Eine Mutter spielt mit ihrem Kind

Familie ist immer eine Erzählung . Vater, Mutter, Sohn und Tochter, von einem botanisierenden Soziologen im Schmetterlingsnetz gefangen und im Schaukasten dem staunenden Publikum präsentiert, bilden noch keine Familie. Die muss erst anfangen, über sich selbst zu sprechen und von anderen besprochen zu werden. Als bloße Menge von Personen bestimmten Verwandtschaftsgrades ist die Familie weder für sich selbst erlebbar noch für die Politik zu greifen. Nur als Erzählung von Glück und Angst, von Mühen und Konflikten, von wirtschaftlichen Sorgen und seelischen Vorgängen, von Zukunft und Vergangenheit kann die Familie zu einem Gegenstand ihres Selbstverständnisses oder staatlichen Handelns werden.

Damit beginnt das Problem aller Familienpolitik. Denn die Parteien streiten keineswegs nur um die Ziele und Mittel – also ob beispielsweise die Ehe mit leiblichen Kindern zu privilegieren ist und steuerliche Entlastungen zu diesem Zweck einzusetzen sind. Die Parteien streiten schon um die Beschreibung dessen, was zu Recht oder Unrecht Familie genannt werden kann. Gehört zum Glück einer Familie, dass die Mutter dauerhaft zu Hause für die Kinder sorgt ? Oder gehört zum Unglück einer Familie, dass der allein versorgende Vater überwiegend abwesend ist? Kräftigt oder schwächt es die Familie, wenn der Schulerfolg der Kinder nur durch unermüdliche Hausaufgabenhilfe der Eltern erreicht werden kann?

Politiker, wenn sie ihre konkurrierenden Familienbilder entwerfen, lassen sich dabei nicht nur von ihrer Lebenserfahrung und der Statistik lenken. Sie denken ebenso ans Geld, das im Landeshaushalt für Familien- und Schulpolitik zur Verfügung steht. Familie ist auch immer das, was sich bezahlen lässt. Reicht das Geld für bessere Schulen mit mehr Lehrern nicht aus, dann ist die Verführung groß, in der Nachhilfetätigkeit der Eltern eine zauberhafte Chance zur Festigung der Generationenbindung zu sehen.

Aber nicht nur Politiker beschreiben Familie und prägen damit ihr Bild. Auch die Medien tun das – und ebenfalls nicht nur nach Maßgabe von Weltbeobachtung und statistischem Material. Das Bild der Familie in den Medien ist auch immer das, was eine skandalträchtige Überschrift oder eine quotenträchtige Sendung verspricht. Eine gute Familie im Sinne der Medien ist eine Familie, deren Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs, deren Vater vor dem wirtschaftlichen Ruin steht und deren Kinder auf dem Schulhof ihre Mitschüler bestehlen. Kurz gesagt: Die Medien werden dazu neigen, das Unglück der Familie zu dramatisieren, um für Aufmerksamkeit zu sorgen – und Regierungspolitiker werden dazu neigen, das Glück der Familie herauszustellen, um Geld zu sparen.

Aber natürlich nicht immer. Regierungspolitiker kurz vor den Wahlen könnten auch geneigt sein, das Bild der Familie zu verdüstern und Mittel zu ihrer Rettung zu versprechen, wenn sie sich dadurch Wähler erhoffen. Und Medien, wenn sie die Wiederwahl von ebendiesen Politikern verhindern wollen, könnten vorübergehend dazu tendieren, das Bild der Familie wieder aufzuhellen. Mit anderen Worten: Familienpolitik folgt politischen Vorgaben.

Nur ein Bild kommt in der Regel in der öffentlichen Meinung nicht vor – das ist das Bild, das sich die Familien von sich selbst machen. Dieses Bild kann es auch gar nicht geben, weil es mutmaßlich so viele Familienlagen gibt, wie es soziale Schichten und Milieus gibt. Die Differenzierung in Unterschichts-, Mittelschichts- und reiche Familien genügt bei Weitem nicht aus, ihre Chancen auf Glück oder Unglück zu beschreiben. Zu einer Familienerzählung gehört immer auch ihre Erinnerung der Vergangenheit. Eine in die Unterschicht abgesunkene Familie mit akademischem Hintergrund über Generationen kann bei Weitem optimistischer und in der Bildung der Kinder erfolgreicher sein als eine eben gerade aufgestiegene Familie, die in ihrem Wohlstand buchstäblich ertrinkt. Und dies ist nur eine karikierende Übertreibung der zahllosen realen Unterschiede. Chancen und Gefährdungen von Familie sind bei Weitem zu komplex für die öffentliche Debatte und politische Einflussnahme. Der Familie, wie auch immer sie sich gerade zusammensetzt, so wenig finanzielle Schwierigkeiten wie möglich zu machen ist noch das Beste, was sich von der Politik fordern lässt.