Wenn die Ferien beginnen und Familien in den Urlaub aufbrechen, wird es meist hektisch. Doch für diese Pariser Familie, die versucht, den Flieger zu erreichen, geht wirklich alles schief: Das Taxi verunglückt, die Metro stellt den Betrieb ein, ein Skateboard fahrender Zirkuselefant stoppt die Karosse des Präsidenten – schließlich ist das Flugzeug weg! Und alles wegen eines aus dem Fenster gefallenen Stücks Seife. Glücklicherweise haben Außerirdische die Situation im Griff. Die Seife in der Hand, warten sie in der Wohnung der enttäuschten Heimkehrer und bringen die Familie per Raumschiff sicher an den exotischen Strand.

Man ahnt, dass all die Katastrophen zusammenhängen, dass eins das andere verursacht. Der Text gibt auch verschmitzte Hinweise auf den Hintersinn des Geschehens, doch auf den Bildern ist einfach zu viel zu sehen, um sich auf größere Zusammenhänge zu konzentrieren. Wie eine Woge schwappt das Geschehen in Orange, Rot, Gelb, Blau, Grün, Grau und Schwarz auf den weißen Untergrund. Mit expressionistischer Wucht werden Bewegungen und Stimmungen ins Bild gesetzt. Erdbeersirup färbt den Fluss rot, eine Stretchlimousine fliegt durch die Luft. Bilder von Überwachungskameras werden ebenso zum Ornament wie surrende Bienenschwärme. In den Hintergrund hat die Illustratorin Joëlle Jolivet graue Schemen geordneter Hauptstadtarchitektur gesetzt, vor denen entlaufene Bären, der aufmüpfige Elefant und Popmusiker agieren.

Jolivet hat ihre Linolschnitte mit dem Computer in effektvolle Größenverhältnisse und Raumkompositionen gezogen und koloriert. Der 1965 geborenen Illustratorin ist durch den souveränen Umgang mit Material und Technik ein echtes Kunstwerk gelungen. Sie arbeitet hier (wieder einmal) mit dem 1950 in Tunis geborenen Journalisten, Herausgeber und Drehbuchautor Jean-Luc Fromental zusammen. Dessen Spezialität sind Comictexte, und die arbeiten dem Handlungsablauf des Bilderbuches zu, weil nicht ein zweites Mal erzählt wird, sondern die Sprache das Bild erweitert.

Nebenbei zeigen die turbulenten Szenen die Vielseitigkeit einer europäischen Metropole: die Architektur, die Verkehrswege, die Politik, das Showbusiness, den Zoo, das Fußballstadion, den Flughafen. Und ebenso nebenbei baut Jolivet kleine Bosheiten ein wie den Staatspräsidenten in seiner Limousine, von dem man mangels Körpergröße nur die winkende Hand und die Stirn ausmachen kann.

Illustratorin und Autor haben sich gemeinsam einen Spaß gemacht – einen französischen Bilderbuchspaß, der auf wunderbare Weise Vernunft und Chaos, Spiel und Pädagogik in Balance hält. Das großformatige Buch ist wie geschaffen für eine spielerische und intelligente Einübung ins Bilderschauen und Geschichtenerfassen – allein oder zusammen mit einem Vorleser und Mitbetrachter. Eine Doppelseite hinten im Buch zeigt im Kleinformat noch einmal alle Stationen der Handlung. Ursache und Wirkung werden durchnummeriert in ihren Zusammenhängen geschildert. Jetzt wird klar, warum Tante Robertas Duschen ohne Brille ganz Paris in Aufruhr versetzt hat. Erwachsene werden staunen, wie viele dieser Zusammenhänge Kinder mit ihrem unverbrauchten visuellen Gedächtnis längst ausgemacht haben. Als Betrachter kann man diesem roten Faden wieder und wieder folgen oder auch ganz andere Kausalketten zu den Bildern erfinden, die Reihenfolge ändern und Personen wie Orte in eine neue Ordnung oder ein neues Chaos versetzen.