Die schlimmste Schmuddelbranche des Landes ist derzeit nicht die Rüstungsindustrie, es ist nicht die Massentierhaltung, und ausnahmsweise ist auch die Bahn einmal nicht in den Schlagzeilen. Die Schlimmsten, das sind im Moment die Zeitarbeitsfirmen. Die, die ihren Profit damit machen, die Arbeitskraft von Menschen zu verleihen.

Dieses Gewerbe ist vielen von jeher suspekt. Im Zusammenhang mit Dumpinglöhnen und Hartz IV ist es jetzt erst recht ins Gerede gekommen. Die SPD hat es zum Gegenstand des großen Feilschens um die Hilfen für Langzeitarbeitslose gemacht. Es gehe um Gerechtigkeit, beteuern die Sozialdemokraten. Um gerechte Löhne für diejenigen, die sich in ebendieser Schmuddelbranche verdingen müssten. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, lautet ihr Schlachtruf – und wer mag dem widersprechen? Doch wenn es um Sozial- und Arbeitsmarktpolitik geht, ist es mit der Gerechtigkeit keine einfache Sache. Die Zeitarbeit ist ein Musterbeispiel dafür, wie gut gemeinte Forderungen gerade denen schaden können, denen sie helfen sollen.

Wer Erfahrungen in der Zeitarbeit sammelt, findet später leichter Jobs

Glaubt man der SPD, der Linkspartei und Gewerkschaftern, sind vor allem Firmen wie Manpower, Randstad und viele kleine Verleihunternehmer für das Elend der Hartz-IV-Empfänger verantwortlich. Jeder achte Leiharbeiter, berichtete der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Anfang der Woche, brauche Hartz-IV-Leistungen , weil sein Lohn nicht zum Leben reiche. Leiharbeiter bekämen im Schnitt 40 bis 50 Prozent weniger Gehalt als ihre fest angestellten Kollegen – und der Steuerzahler subventioniere diese Hungerlöhne noch über das Hartz-IV-System. Was für ein Irrsinn!, möchte man ausrufen.

Doch das Horrorbild, das da gemalt wird, hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Denn für die meisten Menschen ist die Zeitarbeit ein Weg, der aus der Abhängigkeit von staatlicher Hilfe herausführt und nicht hinein. Dies wird deutlich, wenn man sich die Zahlen etwas genauer anschaut. Tatsächlich bekommen viele Leiharbeiter weniger Geld als der Durchschnittsarbeitnehmer. Aber zum Durchschnitt gehören auch viele Ärzte oder Ingenieure, während in der Leihbranche eher Hilfsarbeiter tätig sind. Wer den Unterschied zwischen ihren Löhnen beklagt, wie es der DGB tut, vergleicht Äpfel und Birnen. Achtet man dagegen auf gleiche Berufe und Qualifikationen, schrumpft der Lohnabstand seriösen Berechnungen zufolge auf 15 bis maximal 20 Prozent. Das ist immer noch eine Menge, und man kann das als ungerecht beklagen.

Allerdings bieten die Zeitjobs Langzeitarbeitslosen und Geringqualifizierten eine Chance, überhaupt ins Erwerbsleben zurückzukehren. Auch das ist ein Beitrag zur Gerechtigkeit. Zwei Drittel derjenigen, die im vergangenen Jahr bei einer Zeitarbeitsfirma angefangen haben , waren vorher ohne Beschäftigung, jeder Fünfte war sogar langzeitarbeitslos oder hatte überhaupt noch nie gearbeitet. Wie viele von ihnen auf Dauer in der Zeitarbeit beschäftigt bleiben oder einen festen Arbeitsplatz bekommen, hängt immer von der Konjunktur ab. Untersuchungen über einen längeren Zeitraum zeigen aber: Wer Berufserfahrung in der Zeitarbeit sammelt, findet auch später leichter einen Job. Das übersieht, wer nur auf den Lohn schaut, der nach vier Wochen überwiesen wird.