Auguste Comte, der Begründer der Soziologie, ist mehr als nur vergessen. Der mit seinem Namen verbundene Positivismus unterliegt einem strengen Tabu: Positivist will niemand sein, Positivisten sind immer die anderen, die man heftig bekämpft. Der Positivismus gilt als philosophisch naiv, unkritisch, reduktionistisch – und nicht zuletzt: politisch konservativ. Das ist zwar, genau genommen, alles falsch, aber kaum jemand macht sich noch die Mühe, Comte tatsächlich zu lesen; man weiß immer schon, was davon zu halten ist. Marxens private Bemerkung vom »Scheißpositivismus« – die damals einen lästigen Konkurrenten meinte – wurde zum definitiven Urteil. Vor allem in Deutschland, wo unter diesem Etikett nahezu das gesamte »westliche«, nicht zuletzt französische Denken im Gegensatz zum »deutschen Geist« verhandelt wurde, sodass neben Comte auch gleich dessen aufklärerische Vorläufer, ob Locke oder Hume, ob Montesquieu oder Condorcet, in den Orkus des Szientismus gekippt wurden.

In Frankreich und England ist dies anders. In seinem neuen Buch erinnert Wolf Lepenies, der Soziologe und langjährige Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs, zu Recht daran, dass Comte dort als Begründer der modernen Wissenschaftsphilosophie gilt, die seit Emile Meyerson auch Epistemologie genannt wird. Comte gehört dort zum Kanon, in Paris und London finden Vorlesungen statt, die mit seinem Namen verbunden sind. Seit 1902 steht auf dem Place de la Sorbonne ein großes Comte-Denkmal, das durch eine Subskription finanziert wurde, an der sich fast die gesamte republikanische Elite beteiligte. Doch nirgendwo ist Comte so präsent wie in Brasilien, wo 1889 die Gründer der Republik Positivisten waren und deshalb die Nationalflagge mit einem der zahllosen Motti versahen, mit denen Comte seine Lehre alltagstauglich machen wollte: »Ordem e progresso«, Ordnung und Fortschritt.

Auguste Comte war zunächst ein Wunderkind. 1798 in Montpellier geboren, begann er schon mit siebzehn Jahren das Studium an der École Polytechnique, der von Napoleon gegründeten Elitehochschule mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung. Nach der Niederlage von Waterloo wurde die Schule als Hort des Bonapartismus vorübergehend geschlossen, und der hochbegabte Student stand ohne Abschluss da. Kurz spielte er mit dem Gedanken an eine Emigration nach Amerika, blieb jedoch in Paris als freier Autor. Er arbeitete als Privatsekretär für den späteren Minister Casimir Périer und vor allem für den Grafen Saint-Simon, der als einer der Begründer des Sozialismus gilt. Der junge Comte verfasste Texte, die unter dem Namen Saint-Simons erschienen, beanspruchte aber bald Eigenständigkeit. Spätestens mit der Broschüre »Plan der wissenschaftlichen Arbeiten, die für eine Reform der Gesellschaft notwendig sind« steckte er 1822 sein Terrain ab.

Comtes Leben war ganz der Errichtung eines riesigen Werks gewidmet, das sich nach außen als System darstellt. »Positive« Philosophie, Wissenschaft und eine neuartige Vernunftreligion ohne Gott wirken ineinander verzahnt. Alles wird durchdacht, dekliniert und vermessen, wobei Comte immer wieder verblüffende Vorahnungen gelingen. Deshalb bezeichnet Lepenies ihn als »ersten Soziologen des 21. Jahrhunderts«. Comte selbst hätte das wenig überrascht, denn sein Selbstbewusstsein kannte keine Grenzen. Umso tiefer waren die Abstürze in die Depression. Mehrfach wurde Comte in psychiatrische Anstalten aufgenommen, und nur durch eine strenge »zerebrale Hygiene«, wie er es nannte, gelang es ihm – in einer Zeit ohne Psychopharmaka –, dem manisch-depressiven Auf und Ab zu entgehen. Nachdem seine Frau, eine ehemalige Prostituierte, ihn 1842 endgültig verlassen hatte, schrieb er in selbst gewählter Einsamkeit Band um Band seiner Philosophie, die in eine »Religion der Menschheit« münden sollte.