Ein gilbes Zeitungsblatt, seit 45 Jahren aufbewahrt: das Neue Deutschland vom 6. Januar 1966. Im Beitrag Der Künstler steht nicht außerhalb des Kampfes wird der Filmregisseur Kurt Maetzig angeklagt. Der Kläger: Genosse Kurt Maetzig. Er geißelt sich selbst. Reuig verwirft er seinen, wie er jetzt erkennen müsse, schädlichen Film Das Kaninchen bin ich. Abweichung von der Linie der Partei! Irrige Überbetonung vermeintlicher Schwächen beim Aufbau des Sozialismus! Große Beschämung!

Das Kaninchen bin ich zählt zu den freisinnigen Defa-Streifen des Jahrgangs 1965, über die Walter Ulbricht auf dem XI. Plenum des ZK der SED den Bann verhängte. Maetzigs Gewinsel war taktisch; er hat sich dessen später abermals öffentlich geschämt. Am 28. Januar 2011, drei Tage nach seinem 100. Geburtstag, tritt der große alte Mann der Defa, schick und fit, im überfüllten Filmmuseum Potsdam auf. Gregor Gysi befragt charmant den »lieben Kurt«. Der offenbart: Moskau war schuld. Das Kaninchen hatte bereits die Zensur passiert, als Chruschtschow stürzte. Den Kreml übernahm der Hardliner Breschnew, dessen Schoßkind Ulbrichts Konkurrent Honecker war. Ulbricht musste dem neuen Zaren Linientreue beweisen. Er stoppte seinen liberalen Wirtschaftskurs und deckelte die Künste.

Das reife Publikum lauscht atemlos. Hermann Kant und Volker Braun, Helga Schütz und Daniela Dahn sind mit ideologischen Wetterwechseln wohlvertraut. Kollege Wolfgang Kohlhaase laudiert: Defa-Regisseure wie Kurt Maetzig hätten geholfen, Nazideutschlands Ende 1945 als Anfang zu begreifen. Bis dato sei deutsche Geschichte immer nur von rechts erklärt worden. Freilich, sagt Kohlhaase, wurde der Mangel an Offenheit zur Regel des Regierens in der DDR.

Kurt Maetzig versteht sich als Aufklärer. Sein wahrer Sündenfall war 1954/55 die zweiteilige Heldensaga Ernst Thälmann – Sohn beziehungsweise Führer seiner Klasse. Der Doppelschinken erzeugt heute Lachanfälle. Seinerzeit lieferte er Rotlicht-Bestrahlung für Schüler und Kollektive. Maetzig erzählt, wie Ulbricht ihm verwehrte, den Arbeiterpolitiker Thälmann realmenschlich zu zeichnen. Er fügte sich, lieferte stalinistischen Prolet-Pomp und erholte sich 1957 mit dem Umsiedler-Epos Schlösser und Katen im Dokumentarstil des italienischen Neorealismus. Überhaupt hat Maetzig behende die Genres gewechselt, vom Lustspiel bis zum Weltraum-Drama Der schweigende Stern, in dem eine internationale Crew das All bereist – 1959, zwei Jahre vor Juri Gagarins Jungfernflug.

Maetzigs wichtigstes Werk? Ehe im Schatten von 1947, die Geschichte des Schauspieler-Ehepaars Wieland (alias Meta und Joachim Gottschalk), das 1941 vor den Nazis in den Tod flieht. Das nachkriegsdeutsche Publikum verließ die Kinos in bestürztem Schweigen. Maetzig drehte den Film auch im Gedenken an seine jüdische Mutter. Marie Maetzig, geborene Lyon, hatte sich am 9. Februar 1944 das Leben genommen, am Vorabend ihrer Deportation. Daran erinnert ein Stolperstein in Berlin-Lichterfelde, Boothstraße 20c.

Kurt Maetzig lebt mit seiner Frau Bärbel in Mecklenburg. Unermüdet verfolgt er die Weltläufte, begeistert sich für Computer und korrespondiert rege per E-Mail. Seinen Defa-Vertrag kündigte er 1976, an seinem 65. Geburtstag. Begründung: Genug der Kompromisse!