Ausstellung Gerhard RichterNeue Macke

Ist Gerhard Richter ein politischer Künstler? Oder doch nur Ästhet? Eine Ausstellung in Hamburg von 

Schuld an allem ist Tante Lenchen aus Oldenburg. Denn was hätte Gerhard Richter ohne sie gemacht, ohne ihre Päckchen, die sie treu sorgend einmal im Monat nach Düsseldorf schickte, angefüllt mit prallbunten Bilderheften? Andere Tanten schickten Dauerwurst und Marmelade, Tante Lenchen schickte den stern , die Quick, die Neue Illustrierte . Und damit nährte sie Gerhard Richter aufs Allerbeste.

Er hatte ja nicht viel, damals in den sechziger Jahren. Er wusste nicht, was er malen, wie er malen sollte. Doch gerade aus dieser Ratlosigkeit heraus entstanden seine interessantesten Bilder. Viele davon sind jetzt in Hamburg versammelt, in einer wunderbar konzentrierten Ausstellung. Anders als üblich, präsentiert das Bucerius Kunst Forum nicht den deutschen Super- und Sammlerstar, nicht die Malersphinx mit den vielen Gesichtern. Es zeigt einen tastenden, suchenden Künstler. Wir sehen, wie aus dem Gerd der Gerhard Richter wurde. Und verstehen, wie zeitbedingt seine Kunst oft ist – und wie rasch sie an ihre Grenzen gerät.

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Heute gilt Richter vielen als abgeklärt und kühl, als ein Maler, der niemals die Kontrolle verliert. Damals aber, in den Tante-Lenchen-Tagen, schüttelte ihn nicht selten die Verzweiflung, und allein seine Ironie hielt ihn aufrecht. Er hatte aus Dresden rübergemacht nach Düsseldorf, war glücklich, dem sozialistischen Propagandaauftrag entkommen zu sein. Doch kaum war er im Westen, stieß er auf neue Denkverbote. Tiefe Ideologiegräben durchzogen das Kunstfeld, blutig bekämpften sich die Abstrakten und die Gegenständlichen. Nichts aber war Richter verhasster als Ideologie.

Wie diesen Zwängen entkommen? Wie eine neue, unheroische Kunst begründen? Richter sympathisiert mit den Absurditäten der Fluxus-Bewegung, begeistert sich auch für Warhol und die neue Lust am Vordergründigen. Schließlich entwickelt er seine eigene, seine »neue Macke«, wie er das nennt. Er taucht ein ins Banale, in die Zeitschriftenwelt von Tante Lenchen. Hier findet er jene »Leitbilder«, »die ausnahmslos alle konsumieren, weil alle davon betroffen werden«. Viele dieser Bilder, Fotos von Sargträgern, von einer Sekretärin, von schnellen Autos, schneidet er aus und malt sie auf Leinwand, oft stark vergrößert, im Ausschnitt verändert, leicht verwischt. Damit scheint sich seine Hoffnung zu erfüllen: »nichts mehr erfinden zu müssen, alles vergessen, was man unter Malerei versteht«. Das Pathos, das alte Geniegehabe, soll weichen. Jeder Anspruch auf Sinn und Bedeutung bleibt zurück. Egal, ob Klorolle oder Mordopfer – alles kann Motiv sein.

Zunächst experimentiert Richter auch mit Lösungsmitteln, die ihm zu Auflösungsmitteln werden: Er nimmt den Zeitschriftenbildern ihre Oberfläche, weicht sie auf, fast als wollte er darunter eine andere, eine tiefere Wahrheit sichtbar machen. Auf der Suche nach dieser Wahrheit wurde in den letzten Jahren akribisch rekonstruiert, aus welchen Magazinen die Bilder stammen, welche Geschichten sich also mit Richters Kunst verbinden. Auch in der Ausstellung erinnern kurze Beitexte an die Giftmörder oder Schiffsunglücke, von denen Richters Kunst schweigt. Doch war es ja gerade dieses Schweigen, um das es Richter ging. Er stellte die lauten, vordergründigen, glamourösen Bilder still. Alles Drastische ist ihnen entwichen, es sind keine Dokumente, keine Zeugnisse mehr. Richter nimmt den Bildern ihre Geschichte, er ist ein Meister der lakonischen Verrätselung.

Wie passen dazu aber die Kriegs- und Militärbilder, die sich fast unmerklich unter die Glamour- und Crime-Fotos mischen? Was hat der Euthanasietäter Herr Heyde neben Jackie Kennedy , was hat Onkel Rudi mit seiner NS-Soldatenuniform neben der amerikanischen Sekretärin zu suchen? Man kann dieses Nebeneinander als unausgesprochenes Unbehagen an der damaligen Zeit verstehen, in der man sich gern an blutigen Verbrechen ergötzte, die wahren, die eigenen Verbrechen aber verdrängte. Doch solch vordergründige Kritik will nicht recht zu Richter passen. Es gab ja hinter seiner Bildauswahl keinen großen Plan, er suchte auch keine Fotos, er fand sie beim Blättern – und malte sie ohne Hintersinn. »Das Machen von Dingen, die ohne Sinn u. ohne Moral, ohne Lehre sind, die nichts mehr wollen«, schien Richter typisch zu sein für seine Zeit, wie er in einem Brief einmal schrieb. Auch sein eigenes Leben sei von diesem »nichts u. nichts« erfüllt. Als er 1962 in Fulda seine erste Ausstellung zeigt, lässt er per Tonband das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern vorlesen, in leichter Abwandlung allerdings. »Das Kind am Schluss kam in den Kerker, weil es nichts von Kunst verstand.«

Leserkommentare
    • okmaybe
    • 09. Februar 2011 17:55 Uhr

    Richters "Foto-Bilder" ersparen dem Betrachter das nach einem Ausstellungsbesuch allzu übliche Unbehagen - z.B. den Frust "Mann, wenn ich doch auch malen könnte" oder die übliche Ratlosigkeit "Was war nochmal abstrakter Expressionismus?" oder das flaue Gefühl beim Deutungs-Rumstümpern "Ok, aber die Formensprache passt doch irgendwie zum Motiv, oder?"
    Diesmal hat uns Hanno Rauterberg (ausnahmsweise) nichts zum Dazulernen geboten: er raunt nur davon, Richter sei hier vielleicht "an seine Grenzen geraten", er nähere sich einer gefährlichen thematischen Gleichmacherei, verweigere die "historische Aufarbeitung" - und findet das alles aber doch "interessant" und "nicht das Schlechteste".
    Ergo: diesmal haben wir Laienbetrachter endlich mal freie Hand! Und können nämlich, beispielsweise, Richters Bilder als visuellen Anstoß nehmen, unser eigenes mentales Archiv zu sichten (ein Notizbuch mag vor Ort nützlich sein). Denn wer will, kann zu etlichen Richter-Fotobildern bestimmt assoziieren, was das jeweilige Thema für sie/ihn damals "bedeutete" und wie das heute ist. Statt einer Zumutung "lakonischer Verrätselung" (Rauterberg) schenkt uns diese Ausstellung die Chance, Gemälde einmal direkt auf uns selbst zu beziehen.

    • Mari o
    • 10. Februar 2011 21:31 Uhr

    Der Richter-Artikel ist vom 5.Febr, jetzt guckt wieder kein ....
    nun ja:zur Sache
    Beruf: Kunstmaler? dass ich nicht lache
    Zufällig ist auf dieser Seite eine Fotografie
    Delacroix zu sehen.und jetzt vergleichen sie das mal mit nem Foto
    Richters.
    aber es nutzt nix sich Einzelne rauszupicken.Dieses ganze verkommene Kunstmarkt-und Gallery-Art-Zeugs müsste insgesamt mal thematisiert werden.

  1. Populär und MARKT-höchstdotiert – aber überbewertet - ist der Künstler-Star Gerhard RICHTER: Er entwickelte seine eigene Maltechnik, in der banale Bilder in sw und grau entstanden, nach Medien-Fotos (stern, Quick etc. -60erJahre) & Amateur-Fotos als Vorlagen gemalt. Anfangs gestisch übermalte Bilder in mystischer Unschärfe - banale Motive; später – ebenso STIL-los - abstrakte Groß-Gemälde. HH präsentiert in Bucerius KF & HKH den BRD-„Super- und Sammlerstar“ – parallel zum innovativen Früh-Romantiker P.O. RUNGE (Galerie HKH). Positiv vermerkt H.R.: „Nichts aber war Richter verhasster als Ideologie.“ Sympathisch, dass G.R. sagt, er entwickelte seine eigene »neue Macke«: Ohne Sinn & Bedeutung – „egal, ob Klorolle oder Mordopfer – alles kann Motiv sein; „All-is-pretty-all-is-art“-Ideologie (Warhol). GR ist KEIN „ Meister der lakonischen Verrätselung“. Alles ohne Hintersinn. Typisch GR: »Das Machen von Dingen, die ohne Sinn u. ohne Moral, ohne Lehre sind, die nichts mehr wollen«. JA: Trotz Katalog: „Richter erhellt und klärt nichts (…)“. RAF-Bilder: „eine Art Terroristenkult“? - „RAF-Zyklus ein hochideologisiertes Terrain“!? RAUTERBERG zutreffend: in RICHTERs „Ästhetik der Enthaltsamkeit“ droht „alles gleich zu werden, ob Klorolle oder Ulrike Meinhof“! Richter ist bloß „KUNSTMALER“ - um l’art pour l’art geht es dem Weltranglisten“Chamäleon“ („Kunstkompass“) - oft den Platz 1 belegenden Markt-Künstler; z.B. „Düsenjäger“ (1963) 2007 bei Christie´s für 11,2 Mio Dollar versteigert.

    Eine Leserempfehlung
    • Mari o
    • 12. Februar 2011 17:04 Uhr

    Machen wir uns etwa heute Gedanken darüber was sich ein Salonmaler
    des 19.Jahrhunderts wohl gedacht haben mag?Nein.
    weil wir wissen:Der hat sich garnichts gedacht,ausser vielleicht wie er möglichst viel und noch viel mehr Geld abkassieren könnte.und wie doof doch die Menschen sind,bei ihm alles mögliche
    zu sehen was nicht da ist.Des Königs neue Kleider.Da war nie was.
    Da ist nichts und da wird auch zukünftig nichts sein.Das wissen und sehen alle ...tja,und schlecht gemalt ist es auch noch.

  2. Bei Gerhard RICHTER wurde das, was Fotografen sich schon lange zum Leitbild ihrer Bild-Kompositionen machten – Formen aufzulösen durch UNSCHÄRFE (für Stimmung, Geschwindigkeit etc.) -,zur „Macke“, wie er sagte. Banale Bildvorlagen projizierte der Star-Maler mit dem Epidiaskop auf die Leinwand, um sie STIL-los in Verwischung zu transformieren. Fotos vom Freitod der RAF-Terroristen wurden 1977 in diffuse Abstraktionen überführt. Warum G.R. mit den „ideologisch verbrämten Terroristen“ tote Menschen UNSCHARF malte, das „Wesentliche im Banalen zu finden“ hoffte, will die Süddeutsche Zeitung (Feuilleton SZ, 14.2.11) eruieren. Und die SZ sagt: seit 1989 „haben diese Bilder für Anwürfe gesorgt“ – weil G.R. „nicht die Opfer, sondern die Täter“ bildwürdig fand – Frage: WARUM…? Die SZ (Burcu Dogramaci) gibt keine Antwort! Die SZ zweifelt an der Vorreiter-Funktion Gerhard RICHTERs für „die neuen Unscharfen“ – in der Hamburger Kunsthalle parallel zu Bucerius KF HH ausgestellt. Das in der HKH ausgestellte UNSCHARF-„Neue“ habe „aber mit den Unschärfen von Gerhard Richter kaum mehr etwas zu tun“! Dass die G.R.-„MACKE“ kaum innovativ/originell zu bewerten ist, schreibt die SZ nicht. Auch nicht verbreitet die SZ unredlich das Märchen vom „PICASSO des 21. Jahrhunderts“ (3sat-Kulturzeit). Verwischung ist für 3sat-Kultur „bestechend und immer faszinierend“ – ob KLOrolle oder … Mehr: Gerhard RICHTER: KEIN guter „PICASSO des 21. Jahrhunderts“ – ohne STIL (Goethe). Werk-Vergleich mit P.O. RUNGE

    • Colomba
    • 14. Februar 2011 20:07 Uhr

    das ist Richters Stil und damit passt er eben so wunderbar in unsere Zeit, tritt keinem auf die Füße und darf sogar der katholischen Kirche den harmlosen Vorzeigekünstler machen -natürlich nur gegen entsprechendes (???) Honorar.

    • Mari o
    • 15. Februar 2011 19:58 Uhr

    Das täuscht.
    Er läuft zwar nicht wie der Gangster der Gangster rum,
    und vieler dieser Kunstmaler die zeitlebens immer nur einen Gott angebetet haben,nämlich Mammon,dekorieren katholische Kirchen,
    aber einer der es geschafft hat zu Lebzeiten mehr Geld zu kassieren als Tizian,Rubens und Picasso zusammen, ist unheimlich.

  3. @ Herr Rauterberg

    "Aus den vielen Fotos, die Richter dank ausführlicher Recherchen zusammengetragen hatte, wählte er nur jene aus, die weder das Spektakel- noch das Kultbedürfnis befriedigen."

    Die Fotos der Toten wurden teils großformatig in Magazinen veröffentlicht, bsp. im Stern eine Doppelseite mit dem Kopf der erhängten Ulrike Meinhof. Einige der Zyklusbilder hatten in diesem Zusammenhang absoluten Spektakelcharakter. An der aktuellen Bin Laden Debatte sieht man, dass die Welt vorsichtiger mit solchen Trophäenphotos geworden ist. Das spricht jetzt nicht gegen Richters Technik, nur gegen Ihre Beobachtung.

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