Der schwarze Foliant ist ein europäisches Ereignis. Vorgelegt wurde er kurz vor Weihnachten von der »Polnisch-Russischen Gruppe zur Aufarbeitung schwieriger Fragen« unter Leitung des polnischen Politikers (und kurzzeitigen Außenministers) Adam Daniel Rotfeld und des russischen Historikers Anatolij W. Torkunow. In dem fast 900 Seiten starken Band mit dem Titel Weiße Flecken – schwarze Flecken behandeln 32 Historiker, Politologen und Ökonomen die schwierigsten Momente der polnisch-russischen (respektive sowjetischen) Beziehungen in den Jahren 1918 bis 2008.

Die Etappen hätten nicht dramatischer sein können. Der fast zweijährige polnisch-russische Krieg 1919/20, der – wie der russische Mitautor Gennadij F. Matwiejew zugibt – vorwiegend in Gebieten geführt wurde, die »weder russisch noch polnisch waren«, und vorläufig mit dem polnischen Sieg bei Warschau entschieden wurde. Dann die Revanche durch den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939, der den deutschen Überfall auf Polen mit sowjetischer Beteiligung möglich machte, mit der brutalen »Umvolkung« des sowjetisch besetzten Teils von Polen und den Massenmorden in Katyn. Es folgten die brüchige sowjetische Als-ob-Allianz mit der polnischen Exilregierung in London nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR 1941, das Stillhalten der Sowjetarmee während des Warschauer Aufstands 1944 und die anschließende Stalinisierung des westverschobenen Nachkriegspolen.

Auch im Urteil über die Stalinzeit herrscht Einigkeit

Dann, das nächste schwierige Kapitel, der Oktober 1956, als sowjetische Panzer gegen die unbotmäßige Parteiführung in Warschau rollten. Der dramatische Kompromiss von Polens Parteichef Gomułka mit Kreml-Herrscher Chruschtschow, der Polen das Schicksal Ungarns ersparte. Und schließlich das Tauziehen um die Solidarność 1980 und den Kriegszustand 1981, bis hin zur ostmitteleuropäischen Revolution des Jahres 1989, die am polnischen Runden Tisch begann und lawinenartig den Kommunismus zu Fall brachte.

Gentlemen streiten nicht um Fakten, lautet ein geflügeltes Wort. Und das Erstaunliche an den Weißen Flecken ist, dass die polnischen und russischen Beiträge zwar gelegentlich in der Interpretation voneinander abweichen, nicht aber in der Darstellung der Fakten. Das ist keineswegs selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass noch 2009 das geheime Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Pakt von1939 und noch 2010 die sowjetische Täterschaft beim Massaker von Katyn in der russischen Öffentlichkeit frontal geleugnet wurde. Deswegen betonen beide Herausgeber im Vorwort, nicht das Verbrechen von Katyn, sondern die permanente Katyn-Lüge habe Polen und Russen so lange einander entfremdet.

Seit der Katyner Trauerfeier im vergangenen April mit Donald Tusk und Wladimir Putin sowie der Ausstrahlung von Andrzej Wajdas Film Katyn durch das russische Fernsehen nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine bei Smolensk ist diese historische Wahrheit kein Geheimnis mehr.

Die »Entlügung« der Fakten ist der erste Schritt. In einem zweiten geht es um Deutungen. Polen war 1918 Nutznießer des gleichzeitigen Zusammenbruchs aller drei Teilungsmächte, die 1795 die erste Rzeczpospolita als Staat liquidiert hatten – die Herrscherhäuser Hohenzollern, Habsburg und Romanow waren Geschichte. Während die neue polnische Westgrenze in Versailles bestimmt und von den Siegermächten garantiert wurde, musste das Land sich die Ostgrenze in einer bewaffneten Auseinandersetzung mit dem von der Revolution erschütterten Russland erkämpfen, darüber sind sich die Autoren aus beiden Ländern einig. Wollte Polen zwischen Deutschland und Russland bestehen, dann musste es mit Russland um die Vorherrschaft in Osteuropa kämpfen. Von den »weißen« Russen hatte es nichts zu erwarten. Deswegen unterstützte Marschall Piłsudski 1919 ihre Offensive gegen die »Roten« nicht. Das zur Schau gestellte »Friedensangebot« der »Roten« an die Polen im Dezember 1919 war ideologisch insofern eine Augenwischerei – auch darin sind die Autoren einig –, als es das erklärte Ziel der Bolschewiki war, über Kiew nach Budapest und über Wilna nach Deutschland zu gelangen.

Dieser Vision eines revolutionären Steppenbrandes stellte der polnische Staatsgründer die Vision einer osteuropäischen Konföderation von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer unter polnischer Führung gegenüber. Der polnische Sieg von 1920 war aber nur ein halber. Der Marsch der Roten Armee »über die Leiche Polens« nach Westen erwies sich ebenso als eine Chimäre wie eine polnisch geführte Groß-Konföderation. Die zwanzig Jahre der Zwischenkriegszeit reichten aber aus, um das so lange dreigeteilte Polen zu einer Staatsnation zusammenzuschweißen und die Sowjets auf eine rücksichtslose Machtpolitik einzustimmen, bei der die kommunistische Ideologie um das Sendungsbewusstsein des russischen Imperiums ergänzt wurde.