Martenstein "Mir ist alles egal! Esst Eier! Seid korrupt!"
Über Skandale und den Untergang der Welt
Ich kann mich nicht mehr aufregen. Es ist nicht von heute auf morgen passiert. Es war, glaube ich, ein schleichender Prozess. Eines Morgens habe ich, wie an jedem Morgen, die Zeitung aufgeschlagen, es stand etwas über einen Skandal mit Eiern darin. Irgendwas stimmt nicht mit den Eiern. Mir sind sofort all die anderen Lebensmittelskandale meines Lebens eingefallen, Fleisch, Milch, Eier, eine andere Sorte Fleisch... wie viele Skandale waren das? Ich glaube, ich habe mehr Lebensmittelskandale gehabt als Freundinnen. Damit will ich keineswegs die Arbeit der wackeren Lebensmittelkontrolleure herabsetzen oder die tapferen Enthüllungsjournalisten schmähen, ganz zu schweigen von der charmanten Ministerin und den reizenden Ökobauern, ich trage ja selbst einen Bart. Das ist alles toll und super, nur, ihr müsst es ohne mich durchziehen. Ich koche mir jetzt ein Ei, und wenn es mein letztes ist. Hängt es mit dem Alter zusammen? Ist es eine Krankheit? Ich kann mich nicht mehr aufregen.
Wahrscheinlich ist es Abhärtung. Das sind dermaßen viele Weltuntergänge gewesen, über die ich in Funk, Presse und Fernsehen vorab informiert worden bin, dazu mehrere Quadrillionen von korrupten oder angeblich korrupten oder pflichtvergessenen Politikern, geilen Kirchenfürsten, tabubrechenden Autoren, fremdknutschenden Promis, vertuschtem Spesenbetrug, gebrochenen Wahlversprechen, und dann kommt auch schon wieder das nächste Hochwasser, oder Sarrazin schreibt Der Untergang, Teil zwei. Der Mensch ist schlecht, die Natur ist zu allem fähig, gut, das habe ich jetzt kapiert. Und? Was kommt als Nächstes? Bei mir zu Hause und bei meinen Lieben ist alles so weit in Ordnung. Ich bin wahnsinnig egoistisch, klar, ich bin selbst wahrscheinlich der größte Skandal. »Kolumnist erklärt: Mir ist alles egal! Esst Eier! Seid korrupt! Wachset und mehret euch! Angela Merkel: Dies ist nicht hilfreich.«
Wir sterben eh. I did it my way. Nach dem Ende der Menschheit regieren die Küchenschaben, die werden es gut machen, ich vertraue ihnen, they’ll do it their way. Eine Art steigt auf, der Mensch zum Beispiel, und vermehrt sich zu stark, zerstört ihr Biotop und stirbt dann. Ganz normal. Wenn der Mensch verschwindet, dann ist das öko, so läuft das eben, Natur, ewiges up and down. Klimakatastrophe – take me in your arms and rock me.
Es ist Überforderung. Man wird nicht nur durch die vielen E-Mails überfordert, auch durch die dauernden Skandale. Es ist Burn-out. Man hat nicht genug Empathie für alles Erregende, über das man pausenlos informiert wird, man hat nicht genug Energie für alles Empörenswerte. Man müsste sich spezialisieren, wie früher die Kanzlerfrauen. Man kümmert sich zum Beispiel um Mukoviszidose. Man liest nur noch die Nachrichten über Mukoviszidose, den Rest wirft man weg. Ich kann mich aber schwer entscheiden. Erst lese ich ein Buch über Tierquälerei, dann lese ich ein Buch über den Afghanistankrieg.
Ich habe gesehen, wie eine Frau ihrem Mann den Schal zurechtgezupft hat. In aller Öffentlichkeit. Ein Mann ist doch keine Puppe! Frauen tun es gerne, sie sollten es lassen. Sie sollen es mit Puppen tun, falls es unbedingt sein muss. Ja, über Dinge, die direkt vor meinen Augen geschehen, kann ich mich doch noch ein bisschen aufregen, auch über Belanglosigkeiten. Es ist wie mit den Lebensmitteln, man soll nur das essen, was in der näheren Umgebung wächst. Keine Kiwis aus Neuseeland essen, sich nicht über schmelzende Eisberge vom Nordpol erregen, nur über zupfende Frauen aus der Nachbarschaft.
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- Datum 04.02.2011 - 07:02 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 3.2.2011 Nr. 06
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Der schleichende Prozess der Vergänglichkeit
ist durchaus mit dem Altern einhergehend.
Man blickt nur noch mit einem Auge auf die
Realität.
Das andere Auge ist schon erblindet für die real
vorhandene Realität.
Die Empathie des Erregenden ist stumpf geworden.
Die ehemals spitze Feder ist gerundet.
Belanglosigkeiten, für sich selbst, bedeuten
jedoch noch nicht Belanglosigkeit für alle
anderen.
Ziele verwirklichen zu wollen ist Arbeit.
Tagtäglich, ohne sich auf angebliche Krankheit
zurückziehen zu wollen.
Arbeit bedeutet Fortschritt.
ist alles so weit in Ordnung."
immer wenn man sich am sichersten fühlt,
kommts ganz schlimm.
alles Gute
Zuerst: Ihre Kolumnen sind teilweise echt genial, wenn nich sogar legendär. Oftmals bestätigen sie mich in meiner meinung und liefern schöne Argumente :)
Ich finde es faszinierend wie treffend sie doch das momentane Verhalten der Menschheit auf den Punkt bringen.
Ich weiß nicht, inwieweit sie nur vorgeben, sich nicht mehr aufregen zu können, denn ich bin <20 und sehe schon keinen Sinn mehr im Aufregen, aber ich sehe es auch als Symptom dafür, das irgendwas grundlgegend falsch läuft in dieser dekadenten Gesellschaft. Wenn vor ein paar Jahren noch von einer Weg-Seh-Kultur gesprochen wurde, könnte man heute von einer Gaffer-Kultur sprechen. Eine Weiterentwicklung? Nein, eigentlich schlimmer, denn gemacht wird in beiden fällen nichts, aber im heutigen Zustand wird hingeschaut, drüber palavert bis zum geht-nicht-mehr und dann die Hände in den Schoß gelegt mit dem ruhigen Gewissen, man hätte es ja wenigstens versucht zu ändern (Beim diskutieren???)
Naja....lehre mich, Herr, dass ich davon muss und mein Leben ein Ziel hat.....und die nächste Eiszeit kommt bestimmt.
don`t take life too seriously, you`ll never get out of it alive.
Im Journalismus nehmen sich viele für zu wichtig. Sie nerven dann nur noch. Bei NTV sind sie am schlimmsten!
Ich habe gesehen, wie ein Mann sich von seiner Frau den Schal zurechtzupfen lies. In aller Öffentlichkeit.
Wie ein Kleinkind! Männer machen das gerne, sie sollten es lassen.
Sie sollten lernen, wie man sich korrekt kleidet und dass die Ehefrau nicht die eigene Mutter ist.
... das Leben ist und bleibt lebensgefährlich
Durch diese permante Reizüberflutung mit Katastrophen jedweger Colouer wächst die Hinwendung zum Banalen, die sich zum Beispiel in der Qualität des TV Programms deutlich niederschlägt.
Herr Martenstein spricht mir aus der Seele. Hier ein Zyklon, dort ein Regierungssturz. Kinderleichen werden ständig irgendwo gefunden. Der Dioxinskandal hat auch nicht sonderlich erschüttert. Doch wenn jemand in der U-Bahn laut Kaugummi katscht ist ihm mein Zorn gewiss.
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