Sachbuch Shoppen ist doch ganz schön
Daniel Miller hat sich in London umgesehen und herausgefunden: Konsum wärmt das Herz.
Gerade ließ sich der Suhrkamp Verlag dafür loben, nach fast einem halben Jahrhundert Roland Barthes’ Mythen des Alltags endlich vollständig übersetzt zu edieren, da leistet er sich eine ähnlich schwer nachvollziehbare Teilübersetzung eines Buches, das dem Alltag und seinen Dingen gewidmet ist. Diesmal ist der britische Ethnologe und Konsumtheoretiker Daniel Miller der Betroffene. Allerdings ist nicht nur merkwürdig, dass lediglich die Hälfte der dreißig Kapitel seines zuerst 2008 erschienenen Buchs ins Deutsche übertragen wurden. Vielmehr fragt man sich auch, warum dem deutschen Publikum erst jetzt ein Buch Millers vorgelegt wird, obwohl der Autor bereits seit fast zwei Jahrzehnten zu den international profiliertesten und publikationsfreudigsten Vertretern der consumer culture gehört.
Doch stellt man sich in Deutschland nach wie vor ziemlich an, sobald es um Konsumtheorie geht. Vor allem Wolfgang Fritz Haugs Kritik der Warenästhetik, 1971 erschienen und erst letztes Jahr in erweiterter Fassung – ebenfalls bei Suhrkamp – neu aufgelegt, bestimmt bis heute die Szenerie. Dass Konsumprodukte manipulieren und, wie Haug behauptet, die Entfremdung des Menschen weiter steigern, wird von vielen sogar als Faktum und nicht als Theorie, schon gar nicht als marxistische Ideologie genommen. Das Gespenst des Fetischismus geht also immer noch um, und wer als Konsument andere Gefühle als Angst und schlechtes Gewissen entwickelt, gilt als dummes Opfer eines bösen Tauschwertversprechens.
Dass man es auch ganz anders sehen kann, zeigt Daniel Miller. Und das ist umso bemerkenswerter, als er seiner intellektuellen Herkunft nach kaum weniger links ist als Haug. Doch zog er daraus die Konsequenz, möglichst genaue Sozialstudien anzufertigen und das Konsumverhalten gerade einfacher Leute zu beobachten. Am liebsten hält er sich in Randbezirken Londons auf, wo er Bewohner jeweils einer Straße mit den Methoden der Ethnologie erforscht; er beobachtet, macht Fotos, führt Interviews. So ging es etwa in Theory of Shopping (1998) darum, genauer zu verstehen, wie sich Menschen in einem Supermarkt verhalten und welche Gefühle sie während eines Einkaufs entwickeln. Eines der überraschenden Ergebnisse dieser Studie war, dass Einkaufende sich in Gedanken oft bei ihnen nahen Menschen aufhalten, für die sie etwas besorgen – oder mit Blick auf die sie lieber sparsam sind.
Identifizierte Miller Konsum somit als einen Akt sozialer Wärme (und nicht als bloße Ersatzbefriedigung), so verfolgt er die Menschen in seinem neuen Buch bis in ihre Wohnungen. Ihn interessiert, wie sie mit ihren Dingen leben und welche Bedeutung diese für sie haben. Jedes Kapitel ist das Porträt eines Haushalts – und dabei meist das einer einzelnen Person, vermutlich weil ein spezifisches Dingverhältnis bei Singles leichter als bei Familien zu erkennen ist, wo mehrere Personen mit denselben Gegenständen leben. Wieder dürften die – in einem Vor- und einem Nachwort bilanzierten – Einsichten Millers viele erstaunen. So kann er feststellen, dass sich ein enges Verhältnis zu Dingen »sogar förderlich auf unsere Beziehungen zu anderen Menschen auswirkt«: Weil sich in einzelnen Dingen viele Gefühle und Erinnerungen sammeln, übt man im Umgang mit ihnen Aufbau und Kultivierung emotionaler Bindung. Doch Millers Beobachtungen reichen noch weiter. Bei einem Nachkommen der australischen Aborigines, der ein nomadenhaftes Leben führt und sich nur gelegentlich zur Miete in London aufhält, fällt ihm etwa ein sehr lockeres Verhältnis zu materiellen Dingen auf. Sein Hab und Gut ist in Lagerboxen verstaut, er hat keine aktive Beziehung dazu. Eine zentrale Rolle spielt dafür sein Laptop; er »ist das Dach, unter das er sich zurückzieht«, ja wo »er sein Leben ordnet, sich mit vertrauten Dingen umgibt und zur Ruhe kommt«. Alles, was Teil seines Lebens war, etwa auch geerbte Möbel, die er längst weggeworfen hat, ist dort in Form von Fotos gespeichert, und über E-Mails steht er in Verbindung mit Freunden und Bekannten. Miller erkennt in dem Laptop daher ein »modernes Pendant der kosmologischen Abneigung gegenüber Gegenständen, die das Leben der Aborigines-Vorfahren bestimmte«.
- Datum 14.02.2011 - 14:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.2.2011 Nr. 07
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und jeden Tag steht jemand auf und macht was für den Broterwerb.
Man weiß, Konsumkritik ist schlecht fürs Geschäft, na und ok und nun?
Was sollte sich an Konsumkritik ändern, bzw. was ist an Konsum so berauschend?
Brauchte da jemand Geld und wechselt das Mäntelchen?
Um sich an Konsum zu berauschen braucht es keine Bücher, sondern nur noch mehr Blöde die alles und jedes konsumieren und die werden ja zu Genüge herangezüchtet.
Es lebe der Broterwerb und alle gehen weiter….
Einerseits ist es schade, dass so viele wichtige Bücher aus anglo-amerikanischen Sprach- und Denkraum nicht übersetzt werden. Dies gilt für viele Beiträge in den Rechts- und Sozialwissenschaften. Damit gehen wichtige Debatten ganz an uns vorbei. Andererseits kann man sich nur wundern warum eine Million 13-Jährige Harry Potter auf Englisch lesen, aber die deutsche Kritik diesen Teil der Welt ignoriert. Ein Anfang wären hier die bibliographischen Angaben zu den nicht üübersetzten Büchern des besprochenen Autors. Nur Mut!
Warum erst jetzt ein Buch Millers ins Deutscher übertragen wurde ist leicht zu beantworten, weil seit Jahren kaum noch Bücher ins Deutsche übersetzt werden können und immer weniger Chance bestehen überhaupt anspruchsvolle Bücher und ECHTE Sach- und Fachbücher zu publizieren.... Kaum ein Fachbuch oder eine Übersetzung, die nicht mit Fördermitteln von Stiftungen auf den deutschen Markt gelangt. Bei den eher geringer werden Mitteln der Stiftungen und der öffentlichen Hand einerseits und der immer grösseren Gier der Grossverdiener der Buchbranche, die schon seit Jahren einen brutalen Markt externer Finanzierung und immer geringerer Autoren- und Übersetzervergütung geschaffen haben, wird die Zahl an Fachpublikationen, die wichtig - und nicht bloss Infotainment - sind, auch eher abnehmen. Das dabei dieser "Markt" überhaupt selbstzerstörenden Kräften ausgesetzt wird scheint nicht erkannt und reflektiert werden zu wollen, aus Ignoranz oder aus Bequemlichkeit. Ein bisschen Sapere Aude täte da wohl. Aber auch der akademisdhe Buchmarkt ist ja nur noch Shopping.
ich habe ab und zu auch das Beduerfnis nach ein bischen
" shopping therapy ".... ein paar neue Schuhe oder Handtasche koennen durchaus Depressionen vertreiben..:-))
Herr Miller sollte eine vergleichende Studie starten und den Wal-Mart in Amerika (sind Asda stores in London nicht Ableger?) genauer unter die Lupe nehmen, nicht nur weil das Unternehmen bekanntermaßen gegen das right to Freedom of Association of US Workers verstößt.
Erst gestern habe ich folgendes Interview geschaut, das entspricht schon im weitesten Sinne der consumer culture in Amerika:
http://www.youtube.com/wa...
es muss ein anderer daniel miller und ein anderes buch sein, über das wolfgang ullrich hier schreibt. mit shoppen und konsum hat "der trost der dinge" nun gar nichts zu tun, dafür mit den beziehungen, die sich menschen zu ihrer umwelt aufbauen - und dazu gehören, hier fokussiert, auch dinge. wichtige rollen spielen ebenso nachbarn, partner, haustiere, eltern, kinder, rituale, wohnungen, berufe - was zur lebensumwelt so dazu gehört. vielleicht liegt es aber nur am gewählten blickwinkel. dass "konsum das herz wärmt" und shoppen schön ist" klingt ja provokativer oder, wenn man will, zeitaktueller.
ähnlich seltsam wirkt der umfangreich ausgeführte vorwurf, miller käme einem (seinem?) literarischen anspruch nicht nach. den anspruch literatur zu erzeugen hat er nirgendwo gestellt, miller spricht von portraits. und was die sprache betrifft, sie macht das buch und sein thema sympathisch und bringt so auch seine protagonisten nahe. nicht zuletzt: es ist eine sehr offene übersetzung, eine, die sich freiheiten nimmt, aber dem anliegen millers, wie es mir erscheint, sehr entgegenkommt.
seltsam bleibt sicherlich die wahl des deutschen verlages, nur einen teil des eigentlichen buches zu veröffentlichen. aber immerhin.
Kann ich nicht feststellen, dass die Deutschen mit einer Entfremdungstheorie oder sonst irgendeiner Theorie des schlechten oder guten Gewissens einkaufen.
Geben wir es doch zu: diese ganze Katastrophe und deren nunmehr vorgebrachte Entschuldigungen, mit denen man uns hier unterhält, betreffen uns vielleicht, aber sie berühren uns nicht.
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