummernde Unheil zu entwickeln? Kingsmore sagte zu. Die Rechte an seinem Verfahren übertrug er der von den Bensons gegründeten Stiftung Beyond Batten Disease . Sie soll die Tests an Medizintechnikfirmen oder Kliniken lizenzieren – und mit dem Erlös das Leiden von Kindern wie Christiane erforschen.