Siebeck Der neue Schwarm

Wolfram Siebeck fragt sich, warum alle Welt auf einmal Pangasius isst.

Pangasius, wohin man blickt. Leider schmeckt dieser Modefisch im besten Fall nach gar nichts

Pangasius, wohin man blickt. Leider schmeckt dieser Modefisch im besten Fall nach gar nichts

Selten erscheinen in der Presse derart abschätzige Bemerkungen über ein Produkt. Kein Kollege schrieb je, ein Auto habe »ein lächerliches, völlig missglücktes Design« (obwohl die Straßen voll sind von derartigen Auswüchsen); keine Pariskorrespondentin nannte je einen Modeschöpfer »ein misogynes, völlig verkifftes Untalent«. Solche Einsichten gelangen – so sie denn im Verborgenen existieren sollten – nie an die Öffentlichkeit.

Doch beim Pangasius sind sich alle einig. Und völlig zu Recht lässt man keine gute Schuppe an dem Fisch aus der Retorte: »Kein Speisefisch ist wässriger ... Er ist nicht schön anzusehen, seine Flossen wirken schmutzig und zu lang, seine Augen hängen tief ..., der Nährstoffgehalt seines Fleisches ist geringer als der vieler anderer Zucht- oder Seefische ..., es hat fast keine Farbe und keinen Geschmack ... Seit nicht einmal 20 Jahren wird der Pangasius überhaupt erst gezüchtet, meist im Mekongdelta in Vietnam, einem der meistverschmutzten Flüsse der Welt.« Das schrieben keine Foodjournalisten, sondern Kollegen aus dem Wirtschaftsressort der FAZ, denen höchstens vorzuwerfen ist, dass sie meinen, das Schönheitsideal einer Pangasia zu kennen. Vielleicht finden sie diese langen, schmutzigen Flossen und tief hängenden Augen einfach süß?

Anzeige

Bei deutschen Verbrauchern erfreut sich der geschmacklose, nährstoffarme Industriefisch jedenfalls seit einiger Zeit allergrößter Beliebtheit: Der Pangasius gehört zu den meistgekauften Fischen, noch vor der Forelle und dem Zander. Der Grund ist der Preis. Rund sechs Euro kostet das Kilo.

Das ist die Krux mit den Essgewohnheiten der Deutschen: Der Schund, den man ihnen vorsetzt, kann gar nicht minderwertig genug sein; wenn er nur billig ist, schlucken sie ihn gerne.

Nur wenig mehr kostet der Butterfisch, der mit dem Pangasius viele Merkmale teilt. Er ist ebenfalls wässrig, schmeckt ebenfalls nach nichts und hat keine Werte, deretwegen man ihn zum Lebensmittel erklären sollte. Dennoch schämen sich viele Wirte nicht, ihn auf die Karte zu setzen.

Würden deutsche Autos millionenfach wegen Pfusch am Band in die Werkstätten zurückgerufen, oder wären unsere Fußballer von der Bundesliga bis hinauf zur Nationalmannschaft notorisch gedopt, wir würden es als nationale Schande ansehen und beschämt das Haupt neigen.

Aber dass wir Fische und Schweine, Hühner und Rinder aus industrialisierter Massenzucht essen, was aus ethischen und kulinarischen Gründen gleichermaßen verabscheuungswürdig ist, das macht uns nichts aus. Hören wir also langsam auf, uns über feinsinnige Damen und sentimentale Tierfreunde lustig zu machen, die uns zum Lustverzicht aufrufen. Lieber sollten wir überlegen, bis zu welchem Grad sie recht haben und wie wir uns dem allgemeinen Billigwahn verweigern können.

 
Leser-Kommentare
  1. die Mensa könnte Pengasius einfach nicht zubereiten. Aber er scheint ja wirlich überall ähnlich schmacklos und matschig zu sein.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dann trifft vermutlich auch ersteres zu - und zwar unabhängig von der Fischart ;)

    Ansonsten trifft es der "Dilemma"-Kommentar unter dem FAZ-Artikel (http://www.faz.net/s/RubD...) schon ganz gut:
    Unter Beachtung der Randbedingungen mag der Pangasius nicht die wohlschmeckenste Wahl sein, eine schlechte ist er deshalb aber nicht unbedingt.

    Mensen haben die Gabe, jedes Nahrungsmittel schlecht zuzubereiten. Neulich stieg mir aus einer panierten Mensa-Scholle so etwas wie Mineralöl gemischt mit Fischaromen entgegen. Der Küchenschef quittierte eine Duftprobe mit den Worten "Scholle. Habe ich auch vorhin gegessen. Ist in Ordnung.".
    Soll heißen: Nicht gesundheitsschädlich.

    dann trifft vermutlich auch ersteres zu - und zwar unabhängig von der Fischart ;)

    Ansonsten trifft es der "Dilemma"-Kommentar unter dem FAZ-Artikel (http://www.faz.net/s/RubD...) schon ganz gut:
    Unter Beachtung der Randbedingungen mag der Pangasius nicht die wohlschmeckenste Wahl sein, eine schlechte ist er deshalb aber nicht unbedingt.

    Mensen haben die Gabe, jedes Nahrungsmittel schlecht zuzubereiten. Neulich stieg mir aus einer panierten Mensa-Scholle so etwas wie Mineralöl gemischt mit Fischaromen entgegen. Der Küchenschef quittierte eine Duftprobe mit den Worten "Scholle. Habe ich auch vorhin gegessen. Ist in Ordnung.".
    Soll heißen: Nicht gesundheitsschädlich.

    • ClausM
    • 06.02.2011 um 15:15 Uhr

    Etwa 30 Jahre lang ist das Realeinkommen fast nicht gewachsen. Nur billige Lebensmittel haben die Aufkündigung des gesellschaftlichen Konsens verhindert.

    Behalten Sie Ihre Krokodilstränen für sich.

    16 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anay
    • 06.02.2011 um 15:43 Uhr

    Ich denke sogar, dass der Durchschnittsbürger mittlerweile weniger Geld (Kaufkraft) zur Verfügung hat als vor 30 Jahren. Allein seit der Einführung des Euro hat sich über Quantitative Lockerung die Menge an Euro pro Bürger verdoppelt (!). Aber haben sich unsere Gehälter verdoppelt? Natürlich nicht. Das haben alles die Banken und Großkonzerne abgegriffen. Und wie machen sie ihren Gewinn? Mit Billigprodukten, z.B. mit Finanzierung und Produktion von dem elendigsten Fraß, den man sich vorstellen kann. Der Fraß ist zwar (bis auf wenige Skandälchen alle paar Jahre) hygienischer als noch in den 70ern und 80ern, aber gesundheitsfördernde Nahrung mit Nährwert sieht anders aus. Aber da hört es ja nicht auf: Seit der Euro-Einführung sind eben auch die Billig-Preise langsam gestiegen (relative Inflation, Cantillon-Effekt etc.). Eigentlich müssten wir längst schon alle auf der Straße sein und Merkel- und Banker-Puppen verbrennen usw., aber noch geht es uns einfach zu gut. Und ein bisschen Pangasiusfraß passt immer rein.

    • Anay
    • 06.02.2011 um 15:43 Uhr

    Aufgrund eines vom Autor selbst gemeldeten Doppelpostings entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

    • Anay
    • 06.02.2011 um 15:43 Uhr

    Ich denke sogar, dass der Durchschnittsbürger mittlerweile weniger Geld (Kaufkraft) zur Verfügung hat als vor 30 Jahren. Allein seit der Einführung des Euro hat sich über Quantitative Lockerung die Menge an Euro pro Bürger verdoppelt (!). Aber haben sich unsere Gehälter verdoppelt? Natürlich nicht. Das haben alles die Banken und Großkonzerne abgegriffen. Und wie machen sie ihren Gewinn? Mit Billigprodukten, z.B. mit Finanzierung und Produktion von dem elendigsten Fraß, den man sich vorstellen kann. Der Fraß ist zwar (bis auf wenige Skandälchen alle paar Jahre) hygienischer als noch in den 70ern und 80ern, aber gesundheitsfördernde Nahrung mit Nährwert sieht anders aus. Aber da hört es ja nicht auf: Seit der Euro-Einführung sind eben auch die Billig-Preise langsam gestiegen (relative Inflation, Cantillon-Effekt etc.). Eigentlich müssten wir längst schon alle auf der Straße sein und Merkel- und Banker-Puppen verbrennen usw., aber noch geht es uns einfach zu gut. Und ein bisschen Pangasiusfraß passt immer rein.

    • Anay
    • 06.02.2011 um 15:43 Uhr

    Aufgrund eines vom Autor selbst gemeldeten Doppelpostings entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

  2. dann trifft vermutlich auch ersteres zu - und zwar unabhängig von der Fischart ;)

    Ansonsten trifft es der "Dilemma"-Kommentar unter dem FAZ-Artikel (http://www.faz.net/s/RubD...) schon ganz gut:
    Unter Beachtung der Randbedingungen mag der Pangasius nicht die wohlschmeckenste Wahl sein, eine schlechte ist er deshalb aber nicht unbedingt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Er wächst in übelster Massentierhaltung auf, zu zigtausenden in Farmen, oft nicht mehr in Wasser, sondern einer dickflüssigen Pampe aus Exkrementen und Medikamenten, welche eimerweise zugekippt werden.
    Er ist beim Fisch die schlechteste Wahl überhaupt, die man treffen kann.

    Er wächst in übelster Massentierhaltung auf, zu zigtausenden in Farmen, oft nicht mehr in Wasser, sondern einer dickflüssigen Pampe aus Exkrementen und Medikamenten, welche eimerweise zugekippt werden.
    Er ist beim Fisch die schlechteste Wahl überhaupt, die man treffen kann.

    • Anay
    • 06.02.2011 um 15:43 Uhr

    Ich denke sogar, dass der Durchschnittsbürger mittlerweile weniger Geld (Kaufkraft) zur Verfügung hat als vor 30 Jahren. Allein seit der Einführung des Euro hat sich über Quantitative Lockerung die Menge an Euro pro Bürger verdoppelt (!). Aber haben sich unsere Gehälter verdoppelt? Natürlich nicht. Das haben alles die Banken und Großkonzerne abgegriffen. Und wie machen sie ihren Gewinn? Mit Billigprodukten, z.B. mit Finanzierung und Produktion von dem elendigsten Fraß, den man sich vorstellen kann. Der Fraß ist zwar (bis auf wenige Skandälchen alle paar Jahre) hygienischer als noch in den 70ern und 80ern, aber gesundheitsfördernde Nahrung mit Nährwert sieht anders aus. Aber da hört es ja nicht auf: Seit der Euro-Einführung sind eben auch die Billig-Preise langsam gestiegen (relative Inflation, Cantillon-Effekt etc.). Eigentlich müssten wir längst schon alle auf der Straße sein und Merkel- und Banker-Puppen verbrennen usw., aber noch geht es uns einfach zu gut. Und ein bisschen Pangasiusfraß passt immer rein.

    Antwort auf "Mindestlöhne"
    • Anay
    • 06.02.2011 um 15:43 Uhr

    Aufgrund eines vom Autor selbst gemeldeten Doppelpostings entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Mindestlöhne"
  3. Überfischte Fische soll man nicht kaufen - aber wenn man dann zum gezüchteten aus Aquakulturen greift, ist es Herrn Siebeck auch wieder nicht recht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dieser Zuchtfisch führt zu einer ökologischen Katastrophe. Davor warnen Umweltverbände schon länger. Man kann sich auch quantitativ einschränken. Fisch in der Mensa muss zum Beispiel gar nicht sein. Ich gehe davon aus, dass große Mengen im Müll landen.

    Dieser Zuchtfisch führt zu einer ökologischen Katastrophe. Davor warnen Umweltverbände schon länger. Man kann sich auch quantitativ einschränken. Fisch in der Mensa muss zum Beispiel gar nicht sein. Ich gehe davon aus, dass große Mengen im Müll landen.

  4. ...aber trotzdem ist es gut, dass er so beliebt ist, denn wenn die Leute diesen billigen Zuchtfisch kaufen, werden die Bestände der schmackhaften Wildfische geschont und diese bleiben für uns andere erschwinglich.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wir kaufen übrigens regelmäßig den tiefgfrorenen Pangasius bei Feinkost-Albrecht, denn ein Familienmitglied ist ganz wild darauf: Maunzerle, unsere Katze ... – selbst gegessen haben wir den Glibber noch nicht. Den kann man doch gar nicht zubereiten, denn sobald er aufgetaut ist, zerläuft er :-(
    Aber eines stimmt schon: Was der Siebeck-Ghostwriter hier abzieht, ist im Vergleich mit einem Original-Siebeck aus seinen besten Zeiten ungefähr so bissig – transitiv wie intransitiv ;-) – wie ein Pangasius im Vergleich mit einem (frisch gefangenen) Hecht. Einfach nur peinlich, und keiner in den Redaktionen will's wahrhaben.

    • Gafra
    • 06.02.2011 um 17:53 Uhr

    auch Aquazuchtfische mit Wildfischen gefüttert, mal abgesehen davon, dass Aquazucht letztlich auch Massentierhaltung mit den durchaus bekannten widerlichen Folgen ist.
    http://albert-schweitzer-...
    http://albert-schweitzer-...
    http://www.peta.de/web/fi...
    Und hier noch etwas für EU-Bürger: Da gibt es eine Konsultation zum Thema"Flossen-Abschneiden bei Haien"
    Da sollen sich auch Bürger äußern!
    http://ec.europa.eu/fishe...
    Hier der deutsche Text!
    http://ec.europa.eu/fishe...

    Wir kaufen übrigens regelmäßig den tiefgfrorenen Pangasius bei Feinkost-Albrecht, denn ein Familienmitglied ist ganz wild darauf: Maunzerle, unsere Katze ... – selbst gegessen haben wir den Glibber noch nicht. Den kann man doch gar nicht zubereiten, denn sobald er aufgetaut ist, zerläuft er :-(
    Aber eines stimmt schon: Was der Siebeck-Ghostwriter hier abzieht, ist im Vergleich mit einem Original-Siebeck aus seinen besten Zeiten ungefähr so bissig – transitiv wie intransitiv ;-) – wie ein Pangasius im Vergleich mit einem (frisch gefangenen) Hecht. Einfach nur peinlich, und keiner in den Redaktionen will's wahrhaben.

    • Gafra
    • 06.02.2011 um 17:53 Uhr

    auch Aquazuchtfische mit Wildfischen gefüttert, mal abgesehen davon, dass Aquazucht letztlich auch Massentierhaltung mit den durchaus bekannten widerlichen Folgen ist.
    http://albert-schweitzer-...
    http://albert-schweitzer-...
    http://www.peta.de/web/fi...
    Und hier noch etwas für EU-Bürger: Da gibt es eine Konsultation zum Thema"Flossen-Abschneiden bei Haien"
    Da sollen sich auch Bürger äußern!
    http://ec.europa.eu/fishe...
    Hier der deutsche Text!
    http://ec.europa.eu/fishe...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service