ZEITmagazin: Frau Rossellini, was macht einen guten Regisseur aus?

Isabella Rossellini : Er sieht Dinge, die andere nicht sehen. Er kann das Verhalten eines Menschen in Sekundenschnelle interpretieren, weil er die Körpersprache lesen kann. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als mich David Lynch verlassen hat, rief ich meinen ersten Ehemann Martin Scorsese an, um ihm davon zu erzählen. Ich war unendlich traurig, ich hatte nicht mit dieser Trennung gerechnet. Marty sagte nur: »Ich habe es geahnt.« Er hatte uns bei einem Filmfest gesehen, da war ihm aufgefallen, dass mich David vor allen auf den Mund geküsst hatte. Da dachte Marty, dass irgendwas nicht stimme. »Ihr wart sonst immer so diskret in der Öffentlichkeit«, sagte er.

ZEITmagazin: Es gibt ein Foto, das Sie und Scorsese mitten in der Wüste zeigt. Wim Wenders hat es gemacht. Sie sehen darauf sehr erschöpft aus.

Rossellini: Wir waren auch fast am Verdursten. Marty und ich waren auf dem Telluride-Filmfestival in Colorado. Wir beschlossen, zum Monument Valley zu fahren, weil wir sehen wollten, wo John Ford seine Filme gemacht hat. Leider hatten wir eine Panne. Wir waren so glücklich, als endlich ein Auto angefahren kam, da saßen Wim und seine Frau drin. Offenbar hatten sie dieselbe Idee gehabt wie wir! Wim hat unseren Wagen wieder zum Laufen gebracht, er ist technisch total begabt. Dann sind wir zusammen zum Monument Valley gefahren.

ZEITmagazin: Mit zwei großen Regisseuren durch die Wildnis. Klingt spannend.

Rossellini: Die Natur hat sie überhaupt nicht interessiert. Sie haben nur nach den Shots aus Fords Filmen gesucht. Es ging die ganze Zeit so: »Oh, erinnerst du dich an diesen Berg?« – »Ach, die Kamera muss hier gestanden haben.« – »Weißt du noch, dieser Close-up von John Wayne

ZEITmagazin: Sie sind in Rom aufgewachsen als Tochter des neorealistischen Regisseurs Roberto Rossellini und der Hollywood-Schauspielerin Ingrid Bergman. Einen ihrer drei Oscars bekam Ihre Mutter 1956 für »Anastasia«. Sie sagten mal, wenn Ihr Vater den Film gedreht hätte und nicht Anatole Litvak, wären wohl nicht so viele Zuschauer hineingegangen. Was erwarten Sie von einem Film?

Rossellini: Das klingt jetzt sehr böse, dabei wollte ich nur sagen, dass die Filme meines Vaters anders sind als die typischen Hollywood-Streifen. Er wollte die Leute nicht unterhalten, sondern ihnen etwas beibringen. Das soll nicht heißen, dass ich keine Unterhaltungsfilme mag. Ich mag sie sehr. Aber es muss auch andere Kategorien von Filmen geben, die vielleicht nicht so viele Zuschauer anziehen, aber trotzdem interessant sind. Jedenfalls ist für mich nicht die Story ausschlaggebend. Viele zeitgenössische Filmemacher wollen gar keine Geschichte erzählen. Bei meinen Rollen war nie das Drehbuch entscheidend, sondern es waren die Leute, die den Film machen, also Regisseur, Produzent und die anderen Schauspieler.

ZEITmagazin: Als Schauspielerin berühmt geworden sind Sie mit David Lynchs »Blue Velvet«, Sie haben auch selbst gedreht: »Green Porno«, eine Serie experimenteller Kurzfilme über das Sexleben von Tieren. Würden Sie nicht gern mal bei einem Spielfilm Regie führen? Oder scheuen Sie sich, in die Fußstapfen Ihres großen Vaters zu treten?

Rossellini: Nein, der Grund dafür ist, dass ich erst vor zweieinhalb Jahren überhaupt begonnen habe, Regie zu führen. Davor war ich zu beschäftigt, mit meiner Familie, dem Schauspielern und Modeln und mit meiner eigenen Kosmetiklinie. Aber jetzt fange ich an, mit kleinen Schritten. Langsam würde ich mir auch einen Spielfilm zutrauen.