David-Bowie-BiografieAn der Fassade abgeglitten

Wieder versucht sich ein Biograf an David Bowie, dem Mann ohne Eigenschaften. Doch auch Marc Spitz läuft dabei ins Leere. Warum eigentlich? von Jean-Martin Büttner

Der englische Rockstar bleibt der große Unverstandene

Der englische Rockstar bleibt der große Unverstandene  |  © Evening Standard/Getty Images

Ein englischer Journalist nannte ihn einmal ein »bewegliches Ziel«, und es stimmt: David Bowie ist leicht zu sehen und schwer zu treffen. Denn er war immer schon eine Platte, eine Frisur, eine Pose, eine Religion und einen Stil weiter, wenn das Publikum zu ihm aufgeschlossen hatte. Der Wechsel bleibt sein Ziel, sein Prinzip, sein Antrieb. All seine Beteuerungen sind bloße Finten. David Bowie, der Sänger, Musiker, Konzeptkünstler, dieser makellos schöne, androgyne Mann, muss sich laufend neu erfinden, um jemand zu werden.

Kein anderer Musiker hat Fans und Kritiker so oft genarrt, keiner hat sich so radikal von einem Stil und einer Rolle distanziert, indem er sich in neue stürzte. Erstaunlicherweise hat David Robert Jones, 1947 im schäbigen Londoner Stadtteil Brixton geboten, trotz oder wegen seiner Dauerflucht bis heute erreicht, was fast keinem seiner Kollegen aus den Sechzigern gelungen ist. Nämlich künstlerisch interessant zu bleiben. Seine Inspiration hat ihn nur einmal verlassen, in seiner tiefen Schaffenskrise der achtziger Jahre. Zwar erschien seine letzte Platte vor sieben Jahren und klang wie eine Hommage an ihn selber; immerhin war sie nicht peinlich, und die dazugehörige Tour zeigte ihn als gelösten Performer mit großer Stimme.

Anzeige

Das erleichtert zwar die Beschreibung von Bowies Karriere, erschwert aber die Deutung. Wohl deshalb sind alle groß angelegten Versuche gescheitert, Bowie biografisch zu bannen. Der Versuch des Amerikaners Marc Spitz, eben in deutscher Übersetzung erschienen, braucht zwar 559 Seiten. Dennoch gleitet auch er an der Fassade des Künstlers ab, der sich 1973 in einem Satz klarer definierte als Spitz in seinem ganzen Buch: »Ich bin ein Sammler, und ich sammle Persönlichkeiten und Ideen.«

Wenigstens bekommt man Bowies Vita kohärent nacherzählt, und was dem Autor an Tiefenschärfe abgeht, macht er mit Detailreichtum wett. Er hat ehemalige Musiker und Mitmusiker, Schriftsteller, Geliebte beiderlei Geschlechts, Manager, Produzenten, Professoren und gut informierte Journalisten für sein Buch interviewt. Und hier liegt auch die Stärke seiner Fleißarbeit. Weil diese Gespräche nämlich ermöglichen, was dem Autor nicht gelingt, der sich schon im Vorwort als Fan zu erkennen gibt: ein paar kritische Blicke auf diesen unfassbaren Menschen zu werfen.

Wie die verschiedenen Interviews nämlich zeigen, neigt Bowie zum Ruchlosen. Er holt sich Einfälle von anderen und nutzt sie für den eigenen Erfolg. Er wendet sich abrupt von Mitmusikern ab, wenn sie nicht mehr zu seinem neuen Stil passen. Er hat wenig Geduld, langweilt sich schnell und sagt von sich, er habe die Aufmerksamkeitsspanne einer Heuschrecke.

Leserkommentare
  1. Bowie ist nie langweilig, jede Platte ist eine Überraschung. Ob man's dann gerade mag, ist eine andere Frage - aber er entwickelt sich ständig weiter, wird nie redundant und das ist sehr zu schätzen. Er macht wohl hoffentlich weiter so und das ist gut so. Künstler die sich nur selbst kopieren, gibt es schon genug.

  2. was meinen sie mit Platiatist?

    Antwort auf
  3. Antwortet Mr. Bowie selbst nicht auf Fragen bezüglich seiner Biographie?
    Es kllingt mir ganz so, wenn der werte Herr heute Kind wäre, würde man ihm locker ADS, wenn nicht sogar ADHS diagnostizieren vielleicht gepaar mit etwas Hochbegabtheit...
    Es ist doch auch das eigentlich interessante an ihm, dass er nicht greifbar ist. Es muss nicht immer alles zerklärt werden, finde ich!

    • barfly
    • 14. Februar 2011 15:08 Uhr

    wie soll man eine biografie über jemanden schreiben, den
    es gar nicht gibt?
    bowies immer wieder beschriebene wandlungsfähigkeit scheint eher eine art flucht-vor was auch immer-zu sein. er ist immer schon weiter als die fans heißt auch: er ist nie da.
    er hat sich immer bedient an dem was sich ihm geboten hat und ist damit sehr ökonomisch umgegangen, zu dem zweck
    bekannt oder eben berühmt zu sein.

    warum sollte der autor nicht fan sein?
    entweder eine biografie über bowie, da ist fantum eher hilfreich, oder
    eine auseinandersetzung mit den regeln der popmaschinerie, da stört es dann eher.
    ein großer popstardarsteller,meines unmaßgeblichem erachtens sehr überschätzt.

  4. Doch, mir gefiel das Buch von Hr. Spitz.
    Die Rezension kommt mir übertrieben kritisch vor,
    nicht nur am Buch, sondern auch am Objekt, an
    David Bowie. Mr. Bowie ist ein Künstler, und was er
    in seinem Leben getan hat, ist weitaus weniger "ruchlos",
    als das, was vergleichbare Künstler (besonders zu jenen Zeiten) taten. Um zu vergleichen, muß man sich natürlich in die Materie einlesen (andere Musiker-Bigraphien) oder selbst mal ein, zwei Jahre in dieses Geschäft eintauchen, denn es ist ein derbes, hartes Business. Sich von einem Mitmusiker vorübergehend zu trennen (wie im Fall Visconti geschehen), weil dieser Privates über einen ausplaudert, ist in meinen Augen auch nicht ruchlos.
    Um Hr. Bowie psychologisch zu beleuchten, muß nur seine Texte und sein Aussprüche genau studieren, und das am Besten ohne Vorbehalte, ohne vorgefasste Meinung.
    Selbst sagte er schon, daß er immer wieder unter Depressionen litt, daß er früher keinen richtigen Bezug zu seiner Gefühlswelt hatte, spricht das nicht Bände?
    Nach Durchlesen von 5 Büchern über ihn denke ich inzwischen, daß Mr. Bowie viel an sich gearbeitet hat und
    seine Persönlichkeit immer weiter entwickelt hat.
    Der angesprochene Artikel von König scheint mir sehr "verschwörerisch".
    Wenn z.B. "righteous brother" in einen okkulten Zussamenhang gesetzt wird, gilt das dann auch für die Band "Righteous Brothers"? Ich bleibe skeptisch.

  5. madonna hats auch gemacht-machts noch heute...aber bowie kam nie mehr
    an seinen alten glanz dran...schade.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    das problem ist nur das madonna schon immer belangloser pop-zirkus war und mittlerweile in peinlichkeit untergeht während bowie souverän weiterhin gute musik macht.

  6. das problem ist nur das madonna schon immer belangloser pop-zirkus war und mittlerweile in peinlichkeit untergeht während bowie souverän weiterhin gute musik macht.

  7. Wer kann mir sagen, wie der Song hieß, den DB mit ständig verändertem Aussehen vor einem Spiegel sang. Esd müssen 10 ca.Jahre vergangen sein.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte David Bowie | Autor | Buch | Idol | Künstler | Musiker
  • Blue Note Records: Erhabene Coolness

    Erhabene Coolness

    Kein Jazz ohne Blue Note Records. Miles Davis, Sidney Bechet und Art Blakey waren hier unter Vertrag. Ein neuer Band zeigt Bilder aus den goldenen Jahren des Genres.

    • Billy Corgan, Sänger der Smashing Pumpkins

      Diese Band hat alles verändert

      Wer mit den Smashing Pumpkins heranwuchs, kann enttäuscht von ihrem neuen Album sein. Oder sich einfach an wunderbare Zeiten erinnern. Eine Liebeserklärung

      • Die Airmachine von Ondřej Adámek

        Die Luft im Klang

        Töne aus Gummihandschuhen und Gartenschläuchen: Gelassen erobert der junge tschechische Komponist Ondřej Adámek den Elfenbeinturm der neuen Musik.

        • Aykut Anhut alias Haftbefehl

          Fettes, verstörendes Talent

          Die Hip-Hop-Gemeinde hat das neue Album von Haftbefehl erwartet wie eine Epiphanie. Dabei geht es um Literatur! Der Offenbacher ist der deutsche Dichter der Stunde.

          Service