Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich kann mich nicht mehr aufregen. Es ist nicht von heute auf morgen passiert. Es war, glaube ich, ein schleichender Prozess. Eines Morgens habe ich, wie an jedem Morgen, die Zeitung aufgeschlagen, es stand etwas über einen Skandal mit Eiern darin. Irgendwas stimmt nicht mit den Eiern. Mir sind sofort all die anderen Lebensmittelskandale meines Lebens eingefallen, Fleisch, Milch, Eier, eine andere Sorte Fleisch ... wie viele Skandale waren das? Ich glaube, ich habe mehr Lebensmittelskandale gehabt als Freundinnen. Damit will ich keineswegs die Arbeit der wackeren Lebensmittelkontrolleure herabsetzen oder die tapferen Enthüllungsjournalisten schmähen, ganz zu schweigen von der charmanten Ministerin und den reizenden Ökobauern, ich trage ja selbst einen Bart. Das ist alles toll und super, nur, ihr müsst es ohne mich durchziehen. Ich koche mir jetzt ein Ei, und wenn es mein letztes ist. Hängt es mit dem Alter zusammen? Ist es eine Krankheit? Ich kann mich nicht mehr aufregen.

Wahrscheinlich ist es Abhärtung. Das sind dermaßen viele Weltuntergänge gewesen, über die ich in Funk, Presse und Fernsehen vorab informiert worden bin, dazu mehrere Quadrillionen von korrupten oder angeblich korrupten oder pflichtvergessenen Politikern, geilen Kirchenfürsten, tabubrechenden Autoren, fremdknutschenden Promis, vertuschtem Spesenbetrug, gebrochenen Wahlversprechen, und dann kommt auch schon wieder das nächste Hochwasser, oder Sarrazin schreibt Der Untergang, Teil zwei. Der Mensch ist schlecht, die Natur ist zu allem fähig, gut, das habe ich jetzt kapiert. Und? Was kommt als Nächstes? Bei mir zu Hause und bei meinen Lieben ist alles so weit in Ordnung. Ich bin wahnsinnig egoistisch, klar, ich bin selbst wahrscheinlich der größte Skandal. »Kolumnist erklärt: Mir ist alles egal! Esst Eier! Seid korrupt! Wachset und mehret euch! Angela Merkel: Dies ist nicht hilfreich.«

Wir sterben eh. I did it my way. Nach dem Ende der Menschheit regieren die Küchenschaben, die werden es gut machen, ich vertraue ihnen, they’ll do it their way. Eine Art steigt auf, der Mensch zum Beispiel, und vermehrt sich zu stark, zerstört ihr Biotop und stirbt dann. Ganz normal. Wenn der Mensch verschwindet, dann ist das öko, so läuft das eben, Natur, ewiges up and down. Klimakatastrophe – take me in your arms and rock me.

Es ist Überforderung. Man wird nicht nur durch die vielen E-Mails überfordert, auch durch die dauernden Skandale. Es ist Burn-out. Man hat nicht genug Empathie für alles Erregende, über das man pausenlos informiert wird, man hat nicht genug Energie für alles Empörenswerte. Man müsste sich spezialisieren, wie früher die Kanzlerfrauen. Man kümmert sich zum Beispiel um Mukoviszidose. Man liest nur noch die Nachrichten über Mukoviszidose, den Rest wirft man weg. Ich kann mich aber schwer entscheiden. Erst lese ich ein Buch über Tierquälerei, dann lese ich ein Buch über den Afghanistankrieg.

Ich habe gesehen, wie eine Frau ihrem Mann den Schal zurechtgezupft hat. In aller Öffentlichkeit. Ein Mann ist doch keine Puppe! Frauen tun es gerne, sie sollten es lassen. Sie sollen es mit Puppen tun, falls es unbedingt sein muss. Ja, über Dinge, die direkt vor meinen Augen geschehen, kann ich mich doch noch ein bisschen aufregen, auch über Belanglosigkeiten. Es ist wie mit den Lebensmitteln, man soll nur das essen, was in der näheren Umgebung wächst. Keine Kiwis aus Neuseeland essen, sich nicht über schmelzende Eisberge vom Nordpol erregen, nur über zupfende Frauen aus der Nachbarschaft.

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