Er war ein Despot, er war verhasst. König Faruk gehörte zur Hinterlassenschaft der Briten in Ägypten. 1922 hatten sie das Land, das sie seit 1882 unter ihrer Herrschaft hielten, formal zu einem unabhängigen Königreich gemacht, gleichwohl waren britische Truppen geblieben. Der erste König von Londons Gnaden, Fuad, war 1936 gestorben, sein Sohn Faruk ihm auf den Thron gefolgt. Fortan herrschten Misswirtschaft und Korruption im Land am Nil.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs indes arbeiteten die Offiziere der Militärakademie in Kairo auf Faruks Ablösung hin. Im Juli 1952 ist der Augenblick gekommen. Die Parole lautet "Entschlossenheit und Kühnheit", die Losung "Nasr" (Sieg). Am 23. Juli um Mitternacht soll der Coup beginnen. Gamal Abdel Nasser, geboren 1918 als Sohn eines kleinen Beamten in Alexandria, ist der unumstrittene Kopf der 1938 gegründeten "Freien Offiziere" (Dubbat al-Ahrar), wie sich die Gruppe nennt. Die Details für den Putsch haben die Generale Abdel al-Hakim Amr und Kamal Addin Hussein ausgearbeitet. Einer der Mitbegründer des Komitees der Freien Offiziere, ein junger Oberst namens Anwar al-Sadat, gehört ebenfalls zu den Anführern.

Der Putsch ist gut vorbereitet. Zunächst soll die Militärkommandantur besetzt und die Zivilverwaltung übernommen werden – dann erst wollen die Offiziere den König für abgesetzt erklären. In allen Waffengattungen haben die Rebellen Verbindungsleute, auch die Regimenter von Kairo sind auf ihrer Seite.

Alles läuft nach Plan, im Nu ist die Hauptstadt in den Händen der Putschisten. Faruk leistet keinen Widerstand. Er flieht ins Exil (zunächst nach Monaco, dann nach Italien, wo er 1965 während eines Gelages stirbt). "Zehn Jahre lang", notiert Sadat kurz nach dem Staatsstreich, "hatten wir auf diesen Tag gewartet, zehn Jahre, in denen wir unseren Tatendrang hatten zügeln, in denen wir hatten achtgeben und uns verbergen müssen, um nicht unsere Kraft an Unwichtiges zu vertun, sondern unsere ganze Energie für die Tat dieser Nacht aufzubewahren: für den Todesstoß gegen ein verabscheutes Regime. Zwischen dem Hass gegen die Unterdrücker und der Angst vor dem Wagnis hin- und hergerissen, blieb dem Volke nur mehr die Revolution. [...] In der Geschichte Ägyptens", resümiert er den großen Tag, "ist die Revolution des 23. Juli 1952 ein ebenso bedeutsamer Wendepunkt, wie es das Jahr 1789 für Frankreich war. Ihre politischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen haben Ägyptens Stellung in der Welt grundlegend gewandelt und bestimmen sein künftiges Schicksal."

Der neu gegründete Revolutionsrat ernennt General Ali Muhammad Nagib zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte und am 9. September auch zum Ministerpräsidenten. Am 18. Juni 1953 proklamiert er die Republik Ägypten, deren erster Staatspräsident er wird. Rasch leitet er eine Bodenreform ein. Die bestehenden Parteien allerdings werden verboten, vor allem die Wafd-Partei als Repräsentantin der bisherigen Führungsschicht.

Doch Nassers Machtzuwachs und seine beherrschende Stellung im Revolutionsrat führen unweigerlich zum Konflikt, den Nagib verliert. Nasser übernimmt nicht nur den Oberbefehl über die Streitkräfte, er verleibt sich noch im selben Jahr 1953 auch die Ämter des stellvertretenden Ministerpräsidenten sowie des Innenministers ein.

Als Nagib Anfang 1954 versucht, ein parlamentarisches Regierungssystem zu etablieren, zwingt ihn Nasser erstmals zum Rücktritt. Doch ein Aufbegehren des Volkes bewirkt Nagibs Rückkehr in alle Ämter. Lange kann er sich nicht mehr halten. Nasser drängt ihn mit aller Macht zur Seite. Als islamische Fanatiker ein Attentat auf Nasser verüben, nimmt dieser das zum Anlass, Nagib der Mitwisserschaft zu bezichtigen und ihn abzusetzen. Im November lässt er Nagib unter Hausarrest stellen. Erst unter Präsident Sadat wird der Verfemte seine Freiheit wiedererlangen: 1971, nach Nassers Tod.

1956 offiziell zum Präsidenten gewählt – 1964 wird er im Amt bestätigt –, führt Nasser eine neue Verfassung ein und wandelt Ägypten in einen sozialistischen Staat mit einem Einparteiensystem um. Der Islam wird Staatsreligion; von dessen fundamentalistischer Variante will der durch und durch säkulare Nasser allerdings nichts wissen. Die Ende der zwanziger Jahre gegründete Muslim-Bruderschaft wird verboten, einer ihrer Vordenker, Sayyid Qutb, 1966 hingerichtet.

Zu den Zielen, die noch der Revolutionsrat postuliert hat, gehört die Schaffung einer starken Armee, die Ägyptens Unabhängigkeit garantieren soll. Bereits 1954 vereinbaren die Militärs mit Großbritannien, dass auch die letzten britischen Truppen das Land verlassen sollen. Zu Beginn des Jahres 1956 ist es so weit: Die Zeit der Kolonialherrschaft im Land der Pyramiden ist endgültig vorüber. Ägyptens Militär kann sich nunmehr, wie geplant, zum "Staat im Staate" entwickeln.

Doch die Geschichte kennt wunderliche Volten. Nur wenige Monate später kehren britische Streitkräfte im Verbund mit französischen und israelischen nach Ägypten zurück. Am 26. Juli 1956 nämlich hat Nasser den Sueskanal verstaatlicht, der unter der Kontrolle der Briten geblieben war. Während die USA noch alles tun, um den Konflikt zu entschärfen, macht die Regierung in London mobil, die Franzosen treten England zur Seite.

Auch Israel will Nassers Coup nicht dulden. Am 29. Oktober schlägt es los. Seine Truppen stoßen in den Gaza-Streifen und auf die Sinai-Halbinsel vor. Zwei Tage später beginnen Großbritannien und Frankreich mit der Bombardierung ägyptischer Flughäfen. In den frühen Morgenstunden des 6. November landen die Royal Marines an den Mittelmeerstränden Ägyptens und legen Port Said am Nordende des Sueskanals in Schutt und Asche.

Die ägyptische Armee taumelt. Selbst das eilig in Umlauf gebrachte Propagandagerücht, sowjetische Truppen kämen zu Hilfe, kann Nassers demoralisiertes Heer nicht mehr stabilisieren: Die Ägypter müssen zurückweichen.