Windstärke sechs. Kräftige Böen blasen von den Nordseedeichen über die flache nordfriesische Landschaft. Wie über ein Schachbrett verteilt, stehen die Windräder in der Ebene, bis zu 100 Meter sind sie hoch. Hin und wieder bricht die Sonne durch den trüben Himmel, dann wandern die Schatten der Rotoren über die Felder, immer im Kreis. Nur ihr Surren durch die Luft stört die Stille, ein Geräusch wie ein flatternder Lenkdrachen.

Es könnte ein guter Tag für die Betreiber der Windräder im höchsten Norden Deutschlands sein, die Anlagen produzieren viel Strom. Ist es aber nicht. Denn an diesem Tag ist es zu viel Strom, der Wind bläst zu kräftig. Um zu verhindern, dass das Netz überlastet wird und es zu einem Kurzschluss kommt, drehen sich die Rotoren heute acht Stunden lang im Leerlauf, der Strom wird nicht vollständig eingespeist.

Die Energie, die Windräder in Schleswig-Holstein erzeugen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Die Windräder im Landkreis Nordfriesland etwa schaffen an stürmischen Tagen fast 1000 Megawatt, das Übertragungsnetz ist aber das Gleiche geblieben: Es hat eine Leitungskapazität von 310 Megawatt.

Um den vielen überschüssigen Strom in dichtere Ballungsräume abtransportieren zu können, in den Süden und Westen Deutschlands, ist der Stromkonzern E.on als Netzbetreiber laut Gesetz dazu verpflichtet, die Leitungen "unverzüglich" auszubauen. Das will er auch tun. In der 2000-Einwohner-Gemeinde Breklum zum Beispiel soll eine neue, 27 Kilometer lange Trasse beginnen. 82 neue Hochspannungsmasten würden dann in den Himmel ragen, die Leitung brächte den Strom bis ins Umspannwerk bei Flensburg, von da ginge es auf die "Stromautobahn" gen Süden.

Der Konzern kann aber schon seit acht Jahren nicht bauen. Dagegen stehen Bürger wie Peter-Wilhelm Petersen und Friedrich Detlefsen mit ihrer Bürgerinitiative "pro Erdkabel". An einer schmalen geraden Feldstraße liegt Petersens Bauernhof, ein typischer nordfriesischer Backsteinbau. "Wir haben überhaupt nichts dagegen, dass die Stromnetze ausgebaut werden, das ist sogar dringend nötig", sagt der Viehwirt Petersen. "Die Windenergie hat sich zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für unsere Region entwickelt. Wir haben aber etwas dagegen, dass wir als Bürger vor vollendete Tatsachen gestellt werden und dann mit den Konsequenzen für unsere Umwelt und Gesundheit klarkommen müssen."

Freileitungen sind nicht schön für das Landschaftsbild, darin stimmen alle Parteien überein. Die gesundheitlichen Auswirkungen der Stromfelder in der Luft sind noch wenig erforscht. Die Alternative ist für die Widerständler ein Erdkabel, mit dem die Stromleitung eineinhalb Meter tief in den Boden verlegt wird. Nur: Freileitungen sind deutlich günstiger als Erdkabel – und erfüllen somit die Gesetzesvorgabe eines "möglichst kosteneffizienten" Netzausbaus. E.on rechnet mit Investitionskosten in Höhe von 12 Millionen Euro für die Freileitung, die Alternative wäre mindestens doppelt so teuer.

Die Investitionskosten muss zunächst der Netzbetreiber auslegen, später kann sie das Unternehmen auf die Stromrechnung der Endverbraucher aufschlagen. Das muss aber erst die Bundesnetzagentur genehmigen, die sich als "Anwalt der Verbraucher" versteht und dafür sorgt, dass die Mehrkosten für den Stromkunden möglichst gering ausfallen. "Für uns muss gewährleistet sein, dass wir nicht auf den Kosten sitzen bleiben", sagt Michaela Fiedler. Die Sprecherin von E.on Netz hat ihr Büro im bayerischen Bayreuth. In der nordfriesischen Ebene kennt sie sich inzwischen aber gut aus. "Planungssicherheit haben wir nur für eine Freileitung. Das ist nicht unsere Ideologie, sondern was uns gesetzlich vorgegeben ist."