Miranda July steht in der Post, zwischen ihren Fingern hängt schlaff ein Paketabholschein. Zuvor hatte eine Postbeamtin bei July angerufen, sie wollte das Paket zurückschicken. Es ist der letzte Termin. Julys schulterlange, schwarze Locken wirken ein wenig zerdrückt, sie trägt eine Art braunen Filzumhang und schwarze Strumpfhosen darunter. Sie sieht aus, als sei sie gerade aufgestanden, aber nur auf den ersten Blick. Der zweite Blick offenbart, alles ist sehr genau arrangiert: das schwarze Haarband, das karierte Oberteil und das gepunktete Jackett darüber. Die Postbeamtin kehrt mit dem Zettel zurück. »Wie lange haben Sie den schon?«, fragt sie. July weiß keine Antwort. Am Ende stellt sich heraus, sie ist auf der falschen Post. Das ist einer dieser Miranda-July-Momente: Sie erscheint losgelöst von Zeit und Raum und beobachtet sich selbst ein wenig verwundert von außen. July tritt auf die Straße, der Himmel über Los Angeles ist grau an diesem Tag. In ihrem blauen Prius warten eine völlig zerschlissene Bluse und eine kurze Hose, die sie genau so noch einmal nähen lassen möchte.

Ein paar Tage zuvor, an einem Mittwochmorgen, sitzt Miranda July in einem Café nicht weit von ihrem Haus in Silverlake, im Osten von L.A. Die Gäste reden laut über Filmprojekte, es heißt, die Designersessel sollen je 4000 Dollar gekostet haben, die Teekarte ist fast so lang wie die Speisekarte. Miranda July bestellt eine winzige Schüssel Polenta. Ihre Haut ist blass, sie hat große, blaue Augen, trägt eine karierte Bluse und dazu einen sehr kurzen, grauen Schlips. Sie wirkt wie eine junge Frau aus einer Arthur-Schnitzler-Novelle, nicht ganz von dieser Welt. July geht oft zu state sales, kauft Kleider bei Wohnungsauflösungen, von Toten. So gelange sie in Stadtviertel, die sie sonst nie sehen würde, sagt sie. Wenn sie sich im Café umschaut, ist da wieder dieses stille Erstaunen, fast sieht es aus, als sei sie peinlich berührt über die Selbstsicherheit der anderen Gäste. Sie selbst spricht sehr leise, als würde sogleich ihre Stimme brechen. Oberflächlich betrachtet, passt sie überhaupt nicht in dieses hippe Lokal, aber sie wird von ihren Tischnachbarn freudig begrüßt, und auf eigentümliche Weise passt sie vielleicht doch ganz gut dorthin.

Der britische Guardian schrieb einmal über Miranda July: Sie sei eine der Glücklichen, die alles können. Ihre Kunst wurde auf der Biennale in Venedig ausgestellt. Ihren ersten Erzählband Zehn Wahrheiten wählte die New York Times als eines der besten Bücher des Jahres 2007 aus, und ihr erster Film Ich und du und alle, die wir kennen gewann die Goldene Kamera für den besten Debütfilm in Cannes. Sie ist 36 und ein Star der globalen Independent-Szene. Das heißt: Sie ist noch nicht berühmt genug, um gehasst, aber schon berühmt genug, um cool gefunden zu werden. Miranda July hat in jeder Kunstform eine unverkennbare Stimme – schräg, skurril, melancholisch. »Sie hat eine eigene Marke kreiert«, sagt ihr deutscher Produzent Gerhard Meixner von Razor Film. Einmal schenkte sie ihm und seinem Partner Kissen, die mit Zitaten von ihr bedruckt waren.

Auch in ihrem zweiten Spielfilm The Future, der auf der Berlinale im Wettbewerb läuft, ist Julys Stimme unverwechselbar: Die Erzählerin ist eine Katze, die in knarzigem, kindlichem Ton zum Zuschauer spricht. Das Filmpaar Jason und Sophie hat sie auf der Straße mit einer verletzten Pfote aufgelesen und sie zum Tierarzt gebracht. Nun wartet sie dort dreißig Tage lang darauf, dass die beiden sie adoptieren. Jason und Sophie arbeiten in ihrer kleinen Wohnung in Silverlake. Sophie gibt ab und zu Tanzstunden, will aber in Wahrheit Performancekünstlerin sein, Jason hat einen öden Job zu Hause vor dem Computer. Eigentlich halten sie nur durch das Netz mit der Außenwelt Kontakt.

Allein die Aussicht auf Nähe zu einer Katze und die Verantwortung dafür verändert alles. Das Ende der 30-Tage-Frist erscheint ihnen wie das Ende ihres bisherigen Lebens. Jason und Sophie kündigen ihre Jobs, sie schalten das Internet ab, beenden ihre Isolation.

Normalerweise denken Paare in den Dreißigern darüber nach, ob sie ein Kind bekommen sollen oder nicht. »Ein Kind fühlt sich ein bisschen an wie der Tod«, sagt Miranda July in dem Café in L.A. Es klingt dramatisch. »Wenn man so mit sich selbst beschäftigt ist wie ich«, fügt sie hinzu. Die Vorstellung, ein Baby zu haben, muss beängstigend auf sie wirken. Als Künstlerin, die auf ihre eigenen Gedanken und Gefühle fixiert ist, würde es das Ende der Selbstbezogenheit, das Ende des Egoismus bedeuten. Viele in ihrem Umfeld haben inzwischen Familie. July hat das auch in ihrem Film verarbeitet, dort stehen ihrer Figur Sophie, die von July gespielt wird, die jungen Eltern gegenüber wie lebendige Mahnmale.

Die letzten dreißig Tage Freiheit entwickeln ihre ganz eigene Dynamik, Jason und Sophie entfernen sich immer mehr voneinander. Sophie verlässt Jason für einen älteren Mann mit Einfamilienhaus. Es gibt eine Szene, in der Sophie zum ersten Mal mit ihrem Liebhaber schläft. Dabei sieht sie sich in dessen Wohnzimmer um: Ihr Blick fällt auf spießige Nippes-Nilpferde, geschmacklose Vasen, plüschige Sofas. Alles fühlt sich falsch an, vollkommen aus den Fugen geraten. Sophie beobachtet sich dabei wieder etwas verwundert von außen, und trotzdem bleibt sie.

Miranda July ist die Meisterin des Subtextes, der kleinen Details, der Absurditäten des Alltags, der Gedanken, die nicht ausgesprochen werden. All das, was nicht gesagt wird und doch so entscheidend ist in Beziehungen zu anderen: das Ringen um Nähe, die Sehnsucht danach, die Schwierigkeit, sie aufzubauen und dann auch auszuhalten. »Das kann ich wirklich gut beschreiben. Darin fühle ich mich als Superheldin«, sagt sie. Sie schafft es durch Humor, genaues Beobachten und emotionale Tiefgründigkeit, die Gegenwart in all ihrer Kompliziertheit und Skurrilität abzubilden. Auch die Figuren in ihrem Film The Future scheinen das momentane Lebensgefühl der Vereinigten Staaten widerzuspiegeln – angeschlagen, etwas isoliert, von sich selbst besessen und dabei in sich gefangen.