Die Schauplätze von Yasmina Khadras letzten Romanen sind alles andere als zufällig gewählt: Bagdad, Kabul, Tel Aviv. Es sind die Orte des Terrors, die den algerischen Schriftsteller interessieren. Über die Jahre schuf Khadra, der mit eigentlichem Namen Mohammed Moulessehoul heißt, eine Art Trilogie des Terrors. Die Sirenen von Bagdad, Die Schwalben von Kabul und Die Attentäterin sind literarische Einkreisungen des Unfassbaren. Khadra will mit seinen Romanen eine andere Sicht auf den religiösen Fanatismus etablieren, auf die »Religiopathie« vieler Muslime, wie er das nennt. Mitunter wurde ihm das ausgelegt, als wolle er den fundamentalistischen Terror erklären, womöglich rechtfertigen. Khadra geht es aber vor allem darum, ein sich aller Rationalität entziehendes Phänomen zu beschreiben und, so gut es eben geht, literarisch begreifbar zu machen.

Khadra ist es jedenfalls gelungen, das Interesse einer breiten literarischen Öffentlichkeit auf dieses Thema zu lenken. Seine Bücher sind in 39 Sprachen übersetzt, sie verkaufen sich weltweit, und selbst in Algerien bekommt man sie inzwischen auf Arabisch. Dass er als einer von ganz wenigen arabischen Autoren in den USA verlegt wird, dürfte Khadra auch mit Stolz erfüllen.

Bagdad, Kabul, Tel Aviv, es wirkt ein wenig so, als habe Khadra in seinen jüngsten Romanen seine Heimat eher gemieden. Vielleicht muss man genauer sein und sagen: Seit Mohammed Moulessehoul, ehemaliger Stabsoffizier der algerischen Armee, vor zehn Jahren seinen Dienst quittierte, sein weibliches Pseudonym lüftete und über Mexiko ins französische Exil ging, scheint es ihm nicht mehr so leichtgefallen zu sein, seine Romane in der verlorenen Heimat anzusiedeln.

Sein jüngstes Buch wirkt daher wie eine lang ersehnte Rückkehr. Die Schuld des Tages an die Nacht ist ein Buch der großen Gefühle, sein bislang ambitioniertestes Werk, sein wohl größter Wurf: Versöhnungsversuch, Reise ins Reich der Kindheit, eine Liebeserklärung an Algerien, aber vor allem auch ein Liebesroman, der vor der bewegten Kulisse der Zeitgeschichte spielt. Dieses Buch will das sein, was man eine Saga nennt. Nicht weniger als das.

Der kleine Junge, der sie zu erzählen beginnt, heißt Younes. »Mein Vater war glücklich«, lautet sein erster Satz, und der Leser weiß in diesem Augenblick bereits, dass dieses Glück der Zeit unmöglich wird standhalten können: Algerien, Anfang der dreißiger Jahre. Das Land ist unter französischer Kolonialherrschaft. Die Familie von Younes rettet sich von Ernte zu Ernte, das Korn steht endlich hoch, als ein Feuer alle Hoffnungen zunichtemacht. Der Vater ist gezwungen, das Land an einen französischen Siedler zu verkaufen, der es wahrscheinlich zu diesem Zweck in Brand gesetzt hat. Die kleine Familie geht in die Stadt, nach Oran, in einen Slum, und Younes lernt sehr schnell, dass nur noch ein Gesetz gilt, das des Stärkeren. Er wird Zeuge, wie der eiserne Wille seines Vaters gebrochen wird. Am Ende muss dieser seinen Sohn dem kinderlosen Bruder überlassen, einem Apotheker, der gebildet und vermögend ist, verheiratet mit einer Französin, der Einzige in der Familie, der dem Elend entwischt ist. Aus Younes, dem blauäugigen, engelsgesichtigen Araberkind, wird Jonas.