China Edelweiß in der Mandschurei

In Yabuli will der Club Méditerranée den Chinesen Skiurlaub beibringen – mit gnädigen Lehrern und Austern für alle.

Zum Skifahren nach China? Zum Autobahnfahren! Denn noch werden die Schnellstraßen kaum beansprucht, noch gewähren sie freie Fahrt – sofern man auf der Straße bleibt. Was im Winter nicht jedem gelingt. Während des dreistündigen Transfers von der Provinzhauptstadt Harbin nach Yabuli in der hintersten Mandschurei passiert der Kleinbus des Club Méditerranée ein Spalier stummer Katastrophen: einen umgestürzten Tanklastzug hier, eine verbeulte Leitplanke da, eine verlassene Limousine im Nirgendwo.

In Chinas nördlichsten Provinzen regiert der Winter mit tyrannischer Unerbittlichkeit. Es herrschen oft wochenlang minus 20 Grad, Höchsttemperatur wohlgemerkt, der Rekord liegt bei minus 50. Die Eisskulpturen von Harbin erfreuen Besucher vier Monate lang ohne die geringsten Auflösungserscheinungen. Und ausgerechnet in diesem Eiskeller eröffnet nun ein Club Med? Hierher sollen die Feriengäste in Scharen strömen, in die freiwillige Verbannung nach Chinesisch-Sibirien? Wer tut sich das an? »Sie werden sich wundern«, sagt der Fahrer. Und er wird recht behalten.

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Yabuli ist das einzige nennenswerte Skigebiet in ganz China. Vor zehn Jahren wurde mit seiner systematischen Erschließung begonnen, heute zählt es elf Pisten, eine Seilbahn, ein paar Sessellifte und fünf größere Hotels. Der Weg führt durch flache Taiga, erst kurz vor Yabuli zeichnen sich im letzten Licht des Tages ein paar Höhenzüge ab, die einen ans Erzgebirge denken lassen. Bis zum Kamm schütter bewaldet, gut 1300 Meter hoch. Zu ihren Füßen liegt der Club Med: ein langer, fünfstöckiger Hotelriegel mit mehreren Querflügeln und knapp 300 Zimmern. Kanadische Architekten haben ihn gebaut, oder besser gesagt: hingeklotzt. Die Spitzdächer und der granitene Unterbau zitieren die pompöse Gründerzeit in den Rockies, die ihrerseits Bezug nahm auf die Schweizer Belle Époque.

Yabuli: Anreise

Flug zum Beispiel mit Air China, China Eastern oder KLM nach Peking, von dort aus gehen mehrmals täglich Flüge nach Harbin, weiter mit einem Shuttle-Service nach Yabuli

Unterkunft

Eine All-inclusive-Woche im Club Med Yabuli kostet 1743 Euro für eine und 2682 Euro für zwei Personen. Die Saison geht bis Anfang April. Nähere Auskünfte über das Callcenter (01803/001904) und auf www.clubmed.com

Dröhnend rattert mein Koffer durch leere Hallen und Flure – die Gäste sind alle beim Abendessen in den drei hauseigenen Restaurants. Wie in den meisten Clubs ist hier alles inklusive, man hätte ohnehin keine andere Wahl: Die Kleinstadt Yabuli liegt fünf Kilometer entfernt, und keiner kommt auf die Idee, einen Spaziergang dorthin zu machen. Denn wer will schon in der Mandschurei erfrieren oder von einem der letzten Sibirischen Tiger gefressen werden?

Erst vor ein paar Monaten hat der Club Méditerranée die Anlage übernommen – und gleich ein gewaltiges Experiment begonnen: Die Franzosen wollen den Chinesen den Winterurlaub beibringen. Skifahren war in China bei den Massen lange nahezu unbekannt. Überhaupt ist der Individualtourismus ja gerade erst dabei, sich zu entwickeln. Fast jedes Jahr spendiert die Regierung den Arbeitnehmern einen zusätzlichen Feiertag wie den Ahnengedenktag oder den Drachenboottag, weshalb ein Angestellter mittlerweile auf knapp vier Wochen Jahresurlaub kommt. Doch die meisten Chinesen verbringen ihre Ferien nach wie vor im Kreis der Familie an den großen Feiertagen wie dem chinesischen Neujahrsfest, im Gleichtakt mit dem Kollektiv. Wer zum Wintersport in einen Club fährt, gehört zur Avantgarde.

Leser-Kommentare
  1. Sehr geehrter Herr Schomann,

    das, was früher einmal die Mandschurei genannt wurde, gibt es schon lange nicht mehr, denn spätestens seit der japanischen Besatzung der Region und dem Marionettenstaat Mandschukuo gilt dieser Name unter Chinesen nicht mehr als besonders positiv und wird somit auch nicht verwendet.
    Zudem sind an die Stelle der früheren Mandschurei die Provinzen Heilongjiang (Hauptstadt Harbin), Jilin (Hauptstadt Changchun) und Liaoning (Hauptstadt Shenyang) getreten.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Nico Marzian

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