Wohlstandsdebatte Reicher werden

Die Soziologin Juliet Schor rechnet mit dem zerstörerischen Wohlstand ab, erklärt dem Staat die Unabhängigkeit und sieht bessere Zeiten kommen.

Jetzt steht die Professorin übermüdet und etwas verloren auf einem eisigen Fußballplatz im Bunker- und Brachland des Berliner Ostens. Für den Fotografen friert sie so freundlich wie möglich und sagt, sie sei zum ersten Mal in Berlin. Ihr jüngstes Buch Plenitude ist in Japan erschienen, in Australien und in Korea, es wird ins Chinesische übersetzt. Berlin ist eine Stadt unter vielen andern, in der über einen Wohlstand nachgedacht wird, der nicht zerstörerisch wäre, und dies ist die Frage, die Juliet Schor interessiert. Auch in Berlin.

Die Soziologin aus Boston, eine gelernte Ökonomin, die 17 Jahre lang in Harvard gelehrt hat und nun als Professorin für Soziologie am Boston College arbeitet, verkörpert eine seltene Ostküstenmischung, die Europa kaum kennt: Juliet Schor ist eine Spitzenforscherin, deren Veröffentlichungsliste rund vierzig Seiten umfasst, sie ist Intellektuelle und grassroot- Bürgerin zugleich, eine nicht religiöse Jüdin an einem privaten katholischen College, Autorin mehrerer Bestseller, die den westlichen Lebensstil scharf kritisieren, zweifache Mutter, Frau eines Professorenkollegen indischer Herkunft und Gründungsmitglied der Bürgerbewegung des New American Dream, die aus den verschleißenden Konsummustern des westlichen Lebensstils heraushelfen will. Man könnte sie eine angewandte Religionskritikerin nennen, eine Kritikerin des Tanzes um das Goldene Kalb des ewigen Wohlstandswachstums.

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Wer will seine Kinder schon lausige Arbeit verrichten lassen?

In der deutschen Hauptstadt wird sie sehr verschiedene Leute treffen. Auf einer Konferenz des Denkwerks Zukunft, das der konservative Ökonom Meinhard Miegel erfunden hat, spricht sie vor dem besorgten Großstadt-Establishment über die Idee ihres neuen Werks: die Fülle eines sinnvolleren Wohlstands, der wenig Ressourcen verschlingt und Menschen das Gefühl gibt, reicher an Zeit, Fähigkeiten und sozialen Bindungen zu sein. Sie wird außerdem mit einem Mentor von Mundraub zusammenkommen, einer netzgestützten Initiative, die »Freies Obst für freie Bürger« fordert. Mundraub möchte ungenutzte Bäume und Büsche, in Absprache mit den Eigentümern, zum Pflücken freigegeben sehen. Schatzsucher und finder dieser Art liegen Juliet Schor. Wer brachliegende Ressourcen in Lebensqualität umwandeln möchte, der interessiert sie. Auch Sozialwissenschaftler wird die Netzwerkerin treffen.

Politiker trifft sie nicht. Dabei nimmt gegenwärtig eine neue Enquetekommission des Deutschen Bundestags die Arbeit zu ihrem Thema auf. Das interessiert die Soziologin zwar sehr, die ökologischen Fortschritte der europäischen Demokratien hält sie zu Hause ihren Landsleuten als mögliche Wirklichkeit vor: Europa hat bei ähnlichem Wohlstand nur den halben CO₂-Verbrauch pro Kopf! Aber auf klassische Politik gibt die Amerikanerin wenig. »Natürlich ist es die Aufgabe des Staates, vernünftige Rahmenbedingungen zu setzen. Aber die Zeit der staatlichen Großpolitik, wie sie Roosevelt vor hundert Jahren verkörpert hat, ist vorbei. Politik wird künftig dezentrale Institutionen und Initiativen unterstützen müssen, damit kleine und mittelständische Unternehmen entstehen, anstatt sich von den wenigen großen Unternehmen leiten zu lassen.«

Ist das nicht noch ein Grund mehr für eine Stärkung von Politik? »Wir haben zurzeit in Amerika kaum Politiker, die das können«, sagt sie, und es klingt fast entschuldigend, »die Gesellschaft muss sie erst neu hervorbringen.«

Der amerikanische Staat steht in Schors Augen heute den großen Unternehmen zu nahe. Er sei, sagt sie, zu schwach, um klimawirksame Gesetze zu verabschieden. Politisch arbeitsfähig seien nur die Bundesstaaten und Städte, aber die seien seit dem »ökonomischen Tsunami«, wie sie die jüngste Wirtschaftskrise nennt, finanziell am Ende. Für hellwach aber hält die Soziologin dafür die amerikanische Gesellschaft, die vor einem zusammengebrochenen Arbeitsmarkt und einem Haufen geplatzter Illusionen stehe. »Es fehlen elf Millionen Jobs. Nur ein Drittel der Jobs ist anständige Arbeit, der Rest ist lausig, und wer will seine Kinder schon solch lausige Arbeit verrichten lassen?« Also, erklärt Juliet Schor mit ihrer tiefen Stimme dem Berliner Publikum, solle die Politik die Gesellschaft jetzt zumindest nicht bei deren Selbsterneuerung stören. Man applaudiert dankbar, einen Steinwurf von dem Parlament entfernt, dessen Entscheidungen in Europa am meisten Gewicht haben.

Auch in der ungeheizten Vorortkirche von Boston, wo man das Klappern von Stricknadeln hört und wo an diesem Winterabend Hunderte frierend in den Kirchenbänken sitzen, ist dankbarer Applaus zu hören, wenn Juliet Schor zum Vortrag kommt. Sie strahlt Zuversicht aus. Eben noch hat sie auf einem Podium mit Nobelpreisträger Joseph Stiglitz an der Columbia-Universität in New York diskutiert, zuvor im Seminar an der Harvard Kennedy School. Und jetzt kommt sie zu den strickenden, gärtnernden, tauschenden Selfmade-Bürgern. Der Vortrag gleicht dem in Berlin, nur berichtet sie hier eingehender von lokalen Initiativen, die auch in Boston Formen der gärtnernden Subsistenzwirtschaft mit gemeinsamer Nutzung und Wiederbelebung des Sozialen verbinden. Man könnte die entstehende Selfmade-und-Recycling-Kultur, von der Schor spricht, fast ein postindustrielles Bauerntum nennen, wenn diese Bürger nicht zugleich als Handwerker, Energieerzeuger, Wissensverbreiter und Händler tätig wären. Idee und Wirklichkeit vermischen sich, wenn Schor für alle etwas Zukunft entwirft. Ein Bürger könnte von verschiedenen Einkommen leben: möglichst von einer Grundsicherung, faktisch vom Gehalt für einen Teilzeitjob, von eigenen Gewinnen, von Fundraising. Und aus Quellen, die nicht materiell sind: Freundschaft, Autonomie, Neugier, Risikolust, Gemeinschaft, Erfindergeist.

Leser-Kommentare
  1. Seit nun mehr als zwei Jahren lebe ich in den USA. Ich habe vieles gesehen und gehoert in diesen zwei Jahren. Auf der Grundlage dieser Eindruecke habe ich die Zeilen der Autorin gelesen.

    In vielen ihrer Einschaetzungen treffe ich Frau Schor zu. Auch ich bin fest davon ueberzeugt, dass in den USA die Politik der Wirtschaft zu nahe steht. (Das trifft auch fuer Deutschland und andere Laender zu, aber in den USA ist es um einige Klassen extremer.) Ebenso teile ich ihre Prognose, dass es in den USA in den kommenden Jahren wohl kaum zu einem echten Wandel in Umweltfragen kommen wird.

    Worin ich ihr nicht zustimmen kann, ist ihr (unter Menschen mit kommunistischer Praegung weit verbreiteter) positiver Blick auf die Einsichtsfaehigkeit der Menschen. Wenn sie schreibt, sie halte die amerikanische Gesellschaft fuer "hellwach" oder man solle die "Selbsterneuerung nicht stoeren", weiss ich nicht ob ich darueber weinen oder lachen soll. Ich bewege mich in dieser Zweiklassengesellschaft in einem Milieu mit hoher Bildung, hauptsaechlich Demokratenwaehler. Dennoch gibt es auch unter diesen einen enormen Anteil von US-Buergern, die den Klimawandel leugnen und die Notwendigkeit eines besseren Sozialsystems in Frage stellen. Ausserdem bin ich von Menschen umgeben, die zwar einer Oekologiebewegung nahestehen, aber dennoch auch in einer Grossstadt nicht auf ihr Auto verzichten wollen.

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    ...wird Amerika ein Geschäftsmodell machen - wenn es damit den Kopf aus der (Schulden-)Schlinge ziehen kann, und dafür liebe ich sie. Die sitzen heute wieder zuhause und stricken Pullover, und finden das megageil. Ich finde das auch!

    Sowohl der Artikel, bzw. Frau Schors Ansichten als auch Ihr Kommentar sprechen mir aus der Seele!

    • Impuls
    • 16.02.2011 um 21:49 Uhr

    kommt mental auf dasselbe raus.
    In den USA kann man schlecht auf ein Auto verzichten.
    Sie arguemntierne nicht philosophisch, soziologisch oder politisch, sondern immerzu theologisch!

    ...wird Amerika ein Geschäftsmodell machen - wenn es damit den Kopf aus der (Schulden-)Schlinge ziehen kann, und dafür liebe ich sie. Die sitzen heute wieder zuhause und stricken Pullover, und finden das megageil. Ich finde das auch!

    Sowohl der Artikel, bzw. Frau Schors Ansichten als auch Ihr Kommentar sprechen mir aus der Seele!

    • Impuls
    • 16.02.2011 um 21:49 Uhr

    kommt mental auf dasselbe raus.
    In den USA kann man schlecht auf ein Auto verzichten.
    Sie arguemntierne nicht philosophisch, soziologisch oder politisch, sondern immerzu theologisch!

  2. ...und bekommt von mir: Die Kommentatorenempfehlung!

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Ich sehe Menschen, die ihre Klimaanlage im Auto auf Hochtouren laufen lassen - bei geoeffnetem Fenster. Menschen, die Bettler wie aussaetzige Schmarotzer behandeln, aber ihr Gewissen mit Kirchenspenden befriedigen. (Warum nicht stattdessen direkt das Sozialsystem staerken?)

    Frau Schor scheint ja sagen zu wollen, dass man der Bevoelkerung nur Zeit lassen muesse fuer eine Erneuerung. Aber woher soll diese Selbsterneuerung kommen? Woher soll die Einsicht kommen, die definitiv nicht vorhanden ist.

    Ein riesiges Problem in den USA ist neben der Naehe von Politik und Wirtschaft eine geradezu abartige Medienlandschaft. Auslaendische Politik wird so gut wie nie diskutiert, es sei denn sie betrifft die USA. Und auch dann geht es mehr um militaerische Angriffs-Strategien als um politische Hintergruende und Verstaendnis. (Sendungen wie "Auslandsjournal" oder "Brennpunkt" gibt es hier schlicht nicht.)
    Eine Volksverdummung fand und findet weiterhin statt, wenn es um das Schuldenmachen geht. Es ist vollkommen in Ordnung, etwas zu kaufen, dass man nicht bezahlen kann. Die Zukunft wird es schon richten.
    Und so auch die Natur, die Umwelt: Gerade die Menschen, die sich als umweltnah darstellen, jammern ueber die hohen Energiepreise (derzeit etwa 54 Euro-Cent pro Liter Benzin...). Und natuerlich sind es die boesen Konzerne, die die Umwelt kaputtmachen, nicht der Otto-Normalbuerger.

    Und Reichensteuer? Undenkbar. Die haben ja fuer ihr Geld gearbeitet (der MacDoof-Angestellte nicht)

  4. Ich koennte noch einige Seiten fuellen, aber ich belasse es bei einem Fazit:

    Solange nicht die Politik selbst sich von der Wirtschafts-Anbindung befreit (was wohl nicht passieren wird) und die Medienlandschaft sich statt auf Volksverdummung auf ausgewogene Berichterstattung und Buergerinformation konzentriert, wird sich hier so schnell nichts aendern.

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    Wie soll sich Politik befreien, wenn sie - nehmen wir mal an - Demokratie ist? Ist's dann nicht die Sache jedes "mündigen Bürgers"?

    Aber davon mal abgesehen: Kapitalismus liegt in jedem einzelnen, der jeden Tag konsumiert. Wenn die "Politik" einem vorschreiben würde, nur noch im Tante Emma-Laden einzukaufen, würde man sich gleich beschnitten fühlen.

    Im Übrigen: "Geschäftsmodell" ist gut - Kapitalismus kann aus ALLEM Kapital schlagen. Sogar aus der eigenen Kritik an ihm...

    Wie soll sich Politik befreien, wenn sie - nehmen wir mal an - Demokratie ist? Ist's dann nicht die Sache jedes "mündigen Bürgers"?

    Aber davon mal abgesehen: Kapitalismus liegt in jedem einzelnen, der jeden Tag konsumiert. Wenn die "Politik" einem vorschreiben würde, nur noch im Tante Emma-Laden einzukaufen, würde man sich gleich beschnitten fühlen.

    Im Übrigen: "Geschäftsmodell" ist gut - Kapitalismus kann aus ALLEM Kapital schlagen. Sogar aus der eigenen Kritik an ihm...

  5. ...wird Amerika ein Geschäftsmodell machen - wenn es damit den Kopf aus der (Schulden-)Schlinge ziehen kann, und dafür liebe ich sie. Die sitzen heute wieder zuhause und stricken Pullover, und finden das megageil. Ich finde das auch!

  6. > Aus dem Kommunismus...wird Amerika ein Geschäftsmodell machen

    Ja, sicher doch. Sagen Sie das mal einem US-Amerikaner. Offensichtlich ist es an Ihnen vorbeigegangen, wie verbohrt hier Sozialismus und Kommunismus betrachtet werden.

    Eher fange ich an, an den Weihnachtsmann zu glauben.

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    ...Frau Professor Schor entwickelt doch gerade den intellektuellen Background. Oder haben Sie den Artikel nicht gelesen?

    ...Frau Professor Schor entwickelt doch gerade den intellektuellen Background. Oder haben Sie den Artikel nicht gelesen?

  7. ...Frau Professor Schor entwickelt doch gerade den intellektuellen Background. Oder haben Sie den Artikel nicht gelesen?

    Antwort auf "Wie bitte?"
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    natuerlich. Und ich zweifle auch nicht daran, dass es einzelne Menschen gibt, die von solchen Vortraegen oder Ansichten in Bewegung gesetzt werden koennen. Aber der breiten Masse der Amerikaner wird man in ihrer Konsumhaltung und Sichtweise von Sozialsystemen so nicht wandeln koennen.

    Oder haben Sie meinen Kommentar nicht gelesen?

    natuerlich. Und ich zweifle auch nicht daran, dass es einzelne Menschen gibt, die von solchen Vortraegen oder Ansichten in Bewegung gesetzt werden koennen. Aber der breiten Masse der Amerikaner wird man in ihrer Konsumhaltung und Sichtweise von Sozialsystemen so nicht wandeln koennen.

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  8. zumindest was die im Artikel geschilderten Ideen angeht. Soweit ich mich erinnere, war Thoreaus Aufenthalt in der Hütte am See auch eher ein Verlustgeschäft und Werkzeug und Material brauchte er auch noch von außen.

    Ich glaube zwar schon, dass Amerika wieder auf die Beine kommt, aber mehr als an diese neue Ostküstenphilosophie glaube ich an das Silicon Valley und kreatives Unternehmertum.

    Zwar wird es nicht für all unsere Probleme technische Lösungen geben, aber so ganz sollte man die menschliche Kreativität m.E. dann doch nicht abschreiben.

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    ...im Sillicon Valleyist ist ein Teil des Problems: die Verschwendung von Kreativität auf die Erfindung von Luxusartikeln und deren Vermarktung.
    ...born to buy...

    ...im Sillicon Valleyist ist ein Teil des Problems: die Verschwendung von Kreativität auf die Erfindung von Luxusartikeln und deren Vermarktung.
    ...born to buy...

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