Der junge Mann hat gehofft. Hat geglaubt, sein Vater würde einlenken, der Machthaber. Doch der verurteilt eine Frau wegen kaum mehr als einer Ordnungswidrigkeit zum Tode, aus Staatsräson. Die Verlobte des jungen Mannes wird eingemauert, er selbst hat versucht, sich das Leben zu nehmen, vergeblich. Nun wütet der Königssohn wider seinen Erzeuger. Und wie! In rasenden Kurven lässt Emone alle Konventionen hinter sich und mit ihm der Komponist. Von Es-Dur bis es-Moll verdichtet sich die Wut, Hörner knurren wie Höllenhunde, mittendrin leuchtet kurz ein Triumph, den man nicht mehr vergisst, den Wissenschaftlern entgleitet das Besteck bei der Suche nach der Da-capo-Form. Hier ist Tommaso Traetta auf der Höhe seiner Kunst.

Wer? Traetta? Nie gehört. Ist schon wieder einer ausgegraben worden, einer dieser Vergessenen, muss die Operngeschichte neu geschrieben werden wie nach den Comebacks von Monteverdi bis Rameau, wenigstens das Repertoire erweitert? Ja und nein. Wenn René Jacobs eine verstaubte Partitur aufs Pult stellt wie jetzt an der Staatsoper Berlin Tommaso Traettas Antigona von 1772, ist das nie vergebliche Liebesmüh. In Archiven ist Jacobs ebenso zu Hause wie im großen Repertoire des 18. Jahrhunderts. Für Mozarts Opern hat er als Dirigent neue Maßstäbe gesetzt. Mozart ist freilich auch selbst ein Maß, wie Gluck. Dass von ihren Zeitgenossen nur wenige auf heutigen Bühnen vertreten sind, hat nicht nur mit Mainstream zu tun. Nicht jede Kunst muss ewig halten.

Aber es muss sich auch nicht mehr jede Ausgrabung als Sensation legitimieren. Je mehr wir kennenlernen, desto mehr wird das musikalische Europa als Gesamtkunstwerk deutlich, als Biotop mit dschungelartiger Dichte gegenseitiger Anregungen, und Antigona ist einer der spannendsten Knotenpunkte. Traetta, 1727 geboren, war ein Opernreformierer wie Gluck, beide ließen die zerstückelte Nummernoper hinter sich, die Arien der leeren Ornamente und pflichtschuldigen Wiederholungen, sie ließen Akte zusammenwachsen, Charaktere sich entwickeln. Nach Erfolgen in Wien, Mannheim, Venedig wurde der Italiener als Progressiver an den Petersburger Hof der Zarin Katharina geholt, hier fasste er in Antigona seine Kunst zusammen.

Sie besteht neben der Raffinesse, mit der Arien, Ensembles, Chöre ineinander übergehen, auch in einer persönlichen Färbung. Traetta liebt düstere, schwelende Chromatik, Dur-Moll-Knicke und den Klang der Bläser, auch der noch neuen Klarinetten, den er ungeheuer sensibel mit den Streichern verschmelzen lässt. Das kann gar nicht besser realisiert werden als mit der Berliner Akademie für Alte Musik. Von den Musikern, die im hochgefahrenen Graben des Schillertheaters sitzen, würde man sich auch schwächere Stücke bieten lassen, so engagiert, präzise, fantasievoll gehen sie vor – und mit enormer Erfahrung. Wer mit so mozartschem Esprit am Hammerklavier improvisiert wie Wiebke Weidanz in den Rezitativen, kann Jazzer erblassen lassen.

Apropos Mozart – man denkt des Öfteren an ihn. In Wendungen, aber auch ganzen Ensembles wie einem Terzett zwischen dem König Kreon und den Schwestern Antigone und Ismene, denen er die Bestattung ihres rebellischen Bruders verbietet. Nun kann Mozart Musik von Traetta gekannt haben, erwähnt hat er ihn in seiner gewaltigen Korrespondenz nie. Zumindest hört man hier, wie viel Mozart auch vor Idomeneo in der Luft lag. Ebenso aber, was zur Größe fehlt. Schon an Glucks weite dramatische Bögen, seine Charaktere kommt Traetta nicht heran. Zwischen Höhenflügen klappert die Konvention, dann reiht er Sequenzen aneinander oder zerdehnt eine Arie. Doch gerade die komplexeste Figur, Antigones Verlobter Emone, inspiriert ihn am stärksten.