SchweizVom Mythos genährt

Kaum eine Branche wird so verklärt wie die Landwirtschaft. Höchste Zeit, um mit den schlimmsten Irrtümern aufzuräumen. von Claudia Wirz

Bauernhofidylle in La Lecherette – so sieht sich die Schweizer Agrarlobby am liebsten

Bauernhofidylle in La Lecherette – so sieht sich die Schweizer Agrarlobby am liebsten  |  © Sebastien Feval/AFP/Getty Images

Schon die Anbauschlacht war eine Illusion. Inspiriert von der Battaglia del Grano, der Weizenschlacht des faschistischen Italiens, wollte der spätere Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen auch in der Schweiz mit einem Anbauplan die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs sicherstellen. Die Bilder haben sich tief in die Schweizer Seele eingegraben: Ackerfurchen auf dem Sechseläutenplatz, Gemüsebeete in den Strandbädern, Kartoffeläcker auf den Fußballfeldern. »Trutz der Not mit Schweizer Brot« – das war die Losung.

Versorgungstechnisch gesehen, ist der Plan Wahlen grandios gescheitert. Weder konnte die Ackerfläche auf das geplante Ausmaß ausgebaut noch konnte das hehre Ziel der Autarkie auch nur annähernd erreicht werden. Der Selbstversorgungsgrad stieg von 52 auf 59 Prozent, und auch das war nur möglich, weil der Plan eine Senkung der durchschnittlichen Kalorienzahl pro Person und Tag von 3300 auf 2300 vorsah.

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Volkspsychologisch war der Plan aber ein voller Erfolg. Er ist schon fast so etwas geworden wie ein neuer Gründungsmythos der unabhängigen, wehrhaften Schweiz und wirkt in dieser Hinsicht bis heute nach. Wer ihn infrage stellt, gilt schnell einmal als undankbarer Nestbeschmutzer. Bis heute ist das bäuerliche Milieu ein Hort von Skeptikern jedweder Öffnungsbestrebungen der Schweiz gegenüber Europa und dem Rest der Welt. Paradoxerweise könnte aber gerade die Schweizer Landwirtschaft ohne das Ausland nicht leben – doch davon später.

Der bäuerliche Mythos also lebt. Bis heute ist der Bauernstand eine Projektionsfläche für die Sehnsüchte der Büromenschen nach heiler Welt und frischer Luft geblieben. Er dient als schützender Hafen für antimodernistische Rückzüge. Und natürlich hat man dabei das Bild einer Ballenberg-Landwirtschaft vor Augen, einer Landwirtschaft der herzigen Klein- und Kleinstbetriebe, die zwar die Bevölkerung nie und nimmer ernähren könnte, aber dem romantischen Idyll dafür umso näher kommt. Der Bauer im Tal, der seinen Betrieb modernisiert, restrukturiert und expandiert, gilt hingegen als Agroindustrieller. Da kann er noch so einen tierfreundlichen Stall haben.

Die Verklärung ist zuweilen so mächtig, dass ausgewiesene Wirtschaftsführer und Ökonomen für die Bauern alle ordnungspolitischen Grundsätze fallen lassen. Man vergisst, dass es die Schweiz nicht mit der Landwirtschaft, sondern dank der Industrie und dem Dienstleistungssektor zu Wohlstand und Reichtum gebracht hat. Von diesem Wohlstand profitieren alle – die heutigen Bauern ganz besonders. Kaum ein Land zeigt sich gegenüber dem Nährstand so spendabel wie die Schweiz. Das viel beklagte »Bauernsterben« – ein in jeder Hinsicht polemischer und auf heutige Verhältnisse völlig unzutreffender Begriff – ist für die Schweiz nicht ein Unheil gewesen, sondern ein Segen.

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