Nicola Forster bleibt standhaft. Auch nach zwei Stunden, die wir nun im Gasthaus Zum guten Glück sitzen, lässt er die eine, die große Frage unbeantwortet: Soll die Schweiz in die Europäische Union – oder nicht? »Die Politik macht daraus eine Glaubensfrage, das ist ein EU-Beitritt aber nicht«, sagt der 25-Jährige. Man hakt ein letztes Mal nach, bohrt. Forster lacht. »Es gibt genügend Akteure, die eine Position haben.« Aber in der Europadebatte brauche es mehr sachliche Argumente und weniger Emotionen. Zu viele Punkte seien ungeklärt. Würde die direkte Demokratie einen EU-Beitritt überleben? Wie könnte das Land in der Sicherheitspolitik mit Europa zusammenarbeiten, ohne seine Neutralität aufzugeben? »Erst wenn wir das wissen, kann man sich fragen: Was gewinnen und was verlieren wir?«, sagt Forster. Laufend die Grundsatzfrage zu stellen, das bringe nichts.

Nicola Forster ist Präsident des Thinktanks Forum für Aussenpolitik (foraus). Im Oktober 2009 gegründet, hat foraus heute 200 Mitglieder. Die meisten von ihnen sind junge Akademiker. Man ist als Verein organisiert, funktioniert aber wie eine Start-up-Firma. »Wir versuchen, Lücken auf dem politischen Markt zu finden und diese mit unseren Analysen zu füllen«, sagt Forster. Mit Eifer, Lust, Idealismus – und Selbstausbeutung. Ein Jahr arbeitete Forster gratis, mit dem Laptop in Cafés oder zu Hause. Er nahm sogar ein Darlehen auf: »Weil ich davon überzeugt bin, dass ein außenpolitischer Thinktank in der Schweiz enormes Potenzial hat.« Seit Anfang des Jahres bezahlt ihm der Verein monatlich 3000 Franken; aus einem Minibudget, gestellt vom Bundesamt für Sozialversicherung, der Bankiervereinigung, den FDP-nahen Oertli- und Paul-Schiller-Stiftungen sowie privaten Gönnern. Ein mickriger Lohn für den Juristen mit Studien an den Universitäten Zürich, Montpellier und Lausanne. Aber Forster hat eine Passion: Er will Recht gestalten.

In die Wiege gelegt wurde sie ihm nicht, seine Mutter ist Primarlehrerin, der Vater Schulpsychologe. Es geschah während des Studiums. Im Jahr 2008. Forster übernimmt die Kampagnenleitung der Jungparteien für die Abstimmung über die Personenfreizügigkeit. Mit Lernen ist vorerst Schluss, das Engagement ein Fulltime-Job. Nach gewonnener Abstimmung realisiert er: Wenn man fähige Leute zusammenbringt, kann man in der Schweiz etwas erreichen. Denn es gibt sie, die Jungen, die sich politisch engagieren wollen, denen aber die Parteien zu ideologisch sind. Gerade in der Außenpolitik. Es ist die Billigfliegergeneration, der Europa und die Welt zu Füßen liegen. Nicht das Welschlandjahr prägte sie, sondern das Austauschsemester in Berlin, London oder New York. Sie träumen von Jobs bei internationalen Organisationen. Sie wollen gestalten, ihre Ideen umsetzen – und keinen mühsamen Marsch durch die Parteiinstitutionen antreten. Was sie treibt, ist nicht die Empörung über den Zustand des Landes, sondern die Frage: Wo steht die Schweiz in der Welt? Und wo stehe ich in ihr?